70 Jahre Berliner Festspiele - Bewegte Geschichte in 300 Minuten Film

Archivbild: <<The Trojan Woman>>, La MaMa Experimental Theatre Club, Berliner Festwochen 1975. (Quelle: RBB /La MaMa Archive)
Audio: Inforadio | 28.05.2021 | Corinne Orlowski | Bild: RBB/La MaMa Archive

Seit 70 Jahren sind die Berliner Festspiele Anlaufstelle für Waghalsiges. Nahezu alle Kunst- und Kultursparten wurden bedient. Vieles ist bis heute legendär. Eine neue Ausstellung im Gropius Bau zeigt einen Zusammenschnitt aus bislang kaum bekannten Bewegt­bildern. Von Corinne Orlowski

Der verheerende Krieg ist erst seit sechs Jahren vorbei, die Stadt geteilt und noch ein Trümmerfeld, da startet in West-Berlin ein Festival voller Sensationen, Extremen und Experimenten. Entstanden als kulturpolitisches Pendant zu den großen "Weltfestspielen der Jugend" in Ost-Berlin, etablieren sich die Berliner Festwochen selbstbewusst als Schaufenster für Kunst aus der "freien Welt". Geblieben ist eine Institution für alles Zeitgenössische in der Kultur. Im 70. Geburtsjahr konzipierte Intendant Thomas Oberender die Ausstellung "Everything Is Just for a While" im Berliner Gropius-Bau, die am Freitag eröffnet.

"Die Geschichte der Festspiele ist die Geschichte eines Organismus in Veränderung. Also das heißt, wir erleben die Festspiele als eine Institution, die ständig ausprobiert was funktioniert, Formate gründet, Formate aufgibt, die merkt, wann etwas neu und wichtig ist und irgendwann auch merkt, wann man den nächsten Schritt machen muss", erklärt Oberender.

Über 1.000 Stunden Videomaterial gesichtet

Die bewegte Festspielgeschichte ist nun in der Schau nachzuempfinden. Der Gropius Bau präsentiert im zweiten Stock 300 Minuten Film. Dafür hat der Dramaturg Thilo Fischer über 1.000 Stunden Material gesichtet und zu drei Videoinstalltionen zusammengetragen. Kein Schnipsel ist länger als 30 Sekunden. "Es ist etwas Ultramodernes, etwas, dass Gelächter, Beifall und Protest auslöste", so Oberender. Beispielsweise bot das Tanzduo Cunningham/Brown gemeinsam mit den beiden Pianisten Cage und Tudor, die einfach vier Radioapparate spielen ließen oder auf ihre Flügel schlugen, eine Darbietung, die Verwunderung und fast einen Skandal auslöste, erzählt der Intendant weiter. "Auch so etwas muss wohl sein: Die Ultramodernen gehören auf das Festival. Es gibt ihm Sensation, Farbe, förderlichen Krawall und Erregung."

<<Music Walk with Dancers>>, Choreografie von Merce Cunningham, mit Carolyn Brown, John Cage und David Tudor, Berliner Festwochen 1960. (Quelle: RBB/Merce Cunningham Trust)
Bild: RBB/Merce Cunningham Trust

Knef, Hitchcock und King kommen zu Wort

Auf 16 übereinander gestapelte Röhrenfernsehern laufen Nachrichten. Auf der zweiten großen Projektionsfläche sprechen verschiedene Köpfe hintereinander, darunter Hildegard Knef und Steffi Spira, Alfred Hitchcock und Martin Luther King, Fela Kuti und Sugarcane Harris. Als drittes: ein abgedunkelter Raum mit drei Leinwänden, auch hier ein atemloser Zusammenschnitt großer künstlerischer Meilensteine. Vier Stunden nahezu alle Kunstrichtungen, non stop im Loop.

Die Ausschnitte hat Thilo Fischer ausgewählt: "Man kann natürlich alles bebildern und die fettgedruckten Highlights abarbeiten, man kann aber auch gucken, wie die Sachen miteinander wirken und aufeinander reagieren." Somit zeige die Ausstellung "Everything is just for a while", dass alles seinen Moment und immer einen Zeitgeist habe, "der da mitschwingt und die Orte und Berlin und damit auch irgendwie Stadtgeschichte."

Kino im ICC geplant

Seit 2003 gibt es keine Festwochen mehr, statt dessen Veranstaltungsreihen, die aus den Festwochen entstanden sind: Dazu gehört das Theatertreffen, das Jazzfest, die MaerzMusik, ebenso wie die Immersion, die Bundeswettbewerbe oder das internationale Literaturfestival. Und weil sich so viel Material angehäuft hat, wird es im Oktober auch ein Kinoprogramm mit Langfilmen im ehemaligen Kongresszentrum ICC geben, verkündet Thomas Oberender.

"Dafür werden wir das stillgelegte Gebäude für zehn Tage wieder in Betrieb nehmen. Die letzten, die dort waren, waren Flüchtlinge, jetzt flüchten wir selber in dieses Haus, wo unser Festspielhaus eine Baustelle ist", sagt Oberender. Gemeinsam mit der Stadt wolle man einen "großen Corona-Exorzismus" machen. Er hofft auf die Beteiligung vieler Künstler und einem pausenlosen Programm, "wo die Stadt dieses Haus mal wieder entdecken kann."

Bis dahin sind nun die kurzen, kaum bekannten Archivaufnahmen zu sehen. Die subjektiv herausgenommenen Filmausschnitte sind eindrücklich und unterhaltsam. Der riesige Zeitstrahl, der die Videoinstallationen einrahmt und mit grafischen Illustrationen und kleinen Mindmaps auflockert, ist hilfreich. Doch überwältigen die Clips durch Masse. Die Töne überlagern sich im Raum. Alles ist gleichzeitig, rauscht vorbei. Da bleibt leider kaum geistiger Gewinn zurück. Schade, gibt es doch unzählige legendäre Auftritte aus aller Welt, die man geschichtlich und ästhetisch gern durchdrungen hätte, wie beispielsweise das Brecht-Theater aus Syrien, Bildende Kunst aus Afrika, John Cale und Nico mit ihrer Version des "Deutschlandlieds", No-Theater aus Japan, Radikal Art, Griots aus Mali, Modern Jazz aus Russland oder Pina Bauschs Tänze.

Sendung: Inforadio, 28.05.2021, 15:55 Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

1 Kommentar

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  1. 1.

    Die Suche nach den Zusammenhängen zwischen Zeitgeist in der Kunst und der Historie ist sehr wichtig. In den 60 und 70er waren die NS- Mörder noch ganz präsent unter uns, und die Zerstörungen in der Kunst die Reaktion darauf. Allerdings kann man nicht sagen, alles ist nur Zeitgeist. We can so better.

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