Kritik | Performing-Arts-Festival - Alles drin, was freie Geister umtreibt

Archivbild: Der Circus Schatzinsel 2020 beim Performing Arts Festival. (Quelle: Dorothea Tuch)
Audio: Inforadio | 26.05.2021 | Ute Büsing | Bild: Dorothea Tuch

Mit 100 Produktionen im Netz und Open-Air geht das Performing-Arts-Festival in die sechste Runde. Bis zum 30. Mai soll die unkuratierte Leistungsschau die Bandbreite der freien Theaterszene anschaulich machen. Zur Eröffnung wurde erstmals ins Chamäleon-Theater geladen. Von Ute Büsing

Mit einem Stream ist am Dienstagabend das Performing-Arts-Festival eröffnet worden. Die Moderatorin des Abends, der Programm-Appetithäppchen bereithält und scheinbar endlose Danksagungs-Parcours, fährt zunächst mit dem Auto in das Berliner Varieté-Theater Chamäleon. Auf diesen Eröffnungsfilm folgen Live-Schnipsel: Moderatorin Laura Naumann vom Performance-Kollektiv Henrike Iglesias wirft sich dabei in wechselnde Glitter-Flitter-Schalen - und fordert auf, dass wir zuhause das auch tun: raus aus den Corona-Home-Office-Klamotten, rein in die festliche Robe, "dem Anlass angemessen, wenn auch nicht auf Tuchfühlung". Bis zum 30. Mai präsentiert das Festival rund 100 Produktionen aus allen Genres der freien darstellenden Künste.

Im Schnitt 80 Menschen verfolgen daheim an den Bildschirmen die Eröffnungs-Show, bei der sich der Musiker Leon the Singer mit zwei neuen Titeln die Ehre gibt. Er hat bald ein Album fertig und nutzt das Opening als Werbeauftritt, wie er freimütig zugibt. Mitwirkende aus dem Landesverband Freie Theater (Laft) und vom Performing-Arts-Festival (Paf) laufen in Blaumann und Latzhose an der Bar des Chamäleon auf und präsentieren Highlights aus dem Programm.

Kultursenator Klaus Lederer richtet ein virtuelles Grußwort an die Zuschauer. "In den vergangenen Jahren haben Sie die Vernetzung der freien Szenen vorangetrieben und den freien darstellenden Künsten so zu einer völlig neuen Form von öffentlicher Sichtbarkeit verholfen", lobt er. Lederer begrüßt auch das neue achtköpfige Leitungsteam des Festivals als Modell für kollektive Führung.

Freie Theater zwischen Digital, Indoor und Open-Air

Eine freut sich besonders, an diesem Paf-Eröffnungsabend, wieder auf Sendung zu sein: Anke Politz, künstlerische Leiterin des Chamäleon. In dem legendären Theater feiert am Samstag nach acht Monaten Spielpause im Rahmen des Festivals Floran Zumkehrs Solo-Stück "Wilt and shine" Online-Premiere. Erst im August geht es dort dann mit Live-Shows im Geiste des Neuen Circus weiter.

Wie in jedem Jahr ist auch dieses sechste Performing-Arts Festival der freien Szene eine große Wundertüte: alles drin, was freie kreative Geister umtreibt. Laft-Programmdirektorin Janina Benduski ist erstaunt über die vielen digitalen Einreichungen, vor allem über "die Selbstverständlichkeit digitaler Formate oder digitaler Alternativen zu analogen Formen".

Die Festivalplanung begann bereits im letzten Herbst, als noch Hoffnung auf die Wiederaufnahme des Normalbetriebs mit Publikum bestand. Nach den ersten Öffnungsschritten gibt es auch beim Paf-Festival endlich wieder Open-Air. Janina Benduski hebt hervor, "dass einige Künstler kurzfristig Unglaubliches auf die Beine gestellt haben" - zum Beispiel im Acker-Stadt-Palast und im Acud-Theater "in einem Baum, vor einem Museum oder in einem Spaziergangs-Format".

Queer-Feministisches und Drag Queens of Coleur

Die "Audiospielstätten-Tour" mit atmosphärisch dichten Einführungen in die beteiligten Häuser kann das geneigte Publikum sowohl im Netz anklicken, als auch vor Ort vor den Häusern. Das Team des Theaters TD Berlin darf sich als einziges freies Haus ab 27. Mai mit "Care Affair" über eine Indoor-Premiere im Rahmen des Senats-Pilotprojekts zur behutsamen Öffnung freuen. Beim Newcomer-Festival "Introducing" stellen sich diesmal vier ausdrücklich queer-feministische Projekte vor.

Zum Abschluss der einstündigen Paf-Eröffnungs-Appetithäppchen-Show läuft dann das Drag-Performance-Kollektiv für queere und Trans-People "House of Living Colours" zu Playbacksound auf. In schillernder Kledage, einem Mix aus Beachwear und Nightclub, propagiert es die Selbstbefreiung. Sowas hat die dergestalt wiederbelebte Chamäleon-Bühne noch nicht gesehen.

Sendung: Inforadio, 25.05.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

Nächster Artikel