Theaterkritik | "Goodyear" im Deutschen Theater - Theater-Modellprojekt mit Zuschauern durch Pollesch-Stück reanimiert

(vlnr): Sophie Rois, Jeremy Mockridge, Christine Groß, Katrin Wichmann, Astrid Meyerfeldt in einer Szene aus dme Theaterstück "Goodyear" (Bild: Deutsches Theater/Arno Declair)
Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Mit Schnelltest, Maske und reichlich Abstand: das Deutsche Theater nimmt seinen Spielbetrieb auch im Haus wieder auf. Mit René Polleschs Stück "Goodyear" ging es gleich zu Beginn um nicht weniger als das Schauspielen an sich. Von Cora Knoblauch

Fünf Leute in Rennfahreranzügen vor einer steppenartigen Landschaft, über ihnen nichts als der blaue Himmel. Sie stehen da rum und reden. K. erzählt, er kenne einen Schauspieler, der seinen Charakter nicht finden konnte. J. zitiert seinen Coach, der ihm riet, stets einen Fuß in der Rolle drin zu lassen. Egal ob beim Pausenbuffet oder privat: Ein Schauspieler, der stets einen Fuß in seiner Rolle behält, kann seinen Charakter nicht verlieren, das leuchtet allen ein. K: "Was ist ein Schauspieler? Du musst einfach nur so tun als wärst du nicht du selbst, dann ist es Theater."

Das erste Mal Pollesch seit Corona

Da ist er endlich wieder, der René-Pollesch-typische Schlagabtausch von Schauspieler*innen, die Schauspieler*innen spielen, die über die Sinnhaftigkeit des Schauspiels grübeln. Regisseur und Dramatiker René Pollesch sagte einmal über seine Arbeit, er betreibe kein Blut-Schweiß-und-Tränen-Theater, bei ihm säßen die Schauspieler eher auf dem Sofa rum und reden.

An diesem Abend stehen sie also unter einem endlos blauen Bühnenhimmel - und reden. Pollesch hatte die vier Schauspielerinnen Christine Groß, Astrid Meyerfeldt, Katrin Wichmann und seine Stammbesetzung Sophie Rois im März 2020 für das Stück "Number Four" zusammen, die Proben hatten gerade begonnen, da kam der erste Lockdown. "Number Four" wurde nie aufgeführt. Nun hat er das Frauenensemble um Jeremy Mockridge erweitert und die fünf in flotte Formel-1-Rennfahreranzüge gesteckt.

Ein Stück über das Schauspiel selbst

Trotz des Titels "Goodyear" - um die Formel 1 geht es an diesem Abend nicht wirklich. Wie immer bei Stücken von René Pollesch ist es etwas kniffelig zu beschreiben, worum es geht. Vielleicht so: Eine Gruppe von Schauspieler*innen soll einen Film über einen berühmten Rennfahrer drehen, aber irgendwie verzetteln sich die fünf in Überlegungen darüber, wie man die richtige Attitüde beim Spielen findet und ob es tatsächlich wahr ist, dass die Ehefrauen von Rennfahrern früher immer stets ihr Witwenkleid im Gepäck hatten. "Alles was nicht brummt, macht keinen Bock", da sind die fünf sich einig. Geraucht wird fleißig auf der Bühne, denn, so S.: "Ich kenne keinen lesenswerten Roman von einem Nichtraucher".

René Polleschs Stücke leben vom schauspielerischen Talent seiner Besetzung und den komisch verschrobenen, intelligenten und absurd verdrehten Texten aus der Feder von Pollesch selbst. Dass sie so gut flutschen, liegt daran, dass die Schauspieler*innen während der Proben mit- und umschreiben. Pollesch selbst kommt lediglich mit ein paar Sätzen und Ideen in die Proben - so sagt er es jedenfalls immer in Interviews. Der Fuß, den man immer drin behalten sollte im Leben wie in der Schauspielerei, der lugt die meiste Zeit als gigantischer, Bühnenfüllender Stöckelschuh hinter der Bühnenleinwand hervor. Der weiße Schuh ist fahrbar, wie ein Rennwagen wird er zuweilen vorgefahren auf der ansonsten leeren Bühne, er blinkt und leuchtet wie ein Jahrmarktkarussell.

Licht an für das Publikum

Das Publikum im Deutschen Theater ist dankbar für jeden Wortwitz, die fünf Schauspieler*innen genießen sichtlich das Spiel vor Publikum. Sophie Rois dreht voll auf, um im Rennfahrer-Jargon zu bleiben, ihre Verrenkungen und Wortkaskaden bringen nicht nur das Publikum, sondern auch ihre Kollegen auf der Bühne zum Lachen. Das Licht im Zuschauerraum ist die ganze Zeit angeblieben. Vielleicht, um die Verwirrung zu steigern, ob die Schauspieler*innen mit dem Stück schon begonnen haben oder wir lediglich deren Diskussionen während einer Drehpause verfolgen. Oder, und das ist die schönere Vermutung: seit Monaten haben wir nicht mehr unter Menschen in einem Theaterhaus gesessen, Schauspieler*innen und Publikum haben sich seit Monaten nicht gesehen. Und damit wir diesen besonderen Moment genießen können, ist das Licht einfach an geblieben.

Sendung: kulturradio, 27.05.2021, 16 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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