Ausstellung | "Klaus Staeck. Politische Plakate Revisited!" - Noch einmal Frühling und Freiheit

Klaus Staeck auf der Frankfurter Buchmesse (Quelle: imago images/Michael Gottschalk)
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Audio: Inforadio | 04.05.2021 | Anna Pataczek | Bild: imago images/Michael Gottschalk

"Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen": Mit Slogans wie diesen ist der Polit-Künstler Klaus Staeck bekannt geworden. Eine Ausstellung von 1990 wird jetzt erneut gezeigt.

Es ist der 1. Mai 1990. Ein Bürgerfest im Haus der Demokratie in Potsdam lockt hunderte neugierige Besucherinnen und Besucher an. Sie schlängeln sich durch die engen Gänge des ehemaligen Stasi-Gefängnisses, wollen treppauf, treppab den Ort erkunden, aber auch die Ausstellung sehen, die aus Anlass dieses Fests dort zu sehen ist: Plakate des politischen Künstlers und Grafikers Klaus Staeck.

Sein Bruder Rolf hat den Eröffnungstag gefilmt. Die Video-Aufnahmen gibt es noch: Drinnen sieht man die Gefängniszellen, die beklemmende Enge der Flure, Gitter - und draußen: Volkfeststimmung, Heiterkeit, Familien, ein strahlender Frühlingstag. Wimpel von Parteien an Wahlkampfständen. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt feiern die ersten freien Kommunalwahlen in der noch bestehenden DDR.

Online Eintauchen in den Frühling 1990

Damals im Mai vor 31 Jahren - ein schiefes Jubiläum, aber eigentlich war die Ausstellung schon für vergangenes Jahr geplant. Sie wurde verschoben und hängt nun fertig fürs Publikum in den Räumen der Lindenstraße, wird erst einmal digital zu sehen sein. Die Gedenkstätte wurde fürs Netz virtuell nachgebaut: Man kann Filme, Dokumente und natürlich die von damals noch erhaltenen 37 Plakate von Klaus Staeck anklicken. Viele Klassiker sind darunter, Ikonen westdeutscher Polit-Kunst, wie das bekannte Werk mit dem Slogan: "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen".

Zellentür mit Durchreiche, ehemaliges Gefängnis der Staatssicherheit der DDR in der Lindenstraße, genannt "Lindenhotel", heute Gedenkstätte (Quelle: dpa/Helmut Baar)
Bild: dpa/Helmut Baar

"Die Plakate tun richtig weh"

"Ein Grund, warum wir uns entschieden haben, die Plakate noch einmal zu zeigen, war ihre Aktualität", sagt Kuratorin Amélie zu Eulenburg. "Die tun richtig weh." Auch heute noch machen die Arbeiten des ehemaligen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam: "Er thematisiert den Klimawandel, den Lobbyismus, Waffenhandel, Migration, Hungersnöte, ja sogar Hate-Speech", sagt die Kuratorin. Alles Themen von damals – und heute.

Gleichzeitig werden in der Ausstellung "Klaus Staeck. Revisited!" die Umstände der damaligen Schau gezeigt. Dazu haben die Museumsleute nicht nur in Archiven gewühlt, sondern auch viele Gespräche mit damals beteiligten Potsdamerinnen und Potsdamern geführt. Und auch der 83-jährige Klaus Staeck erinnert sich in einem Film, der in der Schau zu sehen ist: "Diese Ausstellung war schon was Besonderes, in einem Stasi-Gefängnis, damals in einer Zeit, wo natürlich überall Aufbruch herrschte."

Es war die erste Kunst-Ausstellung in diesem Haus, das über viele Jahrzehnte ein Ort der Repression war und später als Gedenkstätte genau daran erinnert. Hier wurden während des Nationalsozialismus, der sowjetischen Besatzungszeit und der SED-Diktatur Menschen aus politischen Gründen inhaftiert und verurteilt. Organisiert hatten die Plakat-Schau Mitglieder der Bürgerbewegung des Neuen Forums, die die Räume als Büros und Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger nutzten. So ist die Ausstellung "Klaus Staeck. Politische Plakate Revisited!" auch das: eine über die Geschichte des Ortes und des Frühlings kurz vor der Wiedervereinigung.

Sendung: Inforadio, 05.05.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Anna Pataczek

2 Kommentare

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  1. 2.

    Keine nur geringfügige Korrektur, unabhängig vom "Sachverhalt": Selbstverständlich ist "Brüder zur Sonne" keine Textzeile der Internationale, sondern ein eigenständiges Lied.

  2. 1.

    Und immer gab und gibt es Inspiration:
    Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor - die Textzeile der Internationale und 1977 zugleich Bildmotiv Klaus Staecks, fand in Form des Bildmotivs in sehr ähnlicher Form seine Verwendung im Motiv des Ev. Kirchentags der DDR 1986 in Wittenberg: "Bislang haben wir uns immer nur darauf verlegt, die Welt zu verändern. Jetzt kommt es darauf an, sie zu erhalten."

    Nicht nur das eindimensionale Verständnis von Fortschritt ist gescheitert, die kritiklose, simple Fortentwicklung der Produktivkräfte auch.

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