50 Jahre "Polizeiruf 110" - Noch immer Anschluss unter dieser Nummer

Bild zum Film: Polizeiruf 110: Der Fall Lisa Murnau, Quelle: rbb/DRA/Bernd Nickel
Bild: rbb/DRA/Bernd Nickel

Es ging weniger um Mord und Totschlag, sondern um Diebstahl oder Jugendkriminalität. Der "Polizeiruf 110" - damals entwickelt in der DDR - wird 50 Jahre alt. Bis heute hat er eine treue Fangemeinde, der auch Knut Elstermann angehört.

Der "Polizeiruf 110", vor 50 Jahren als Antwort auf den westlichen, ein Jahr älteren "Tatort" gegründet, vereinte in der DDR Familien und Freunde vor dem Fernseher, er schuf eine treue Fan-Gemeinde, zu der auch ich gehörte. Noch heute fühle ich mich der Serie tief verbunden, ob beim Wiedersehen alter Filme oder bei den heutigen Erben, den aktuellen Produktionen. Der rbb und MDR haben feste Plätze für die Wiederholungen alter Folgen und ich bleibe regelmäßig dabei hängen, selbst wenn mir die Fälle bekannt sind. Es sind in diesen Filmen das verschwundene Lebensgefühl und eine untergegangene Welt konserviert.

Basierend meist auf realen Fällen

Die Fernsehkrimis in der DDR standen immer vor einem großen Problem: In der entwickelten sozialistischen Gesellschaft sollten Untaten eigentlich wie von selbst verschwinden oder doch nur noch als Ausnahmen, als Bestätigung der Regel vorkommen.

So ging es in den Filmen sehr selten um Kapitalverbrechen. Häufiger als Mord und Totschlag kamen Diebstahl und Betrugsdelikte vor die Kamera, Alkoholmissbrauch, Sexualdelikte und Jugendkriminalität. Auch wenn es merkwürdig klingt, genau diese Einschränkung machte die Stärke und die Beliebtheit des Polizeirufs aus, auch für mich.

Er sah genau hin, zeigte den Alltag einer unvollkommenen Gesellschaft. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erkannten sich und ihre Wirklichkeit in diesen Filmen wieder. Im Gewand des Kriminalfilms, im Schutz des Genres war vieles möglich. Oft basierten die Stoffe auf realen Fällen.

Von Durchschnitt bis Klassiker

Natürlich hatte nicht jede Folge gleichbleibende künstlerische Qualität, wie bei allen Serien gab es auch hier durchschnittliche Ware. Aber einige "Polizeirufe" haben sich für immer in die Erinnerung der Zuschauer eingebrannt und sind längst Klassiker. Zwei überragende Filme entstanden 1988, vielleicht war es das goldene Jahr des Polizeirufs, kurz vor dem Ende der DDR.

In "Der Mann im Baum" von Manfred Mosblech spielte der sonst so fröhliche Günter Schubert einen Vergewaltiger, der seine Opfer in den Zweigen sitzend ausspäht – ein unvergessliches, bedrohliches Bild. "Der Kreuzworträtselfall" von Thomas Jacob schilderte akribisch und sehr packend die aufwendige Suche nach einem Triebtäter, eine kriminalistische Puzzle-Arbeit. Es war einer der beklemmendsten und erfolgreichsten Filme in der langen "Polizeiruf"-Geschichte.

50 Jahre POLIZEIRUF 110: Der Kreuzworträtselfall, DDR Kriminalfilm 1988. Ein siebenjähriger Junge ist zuerst sexuell missbraucht und dann ermordet worden. Der Täter ist flüchtig, wie es im Fachjargon heißt. Die Kriminalisten verfügen über einen einzigen vagen Anhaltspunkt: Die Schrift in einigen zur Hälfte ausgefüllten Kreuzworträtseln. Leutnant Grawe ( Andreas Schmidt-Schaller, 1.v.r.) und Hauptmann Beck (Günter Naumann, 2.v.r.) bei der Recherche nach Handschriften in Kreuzworträtseln. (Quelle: ARD/DRA/Wolfram Zeuch)

Im Mittelpunkt immer die Persönlichkeiten

Der erste "Polizeiruf 110" wurde am 27. Juni 1971 ausgestrahlt, "Der Fall Lisa Murnau". Eine Postangestellte, gespielt von Petra Hinze, wird im Nachtdienst niedergeschlagen, aus dem Tresor sind 70.000 Mark verschwunden. Peter Fuchs und Vera Arndt, gespielt von Peter Borgelt und Sigrid Göhler übernahmen die Ermittlungen, mit größter Selbstverständlichkeit war von Anfang an eine Frau im Team. Anders als im "Tatort" aber blieb beim "Polizeiruf 110" völlig unklar, was die Beamten nach Dienstschluss taten, ein Privatleben war nicht vorgesehen. Im Mittelpunkt standen immer die Persönlichkeiten der Opfer und der Verdächtigen.

Beliebte und ausdrucksstarke Darsteller wie Jürgen Frohriep, Günther Naumann, Jürgen Zartmann, Andreas Schmidt-Schaller, Lutz Riemann und Siegrid Göhler, die in 46 Folgen dabei war, gaben ihren Figuren auch ohne biografisches Hinterland unverwechselbare Konturen. Zur Symbolfigur der ganzen Reihe wurde der unvergessene Peter Borgelt. Als Kriminalhauptkommissar Peter Fuchs spielte er von 1971 bis 1991 in 84 "Polizeiruf"-Folgen. Mit seinem Trenchcoat, seinem sehr menschlichen, nie auftrumpfenden Spiel, mit seiner Natürlichkeit wurde er zu einem der ganz großen Fernsehstars der DDR, ein ostdeutscher Maigret.

Tradition neu belebt

Mit dem Ende der DDR und ihres Fernsehens schien auch das Aus für den "Polizeiruf" gekommen zu sein. Doch der NDR, die neu gegründeten Anstalten MDR und der ORB, in Kooperation mit dem SFB, traten nach einer Pause von über einem Jahr das Erbe an. Sie belebten die Traditionen mit neuen Ermittlern wie Kurt Böwe und Uwe Steimle in Schwerin, Wolfgang Winkler und Jaecki Schwarz in Halle. Dort spielt übrigens auch der originelle Jubiläums-"Polizeiruf" mit Peter Kurth und Peter Schneider als neuem Ermittlerpaar, "An der Saale hellem Strande", von einem Erfolgsduo, dem Regisseur Thomas Stuber ("In den Gängen", "Herbert") und dem Autor Clemens Meier (am 30. Mai um 20.15 im Ersten und in der Mediathek).

In Brandenburg spielten die profilierten Darstellerinnen Katrin Sass, Jutta Hoffmann, Imogen Kogge und Maria Simon - mit Lucas Gregorowicz als Partner - unverwechselbare Kommissarinnen. Ihnen allen diente pflichtbewusst der Dorfpolizist Horst Krause, eine Brandenburger Institution. Inzwischen gehören für mich charaktervolle Kommissare aus dem Westen wie sie Edgar Selge, Matthias Brandt und Barbara Auer spielten, ganz selbstverständlich zum großen Ensemble der "Polizeiruf"-Ermittler, und längst dürfen die Schauspieler ihren Figuren auch ein privates Leben schenken.

Wie lebendig der "Polizeiruf" noch immer ist, zeigen auch die Rostocker Filme mit Charly Hübner, der nun leider aufhört, und Anneke Kim Sarnau. Sie sind zur großen Serie über unseren heutigen Zustand geworden, zu einem Gesellschaftsbild des vereinten und noch immer getrennten Landes. Der Schöpfer dieser sehr realistischen Rostocker Welt, der selbst zahlreiche "Polizeirufe" inszenierte, darunter den überragenden rbb-Film "Muttertag", ist der aus Irland stammende Eoin Moore. Er erhält jetzt den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehkrimi-Festivals Wiesbaden für seinen genauen, kritischen Blick, für die soziale Dimension seiner Kriminalfilme. Damit steht Moore in der besten Tradition des 50 Jahre alten Polizeirufs, der neben dem Sandmännchen der einzige Überlebende des DDR-Fernsehens ist.

Sendung: Brandenburg aktuell, 29.05.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

12 Kommentare

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  1. 12.

    Bankräuber? lohngeldraub gab es aber öfter. Die lohngelder fuhr meine Mutter Anfang der 60er bis Mitte der 70er monatlich von Rat des Stadtbezirks zum Kindergarten mit der Straßenbahn samt Lohnstreifen(1,5 cm breit 99cm lang) in einer Aktentasche. Anfänglich war sie da noch Reinemachefrau, Heizer für 15 Kohleöfen. Ihr selbst ist nichts passiert.

  2. 11.

    Na ja, man musste, wie damals üblich, auch schon mal zwischen den Zeilen lesen. Die Todesfälle wurden eben oft als "Unfälle" dargestellt, hatten aber auch häufig niedere Beweggründe zum Anlass. Und es gab durchaus z. B. Fälle von Vergewaltigung und Mord, auch in dieser Kombination. Zudem mussten die Autoren und Regisseure aufgrund der Restriktionen auch mal ihre Kreativität in "Nebenschauplätze" stecken, was nicht selten zu interessanten Ergebnissen führte - gerade aus heutiger Sicht.

  3. 10.

    Zitat: "Von all den aktuelleren "Polizeiruf110"-Folgen gefallen mir persönlich die Rostocker am besten, nicht nur wegen dem unglaublich guten Charly Hübner - sondern auch wegen Anneke Kim Sarnau"


    Für mich ist dieses Team sogar das Beste, das die deutsche Krimilandschaft überhaupt zu bieten hat - einschl. des TATORT. Aber leider hört Charly Hübner 2022 beim "Polizeiruf" auf, was ich sehr bedauere. ;-(

    https://www.rnd.de/medien/polizeiruf-110-charly-huebner-hoert-auf-nach-ueber-zehn-jahren-G6B5QNSGQDW32ITWCFCBSEQOP4.html

  4. 9.

    Kriminalhauptkommissar wurde Peter Borgelt erst in der BRD. In der DDR galten bei der Polizei die militärischen Dienstgrade, weshalt Schmidt-Schaller als Leutnant anfing.

  5. 8.

    Mein Vater arbeitete zu DDR Zeiten bei der Kriminalpolizeit BDVP Potsdam in der Abteilung Mord und Totschlag. Der fand den Polizeiruf 110 (Gergon auch DDR Neuzeig Bullencall 110) immer irgendwie als Satire.
    Kunstraub, Diebstahl von Kühlschränken und so war fast Alltag. Mord durfte offziell nie vorkommen, auch wenn er dadurch arbeitsmäßig immer stark ausgelastet war. Aber was selbst bei ihm nie war: Bankraub! Mit dem Papiergeld DDR Mark konnte selbt der smarteste Dieb nix anfangen.

  6. 7.

    Doch es ist eine Alternative zum Tatort. Dramaturgie und Philosophie unterscheiden sich.

  7. 6.

    Von all den aktuelleren "Polizeiruf110"-Folgen gefallen mir persönlich die Rostocker am besten, nicht nur wegen dem unglaublich guten Charly Hübner - sondern auch wegen Anneke Kim Sarnau. Gerade bei den Rostocker zeigt sich die gesamte Gesellschaft mit all den ungeschönten Zuständen --- auch bei der Polizeiarbeit. Buckow/König sind einfach buchstäblich unschlagbar.
    Aber auch der Brandenburger Krause ein Unikum.
    Ich freue mich immer, wenn in den 3.Regionalprogammen die alten DDR ---Polizeiruf 110 --Folgen wiederholt werden.Leider kommen die aber immer so spät.
    Interessant war übrigens vor einigen Tagen eine Reportage zum 50jährigen, da wurden z.Bsp. die realen Hintergründe für den "Kreuzworträtselfall" erklärt. Lieber rbb24, die Reportage ist doch bestimmt in der Mediathek ?!

  8. 5.

    War zwar glaube ich kein Polizeiruf, aber Schmidt-Schaller hatte im Westen dann noch mal die DDR-Folge "2 Schwestern" später weiteruntersucht. Tolle Idee!

  9. 4.

    Die Ermittler Buckow/König, Brasch, Lenski/Raczek und das vielversprechende Team Koitsch/Lehmann sowie die ehem. Ermittller Tauber/Obermeier, Krause, von Meuffels, Herz und weitere sind bzw. waren ja wohl eine sehr gute Alternative zum TATORT, "Teddybär"!

  10. 3.

    Der Teufel hat den Schnaps gemacht oder
    Unheil aus der Flasche
    Würde ich gerne mal wieder sehen.
    Diese Trinker-Polizeirufe waren immer gut gemacht.
    Die Folge Mit dem Anruf kommt der Tod war auch krass.
    Oder Glassplitter mit Jäcki.
    Unvergessen auch Leutnant Arndt.
    Tolle Frau!

  11. 2.

    Ich gucke heute noch sehr gern die DDR -Folgen .

  12. 1.

    Habe ich zu DDR-Zeiten gern gesehen, heute ist es mitunter keine Alternative zu Tatort.

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