Konzertkritik | "Viva" in Alt-Lübars - Endlich wieder Festival-Stimmung!

"Viva" in Alt-Lübars (Quelle: rbb/Hendrik Schröder)
rbb/Hendrik Schröder
Audio: Inforadio | 31.05.2021 | Hendrik Schröder | Bild: rbb/Hendrik Schröder

Musikfreunde veranstalten diesen Sommer im Berliner Ortsteil Alt-Lübars kleine Open-Air-Konzerte. Zwischen Trecker und Trampolin spielte dort am Wochenende die Deutschrock-Band "Viva". Aber das Wo war Hendrik Schröder eigentlich egal - Hauptsache: live.

50 Bierbänke stehen auf einer Wiese neben dem alten Hofgebäude verteilt, zwei Leute pro Bank sind erlaubt, also insgesamt 100. Es ist Sonntagnachmittag, die Sonne brutzelt, Kinder hüpfen nebenan auf einem Trampolin, in einer Ecke stehen ein paar grüne Bauwagen, ein verlassenes Treckeranhängergestell steht herum, ein Hund läuft zwischen den Leuten hin und her. Die Bühne ist gar keine, denn die Band spielt auf dem Boden, ein leichtes Zeltdach darüber, hinter und neben ihr Holzscheite. Die Lautstärke ist reduziert, um die Nachbarn nicht zu stören. Also alles ist einfach und eigentlich unspektakulär. Aber als die Band anfängt - mit ein paar Sprüchen und Akkorden -, da ist dieser Hof, diese Nicht-Bühne, diese Mini-Akustik-Show, nach gefühlt jahrelanger kultureller Corona-Eiszeit der schönste Ort der Welt.

"Viva" in Alt-Lübars (Quelle: rbb/Hendrik Schröder)
Bild: rbb/Hendrik Schröder

Nett, gut gelaunt, harmlos

"Viva" aus Neustadt an der Aisch sind eine total nette Deutschrockband aus vier nicht mehr ganz jungen Männern, musikalisch irgendwo zwischen Peter Maffay, Achim Reichel und den Böhsen Onkelz angesiedelt - wobei die Böhsen Onkelz insbesondere wegen ihrer Nähe zum Rechtsrock umstritten sind. Bestens gelaunt veräppelt der Sänger reihum seine Mitmusiker: Der Bassist sei zu alt, der Gitarrist habe eine Pferdegesicht und der Schlagzeuger kann nicht mal vier einzählen, alle lachen. Als der Drummer es doch schafft, korrekt vorzuzählen, gibt es Szenenapplaus von den feixenden Zuschauern - es ist herrlich.

Das Publikum ist teils von weiter weg angereist, echte Fans, schwergewichtige Männer mit großen Tattoos in Bandshirts auf denen Sachen stehen wie "Wir mögen niemanden" oder "Eine Freundschaft tief im Blut". Das kommt böse und martialisch daher, aber das Publikum ist genau wie die Band völlig harmlos und im besten Sinne uncool. Keine Ahnung, warum die so auf hart machen. Aber sie klatschen und singen "ohohohoho" an den richtigen Stellen, als wären wir nicht in Alt-Lübars, sondern in der Mercedes-Benz-Arena. Festival-Feeling kommt auf.

"Viva" in Alt-Lübars (Quelle: rbb/Hendrik Schröder)
Bild: rbb/Hendrik Schröder

Mehr davon!

Die Songs von "Viva" sind leicht zu merken und schnell mitzusingen und ein bisschen wie von der Stange, aber unterschätzen sollte man die Band nicht. Denn sie spielen sehr gut, vor allem der Drummer, der nur auf ein paar Percussion-Instrumenten ordentlich Fahrt macht. So ein Akustik-Set ist schwer für eine Gitarren-Band, es gibt keine fetten Marshall-Verstärker, keine Verzerrer, die Unzulänglichkeiten verwischen. Aber "Viva" machen das professionell und moderieren dazu witzig ihre eigenen Spielfehler noch während des Songs. Der Gitarrist spielt falsche Töne beim Solo, der Sänger trifft die Oktave nicht, die Musiker lachen sowas einfach weg und rocken weiter. Respekt dafür. Ein toller Tag. Kann das bitte so weitergehen jetzt? Kein Stream, kein Video der Welt kann so ein Erlebnis ersetzen.

Sendung: Inforadio, 31.05.2021, 9.00 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

3 Kommentare

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  1. 3.

    "Gerade die beschriebene Melange von "Rockfans" gibt vielen Menschen schon ein ungutes Gefühl."
    Ja, so schreibt der typische H.Fischer-Fan. Mal 'n Tipp: Nicht vom Erscheinungsbild täuschen lassen und sich, wenn es nicht zuviel verlangt ist, sich mit den Texten auseinandersetzen. In Bezug auf Frei.Wild auch mal die Herkunft der Band betrachten und die Texte mit den dortigen Gegebenheiten (Südtirol) verbinden. Da passt nix auf die hiesigen Glatzen - egal ob mit Schlips oder ohne. Im übrigen hat Frei.Wild einen Song gegen die G20-Krawalle gemacht. Heftig.
    Derer Beispiele würde es, gerade im Bereich Deutschrock, hinsichtlich vermeindlich missverständlicher Texte, sehr viele geben. Was glauben sie was in Englisch alles durch den Äther wabert.
    Im übrigen braucht niemand ein ungutes Gefühl gegenüber Rockfans haben. Nicht selten harte Schale, weicher Kern und der Besuch eines Konzertes oder Fetsivals ist in der Regel ungefählicher als ein Fußballspiel "Klotzedonia gegen Mauke".

  2. 2.

    Lieber Klaus, das weiß ich natürlich und habe mir im Vorfeld Gedanken darüber gemacht. Beim besagten Label ist die Band nicht mehr, es gibt auch in ihren Texten und in ihrem öffentlichen Auftreten keinerlei Hinweise auf rechtes oder nationalistisches Gedankengut. Das Management der Band positioniert sich offensiv gegen rechts und auch die Fans habe ich mir natürlich genau angeschaut und keine Hinweise auf rechte Shirts, Tattoos, Symbole, etc. gefunden. Ob man Band und Fans sympathisch findet, ist natürlich Geschmackssache, aber es greift in meinen Augen zu kurz, diese gesamte sog. neue "Deutschrock" Szene in die rechte Ecke zu stellen.

  3. 1.

    Ganz schön unreflektierter Artikel wie ich finde. Was da nicht alles verharmlost wird. Gerade die beschriebene Melange von "Rockfans" gibt vielen Menschen schon ein ungutes Gefühl. Ein Blick z.B. auf wikipedia hätte zu Tage gebracht, dass die Band früher Viva Germania hieß und auf dem Label Rookies & Kings von Frei.Wild-Sänger Philipp Burger ist. Das macht die ganze Geschichte mehr als fragwürdig. Bitte recherchieren Sie in Zukunft besser.

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