Ausstellungskritik | "Berlin-Global" im Humboldt-Forum - Auf den Spuren der Weltmusik

Ausstellung im Humboldtforum (Quelle: Oana Popa-Costea)
Bild: Oana Popa-Costea

"Berlin-Global" heißt die große Ausstellung, die im Sommer im Humboldt-Forum eröffnet werden soll. Auf rund 4.000 Quadratmetern wird gezeigt, wie sich die Stadt mit der Welt verbindet. Hans Ackermann ist vorab in eine Welt aus Kugeln und Klang eingetaucht.

"Was verbindet man in der Welt mit Berlin - auf jeden Fall doch wohl die Vergnügungskultur und die Musik!", sagt der Historiker und Kurator Daniel Morat, der für die Ausstellung "Berlin-Global" im Humboldt-Forum verantwortlich ist. "Unsere Grundüberlegung ist, dass die moderne Welt eine global vernetzte Welt ist und Großstädte wie Berlin Knotenpunkte in diesen Netzwerken sind. Die Vergnügungskultur und speziell die Musik sind ein Feld, auf dem man solche globalen Vernetzungen sehr schön verfolgen kann."

Kugeln und Knotenpunkte

"Dein ist mein ganzes Herz" schallt es aus dem Lautsprecher. Es läuft eine Aufnahme von 1929, mit der sich der Tenor Richard Tauber auf einer Schellackplatte für alle Zeiten verewigt hat. Auf einem echten alten Grammophon abgespielt, geht der Sänger dabei im Rauschen allerdings fast unter. Natürlich hätte man die Musik auch digital filtern können, meint Daniel Morat. "Aber wir wollten dieses Knistern mit dabei haben, damit man das Gefühl einer alten Schellack-Platte auch hören kann."

Das alte Koffer-Grammphon ist in der Mitte einer großen begehbaren Kugel aufgestellt. Die "Lindström-Kugel," wie der Kurator die Installation nennt. "Der Effekt dieser Kugel ist sehr schön, weil man den Sound eben nicht auf dem Kopfhörer hat, sondern als Raumsound in dieser Kugel hört. Ein Raumklang, der durch diese geschlossene Kugel eine ganz besondere Akustik bietet."

Ausstellung im Humboldtforum (Quelle: Oana Popa-Costea)
Bild: Oana Popa-Costea

Aufnahme-Expeditionen in alle Welt

Ab 1904 hatte der schwedische Einwanderer Carl Lindström in Berlin mit der Herstellung von Grammophonen begonnen. In wenigen Jahren entstand daraus mit der Lindström-AG der größte europäische Musikkonzern der Vorkriegszeit. Und so sieht man auf der Innenwand der Kugel eine Weltkarte, die sich aus Hunderten von runden Aufklebern zusammensetzt - Papierlabel aus der Mitte von Schellackplatten, die von Firmen wie "Odeon", "Beka" oder "Parlophon" hergestellt und auf Lindberg-Grammophonen in aller Welt abgespielt wurden.

Das Unternehmen hat dafür auch internationale "Aufnahme-Expeditionen" finanziert, erzählt Daniel Morat: "Das waren 'Musik-Scouts' wie Heinrich Bumb, der darüber auch einen Reisebericht geschrieben hat, "Unsere Reise um die Welt" heißt das Buch, in dem er von diesen Aufnahmen berichtet". Bumb hatte in Berlin mit seinem "Institut für moderne Erfindungen" ebenfalls Phonographen entwickelt und sich auf dem schnell wachsenden Schallplattenmarkt etabliert. 1917 hat Carl Lindström das Beka-Label gekauft - ein Beispiel für frühe Konzentrationsprozesse in der Musikindustrie.

Globale Zirkulation von Musik

Lindström hat seine "Scouts" auch nach Argentinien geschickt und so kann man auf dem alten Grammophon auch "Yira, Yira" auswählen und sich das "Orchestre Argentin Bachica" anhören. "Der Bandleader Bachica", erzählt Morat, "war ein Argentinier, der in den 1920er-Jahren nach Paris gekommen ist und dort Aufnahmen gemacht hat. Lindström hatte auch einen Standort in Paris und dort ein eigenes Presswerk. Da sieht man diese transnationale Verflechtung: Ein Argentinier in Paris, der für ein deutsches Label einen Tango aufgenommen hat."

"Der Tango" , sagt Daniel Morat, "ist ein tolles Beispiel für diese globale Zirkulation von Musik, für dieses Hin- und Her über den Atlantik. Man kann zurückverfolgen, wie der Tango in Buenos Aires zu einer Nationalmusik aufgestiegen ist - nachdem man gemerkt hat, die Leute in Europa finden unsere Musik ganz toll."

Gesang aus aller Welt

Von den insgesamt sechzehn Klangbeispielen in der Lindström-Kugel stammt rund die Hälfte aus dem kommerziellen Vergnügungsbereich. Tangos oder Schlager wie "Ein Lied geht um die Welt" von Joseph Schmidt oder Kurt Mühlhardts "Schöner Gigolo" von 1929. Im Auftrag von Universitäten und Museen hat Lindström seine Toningenieure aber auch nach Ägypten und Syrien geschickt. Dort entstanden 1908 die ältesten Aufnahmen der Ausstellung - unter anderem mit dem Gesang von Salama Hijazi, ein 1864 geborener Pionier des ägyptischen Musiktheaters.

Lindströms internationale Aufnahme-Expeditionen haben auch den Fernen Osten bereist. Die Klangprobe aus der Peking-Oper von 1931 gehört dabei zu den akustischen Höhepunkten in der Lindström-Kugel. Denn mit Mei Lanfang gestaltet hier einer der berühmtesten Peking-Oper-Darsteller seine Rolle in den höchsten Tönen. "Das Interessante an dieser Platte ist, dass sie gar nicht primär für den deutschen Markt bestimmt war, sondern für den chinesischen Markt", erklärt Daniel Morat. Die Aufnahme aus China stammt aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlin, wo es noch viele solcher "Schätze" geben würde, sagt der Kurator.

Anfänge der Weltmusik

Der Begriff der Weltmusik wurde lange Zeit vor allem mit afrikanischen Klängen gleichgesetzt. Mit "Kakano Buli Kintu" findet sich unter den knisternden Grammophonaufnahmen tatsächlich auch ein Beispiel aus der afrikanischen Musikkultur. Das Lied aus Uganda ist eine Hymne, die an jene Chöre erinnert, die vor Jahrzehnten von Paul Simon oder Peter Gabriel für die westliche Popmusik "entdeckt" wurden.

"Der Begriff der Weltmusik", sagt Daniel Morat, "wird ja erst seit den 1970er-Jahren verwendet. Aber wenn man sich mit der globalen Zirkulation von Musikstilen beschäftigt, stellt man fest, dass das schon viel früher angefangen und mit den Schallplatten eine neue Qualität bekommen hat."

Die Schallplattenindustrie, meint der Historiker, sei der Motor dieser globalen Vernetzung von Musikstilen gewesen. "Mit der Lindström-AG haben wir ein Berliner Beispiel, wie die Schallplattenindustrie zur globalen Zirkulation von Musik beigetragen hat. Das ist das, was wir mit der Kugel erzählen wollen."

1932 ist Carl Lindström in Berlin gestorben, das von ihm begründete Unternehmen war im Jahr zuvor nach London verkauft worden und wurde dort Teil des EMI-Konzerns. Ein Schallplattengigant, der vor einigen Jahren aber auch wieder in eine andere, noch größere Firma aufgelöst wurde - womit der Name Lindström wohl endgültig aus dem Musikbetrieb verschwunden ist, aber immerhin im Humboldt-Forum in einer begehbaren Kugel weiterlebt.

Sendung: rbb-Kultur, 22.05.2021, 08:25 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

Nächster Artikel