Von Berlin nach Istanbul und zurück - Wie im Kreuzberg der 1980er Jahre Oriental Hip Hop geboren wurde

Die Ortaköy-Moschee in Istanbul (Quelle: dpa/Calle Montes)
Bild: dpa/Calle Montes

Oriental Hip Hop besteht aus dicken Hip-Hop-Beats, gekreuzt mit orientalischen Klängen. Er wurde in der Türkei zu einem großen popkulturellen Phänomen. Erfunden wurde es aber in Kreuzberg. Von Hendrik Schröder

Gehen wir zurück in das West Berlin Ende der 1980er Jahre. Der DJ Tan Bahar und seine Freunde hängen in Kreuzberg herum und sind begeistert von amerikanischer Hip Hop Musik. Schnell gründen sie selbst eine Band und nennen sich "Islamic Force". Fast alle der Musiker haben türkische Wurzeln.

Zunächst imitieren sie einfach ihre US-Idole, aber dann kommt Tan Bahar auf eine Idee, die ein völlig neues Genre begründen wird. "Als wir dann angefangen haben eigene Musik zu machen, hatten wir den Impuls auch Musik, die wir aus unserem Elternhaus kannten, türkische Musik, mit einfließen zu lassen", erinnert er sich, "so ist eine Mischung entstanden, die typisch Berlin und auch einzigartig ist".

Zufällig das "nächste große Ding" erfunden

Oriental Hip Hop war geboren: Fetter Bass-Sound aus den USA, gekreuzt mit Samples aus traditioneller türkischer und arabischer Musik, runtergescratcht von alten Platten aus dem Wohnzimmer der Eltern. So etwas hatte vorher noch keiner gemacht. Explizit politisch sei die Band nicht gewesen, meint Tan Bahar, obwohl sie auch über Rassismus und das, was man später Integration nannte, rappten.

Ihr Sound sei einfach so passiert, ohne großen Plan. Auch der Name "Islamic Force" entstand eher zufällig und war gar nicht religiös gemeint: "Im Prinzip haben wir ein musikalisches Abbild unseres Inneren geschaffen, weil wir ja eine Mischung aus türkischen, deutschen, auch amerikanisch geprägten Jungs waren". Schnell wurden "Islamic Force" im Rap Underground eine große Nummer und spielte jedes Wochenende in einem anderen Berliner Club.

Aber das war erst der Anfang des riesigen Erfolgs von Oriental Hip Hop, denn in der Türkei sollte alles noch viel, viel größer werden. Tan Bahar weiß noch sehr genau, wie das damals war: "Nachdem wir unsere erste Platte My Melody veröffentlicht hatten, 1992, ist diese Musik natürlich über die Türken, die regelmäßig in die Türkei geflogen sind in den Urlaub oder um ihre Verwandten zu besuchen, exportiert worden".

Marketing, Hype und Stadionkonzerte

Und dann wurde die Musikindustrie auf diesen neuen Sound aufmerksam, der plötzlich Menschen in Berlin und Istanbul gleichermaßen begeisterte. Eine große Plattenfirma steckte jede Menge Geld in die Vermarktung. Allerdings nicht in Islamic Force, sondern in das nächste heiße Oriental Hip Hop Ding: "Cartel". Aber auch bei "Cartel" stand wieder DJ Tan Bahar an den Plattentellern.

Mit Hilfe des Marketinggeldes wurden "Cartel" zu Superstars in der Türkei, sie spielten in Stadien und traten regelmäßig im Fernsehen auf. Und beeinflussten wiederum Musiker, die sich dem Sound annahmen, ihn weiterentwickelten und anders interpretieren. So kam Oriental Hip Hop in anderem Gewand wieder zurück nach Berlin. Heute sind sein Elemente aus verschiedenen neuen Hip Hop Stilen nicht mehr wegzudenken.

Aber angefangen hatte alles Ende der 1980er in Kreuzberg, als Tan Bahar und seine Kumpels diese eine Idee hatten. Darauf ist DJ und Erfinder Tan Bahar durchaus stolz: "Tatsächlich haben wir unseren Beitrag dazu geleistet, dass Menschen in der Türkei, die in der Türkei aufgewachsen sind, angefangen haben ihre türkische Rapmusik zu machen, die wir heute hier in Deutschland auch wieder hören. Tatsächlich kann man da sagen, dass es da einen musikalischen Dialog zwischen Deutschland und der Türkei gegeben hat und gibt".

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