Interview | Mohamed Chahrour zu Podcast "Clanland" - "Ich sehe uns nicht als Teil einer Parallelgesellschaft"

Mohamed Chahrour (Quelle: William Minke)
Video: Abendschau | 03.05.2021 | Bild: William Minke

Was macht es aus, in einem arabischen Clan aufzuwachsen? Für Mohamed Chahrour ist es normal, denn er kommt aus einem. Anstrengend sei es aber schon manchmal, räumt er ein - zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Ein Gespräch über Vorurteile und Zugehörigkeiten.

rbb|24: Mohamed Chahrour, Sie sind Schauspieler und Komponist. Wie sind Sie bei diesem Podcast-Projekt gelandet?

Mohamed Chahrour: Ich schreibe gemeinsam mit Marcus Staiger an einem Buch über die Clan-Thematik. Wir wollten das Ganze mal aus der Innenansicht präsentieren. Motiviert hat uns die Berichterstattung über arabische Großfamilien der letzten Jahre, weil wir das Gefühl hatten, dass da wichtige Teile fehlen. Marcus kam dann irgendwann auf die Idee, parallel auch einen Podcast zu machen. Da hatte ich auch Lust drauf, und daraus wurde dann das hier.

Sie stammen selbst aus dem Chahrour-"Clan". Wie hat eigentlich Ihre Familie darauf reagiert, dass Sie bei diesem Podcast mitmachen?

Ich habe ein echt tolles Verhältnis zu meiner Familie und habe ganz viel Zuspruch erfahren. Es gab aber auch einige, die sich nichts darunter vorstellen konnten und andere die gefragt haben, was ich denn jetzt schon wieder vorhabe. Ich bin halt Künstler und der Cousin, der (ihrer Meinung nach) immer mit den merkwürdigen Outfits zur Hochzeit kommt. Aber im Großen und Ganzen entspannt.

Die erste Folge des Podcasts heißt "Der Fluch des Namens". Was bedeutet es für Sie, den Namen eines arabischen "Clans" zu tragen?

Einen solchen Namen zu tragen, bedeutet zum einen ganz viel und zum anderen ganz wenig. Zum einen können ganz normale Behördengänge, Wohnungssuche, Polizeikontrollen, Jobsuche und ähnliches unheimlich schwer sein. Leute sprechen einen an und haben eine Erwartungshaltung, obwohl sie einen nicht mal kennen, weil viele Leute “Clan” eben direkt mit Kriminalität verbinden. Jeder darf eine Meinung haben, man selbst sollte nicht zu viel Meinung haben - es ist anstrengend.

Haben Sie den Eindruck, diskriminiert zu werden beziehungsweise mit Vorurteilen konfrontiert, wenn die Leute mitbekommen, dass Ihre Familie aus dem Libanon kommt?

Absolut. Es gibt aber auch zwei Arten der Diskriminierung. Da wäre auf der einen Seite die Diskriminierung gegen Araber an sich, und da falle ich einfach in ein optisches Raster. Und auf der anderen Seite gibt es eine Diskriminierung aufgrund meines Familiennamens.

Aber man fängt ja auch irgendwann an, sich den Kreis zu schaffen, in dem man sich bewegt und bewegen möchte. Für mich sind das Künstler- und Sportkreise.

Was macht das Besondere daran aus, in einem "Clan" aufzuwachsen und zu leben?

Das kann ich Ihnen nicht sagen - aus dem einfachen Grund, dass es für mich die Normalität darstellt. Ich glaube, es unterscheidet sich gar nicht so sehr von anderen Familien. Wir haben auch unsere Kernfamilien, Eltern, die einfach mit ihren Kindern zusammenwohnen und gemeinsam ihren Alltag bewältigen. Ich weiß deswegen gar nicht, worin sich andere Familien ganz konkret in ihrem Alltag von uns unterscheiden. Vielleicht mehr Hochzeiten, mehr Beerdigungen, mehr Umzüge?

Wie stark trifft der Begriff "Parallelgesellschaft" auf solche "Clans" zu?

Ganz ehrlich: Ich sehe uns nicht als Teil einer Parallelgesellschaft. Ich verkehre in ganz unterschiedlichen Kreisen und fühle mich auch nicht abgeschottet. So geht es sehr vielen Leuten aus meiner Verwandtschaft und anderen Familien auch. Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir leben hier, wir arbeiten hier, wir zahlen unsere Steuern und wir nehmen auch sehr, sehr gern am gesellschaftlichen Leben Teil - spüren da aber auch manchmal gewisse Vorurteile. Aber ich denke, und da spreche ich für die meisten Mitglieder aus arabischen Großfamilien, wir leben definitiv nicht in einer Parallelwelt.

Das Problem ist, dass man mit dem Wort "Clan" in der öffentlichen Berichterstattung sehr oft Kriminalität verbindet und wenn es darum geht, ob Kriminelle in einer Parallelgesellschaft leben - das kann gut sein, aber da fehlt mir ehrlich gesagt der Einblick.

Warum sind manche Mitglieder arabischer "Clans" kriminell und andere nicht?

Diese Frage lässt sich leider gar nicht so kurz und einfach beantworten. Das hat, wie in jeder anderen Familie, etwas mit persönlichen Umständen und Entscheidungen zu tun. Wir haben im Podcast ausführlich mit verschiedenen Clanmitgliedern darüber gesprochen und festgestellt, dass es unmöglich ist, diesen "einen Grund" dafür festzumachen.

Man kann teilweise beobachten, wie in Kernfamilien das eine Kind studiert und das andere einen Weg einschlägt, der leider früher oder später ein trauriges Ende nehmen wird. Und das in ein und demselben Haushalt. Ich glaube aber auf jeden Fall, dass es eher eine Frage von sozialen Schichten ist und keine von Ethnien.

Hat sich Ihr persönlicher Blick auf die "Clans" im Laufe des Podcast-Projekts verändert?

Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Ich bin aber auch in einem aufgewachsen. Ich hoffe allerdings, dass sich der persönliche Blick auf die “Clans” unserer Zuhörer im Laufe des Podcasts ändert.

Warum wird behauptet, dass "Clans" im deutschsprachigen Rap so präsent seien?

Dazu haben wir im Podcast eine Doppelfolge. Es gibt eine Handvoll prominenter Fälle, in denen einzelne Clanmitglieder das Management namhafter Rapper übernommen haben und auch einen seriösen Job machen. Dann gibt es gerade einen Fall, der sehr prominent vor Gericht gelandet ist.

Alles in allem können wir aber schon mal so viel verraten: Es ist keine Einbahnstraße und es ist nicht unbedingt so, dass nur Rapper in die "Fänge von Clans" geraten, sondern dass es auch durchaus Rapper gibt, die vom Image, das eine bestimmte Großfamilie in der Öffentlichkeit hat, profitieren wollen. Das ist ein sehr kompliziertes Wechselspiel, mit dem wir uns sehr gründlich beschäftigt haben - weshalb es auch eine Doppelfolge geworden ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Ula Brunner, rbb|24

13 Kommentare

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  1. 13.

    Scheinbar gibt es (mal wieder) Probleme bei der Kommentarfunktion ... Offenbar darf die Ernsthaftigkeit ihrer ganzen Vorwürfe hier nicht angezweifelt werden ...

    "Parallelgesellschaft" ist kein politologischer Begriff, sondern eine abwertende Konstruktion mit rechtsextremem Ursprung.

    Bitte begründen Sie mal ihre Aussage.

  2. 12.

    Schon mal ein Anfang! Nun würde ich mir als nächsten Schritt einen Podcast über "Die Rolle der Frauen und Mädchen in Familienclans" oder "Tradierte Rollenmuster in Clans" wünschen. Von innen betrachtet, mit Betrachtungen der Familienmitglieder. Nur leider wäre das wohl vermutlich lebensgefährlich. Herr Chahrourn gibt zu, dass er keine neue Sicht auf die Strukturen gewonnen hat, aus denen er stammt. Und das unterscheidet ihn von Menschen, die sich auch mal gegen die Ansichten ihrer Eltern stellen und familenunabhängige Entscheidungen treffen, einfach um sebständig denkende Erwachsene zu werden.

  3. 11.

    "RBB-24-nutzer", es ist schon viel Wahres dran, was " Karl " geschrieben hat. Er hat die Realität schon beschrieben, so wie sie ist in Berlin. Für einige Sozialromatiker mag es anders sein, weil viele die Realität nicht erkennen möchten. Die Integration, ist bei sehr vielen schon längst gescheitert. Das hat natürlich viele Ursache. Hier hat die Politik über Jahrzehnte, fest geschlafen. Es fehlt letztendlich die Konsequenz. Integrationswillige müssen gut unterstützt werden und die sich nicht integrieren lassen möchten und schon eine " dicke Akte " bei der Staatsanwaltschaft haben, konsequent abschieben oder wenn und aber. Ansonsten wird nichts Gutes auf Deutschland zukommen.

  4. 10.

    Ein paar Fragenbereiche hätt ich: 1.) Worum geht es Ihnen? Wollen Sie Probleme lösen? Wollen Sie sagen, dass es keine Probleme gibt? Wollen Sie Menschen in Schubladen stecken? Wollen Sie möglichst viele akademische Begriffe in < 1000 Zeichen unterbringen? 2.) Woher kennen Sie sich so gut aus in entsprechenden Familien (im biologischen oder organisatorischen Sinn), dass Sie Berichte von Journalist*n sinngemäß als reißerisch abwerten? Wie viele Mitglieder arabischer Großfamilien und/oder (Zitat) "organisierter krimineller Gruppen" kennen Sie persönlich, um Ihre Sicht zu verifizieren? Wie viele Menschen dieser sozialen Gruppen sind Ihre Freunde oder Bekannte oder Kolleg*n, so dass Sie sicher sagen können, Parallelgesellschaften seien reine Fiktion? 3.) Wie belegen Sie einen angeblich rechtsextremen Hintergrund des Begriffs der Parallelgesellschaften? -- Bin ehrlich gespannt auf ihre ehrlichen sachlichen Antworten ohne Etikettierungen.

  5. 9.

    Ihre Behauptungen sind pauschalisierend, kriminalisierend und rassistisch, zudem unbelegt - und strafbar. Selbst die Selbstdarstellung diverser organisierte krimineller Gruppen verbreitet diese Falschbehauptung, um Einfluss etc. auszudrücken. Die Angehörigen sind aber nicht alle miteinander verwandt, sondern ordnen sich in kriminellen Milieus selbst gewählten Kodizes unter - verbreitet in der gesamten Welt organisierter Kriminalität. Ihre Behauptung, aufgrund der Angehörigkeit zu einer sozialen Gruppe tendenziell kriminell zu sein, inkl. Sozialbetrug zu begehen, ist volksverhetzend. Das dürfen auch gerne die Sundermeyers und Co. zur Kenntnis nehmen. Das kommt von undifferenznierter, emotionalisierender, autoritarismusaffiner "Berichterstattung".

    "Parallelgesellschaft" ist kein politologischer Begriff, sondern eine abwertende Konstruktion mit rechtsextremem Ursprung.

  6. 8.

    Lieber Meyer!

    Die Spiegel-Produktion war nicht reisserisch, sondern gibt nur die Realitaet wieder, die sich auch in den Kriminalitaetsstatistiken wiederspiegeln. Wenn laut BKA 2/3 der Taeter im Bereich der organisierten Kriminalitaet einen Migrationshintergrund haben, ist es schon gerechtfertigt, hier von einem Problem zu sprechen.

    Quelle: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/OrganisierteKriminalitaet/organisierteKriminalitaetBundeslagebild2019.pdf?__blob=publicationFile&v=2

    Sie koennen den Journalisten nicht vorwerfen, dass sie ueber die Sachverhalte berichten, wie sie sind. Darueber zu schweigen hilft niemandem.

    Maik Kretschmar

  7. 7.

    Sie schreiben es selber: Es wurden die Mitglieder "einer" Großfamilie portraitiert. Typisches Induktionsproblem, wenn Sie aufgrund einer reißerischen Spiegel-Produktion auf alle Familien schließen.

  8. 6.

    Herr Chahrour sollte Politiker werden, viel geredet nichts gesagt.

  9. 5.

    Ja ist leider so, dass Clans meist nur mit negativen Schlagzeilen in die Aufmerksamkeit rücken, auch wenn diese wie so viele Gruppen in unserer Gesellschaft kriminell die Minderheit sind. Ich würde mal "Clan" als Großfamilie mit eigenen Traditionen sehen. Die gab es übrigens in Zeiten vor der Globalisierung in Deutschland auch in jedem größeren Dorf. Es gab sogar so weite und abgeschiedenen Gegenden in Deutschland noch bis in die 1980er Jahr, das sah der eine aus wie der andere hieß... ;-)

  10. 4.

    In einer der Dokumentationen der letzten Jahre (ich glaube SPIEGEL TV) sind es Mitglieder einer dieser Berliner Großfamilien, die selbst sagen dass “70 bis 80%“ (!) der Familienmitglieder ausschließlich kriminell tätig sind, also keine reguläre, legale Arbeit haben.

    Das sind nicht “manche“ Mitglieder der Familie, sondern die Mehrzahl, und je nach Familie also mehrere tausend Menschen, die allesamt Tag für Tag kleinkriminell bis schwerstkriminell unterwegs sind, und natürlich gleichzeitig vom Jobcenter noch Hartz IV einstreichen als “Taschengeld“.

    Das ist nicht nur eine Parallelgesellschaft, sondern eine Gegengesellschaft, und darf auch so genannt werden.

  11. 2.

    Liest sich ganz nett, nur fehlt der Glaube daran und die Realität lehrt uns eines besseren.

  12. 1.

    Vielen Dank für das Interview und Dank an Hr. Chahrour für den Podcast. Jeder Innenblick, jeder Perspektivwechsel bringt uns alle hoffentlich weg von diesen rassistischen Vorurteilen und der Gewöhnung an den Generalverdacht.

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