Diskriminierungsvorwurf gegen die Intendantin - Maxim-Gorki-Theater und Dramaturgin einigen sich auf Vergleich

Blick auf einen Wegweiser zum Maxim-Gorki-Theater in Berlin. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Schon seit längerem steht im Berliner Gorki-Theater der Vorwurf im Raum, die Intendantin des Hauses betreibe Machtmissbrauch. Jetzt endete der Konflikt mit einer Dramaturgin vor Gericht. Trotz der dort gefundenen Einigung bleiben viele Fragen offen. Von Cora Knoblauch

Ausgerechnet das Gorki! Ein "Klima der Angst" herrsche an dieser in der deutschen Theaterlandschaft ungewöhnliche Bühne, dem Vorzeige-Haus für interkulturelles, postmigrantisches Theater, sagen MitarbeiterInnen.

Das Maxim-Gorki-Theater ist das einzige Berliner Stadttheater, das von einer Frau geleitet wird. 2019 verließ Dramaturg Jens Hillje die Doppelspitze am Gorki, Shermin Langhoff leitet seitdem allein das Haus. Kürzlich haben 15 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Gorki gegenüber dem Magazin "Spiegel" von einer toxischen Arbeitsumgebung gesprochen und werfen Langhoff Machtmissbrauch vor. Von Wutausbrüchen, Beleidigungen, Mobbing und körperlichen Übergriffen ist die Rede. Mal wieder.

Bereits 2018 und 2019 haben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunächst intern, später bei der Vertrauensstelle Themis über die Führung im Maxim-Gorki-Theater beschwert. Mediationen und Coaching hätten danach stattgefunden. Geholfen hat das offenbar wenig. Mehrere Mitarbeiter wollen das Gorki nun bis zum Ende dieser Spielzeit deshalb verlassen.

Einigung nach Kündigung während der Elternzeit

Vor dem Bühnenschiedsgericht wurde am Mittwoch ein weiterer Vorwurf verhandelt. Die Dramaturgin Johanna Höhmann beschuldigte Langhoff, sie während ihrer Elternzeit im Oktober 2020 gekündigt und damit als Frau diskriminiert zu haben. Höhmann vermutet hinter diesem Rauswurf eine Art Strafaktion, weil sie sich zuvor an einer Beschwerde gegen den Führungsstil der Intendanz beteiligt hatte. Der Gerichtstermin in Berlin-Tiergarten dauerte nur drei Minuten und endete in einem Vergleich.

Dramaturgin Johanna Höhmann bekommt 15.000 Euro brutto, und ihr Vertragsverhältnis wird in beiderseitigem Einvernehmen Ende Juli 2021 aufgelöst. Bei dem Gerichtstermin ließen sich beide Parteien von Anwälten vertreten, weder Shermin Langhoff noch Johanna Höhmann waren anschließend für eine Stellungnahme zu haben. Vom Gorki-Theater hieß es auf rbb-Anfrage, die gerichtliche Einigung beinhalte eine Stillschweige-Klausel.

Leiterin des Theatertreffens fordert Umdenken

Auch wenn der beigelegte Rechtsstreit keinerlei Auskünfte gibt über Schuldgeständnisse oder überzogene Vorwürfe: Der Imageschaden am Maxim-Gorki-Theater ist jetzt schon groß. Berlins kleinstes Stadttheater verhandelt mit seinem interkulturellen Ensemble regelmäßig Themen wie Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit auf der Bühne. Da schmerzt die Vorstellung umso mehr, hinter der Bühne könne Mobbing dort genauso gedeihen wie in anderen Häusern.

Das Theatertreffen Berlin, das in wenigen Tagen beginnt, hat dazu auch dieses Jahr wieder einen Thementag auf seiner Agenda unter dem passenden Titel "Practice what you preach"(Praktiziere, was du predigst). Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, sagte rbb|24: "Gute Führung auf Augenhöhe ist keine Frage des Geschlechts oder Alters. Veraltete und konditionierte Machtstrukturen haben sich zum Teil tief in die DNA des Theaterbetriebs eingeschrieben. Wenn das, was derzeit in einigen Häusern endlich offen thematisiert und in der Öffentlichkeit diskutiert wird, weiterhin kein Warnsignal und Aufbruch für ein grundsätzliches Umdenken ist, verlieren die Theater ihre Glaubwürdigkeit als kritische Reflexionsmedien. Macht heißt immer auch Verantwortung!"

Langhoff sagte in einem Spiegel-Interview im Zuge der #metoo-Debatte vor wenigen Jahren, es reiche nicht, die Männer rauszuschmeißen und Frauen einzusetzen. Das würde das System nicht von selbst ändern. Die Theater in Deutschland seien in ihren Hierarchien im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Sollten die Anschuldigungen gegen ihre Person und ihren Führungsstil stimmen, scheint Shermin Langhoff sich aus diesem überkommenen Machtsystem bislang nicht befreit zu haben.

Sendung: Radioeins, 05.05.2021, 15 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

2 Kommentare

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  1. 2.

    15.000 Euro sind eine Menge Geld. Woher werden die denn genommen. In der Portokasse ist sicher nicht so viel drin. Also dann wahrscheinlich aus der Subventionssumme, die das Gorki kriegt. Oder muss der Senat ne Schippe nachlegen?

  2. 1.

    Warum soll es an einem "postmigrantischen, interkulturellen" Theater mit einer Frau an der Spitze keinen Machtmissbrauch und keine Diskriminierung geben können?
    Weil dort nur die besseren Menschen mit hohem moralischen Anspruch im Denken und Handeln arbeiten?
    Oft hat man bei Äußerungen von "Aktivisten", manchen Politikern und Journalisten diesen Eindruck!

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