Theaterkritik | "Vom Umtausch ausgeschlossen" - Größer als die Summe der einzelnen Teile

Vom Umtausch ausgeschlossen des Theater Thikwa. Regie: Martina Couturier. Buehne: Isolde Wittke. Kostueme: Heike Braitmayer. Licht: Katri Kuusimaeki. Puppenbau: Simon Buchegger. (Quelle: David Baltzer)
Audio: Inforadio | 28.05.2021 | Hendrik Schröder | Bild: David Baltzer

Wie können wir unsere eigenen Mängel als Inspiration für ungewöhnliche Lösungen nutzen? Dieser Frage geht "Vom Umtausch ausgeschlossen" nach, das neueste Stück am Thikwa Theater in Kreuzberg. Hendrik Schröder hat die Stream-Premiere gesehen.

Es fängt schon mal ziemlich lustig an: Ein Mann klopft an einen Schrank, aus dem ein anderer Mann, halbnackt, herausschaut. "Ich will meine Nerven umtauschen", sagt der erste Mann, "die sind kaputt, ich will längere, ich will gute Laune Nerven". "Ja", sagt der Halbnackte, "wir können aber die schlechte Laune Nerven nicht einfach so zurücknehmen, die sind Sondermüll, die müssen sie erst mal ordnungsgemäß verpacken".

Ein super Einstieg. Dann wird es aber ernster. Körperteile werden aus einem Karton ausgepackt. Es sind die Teile einer Art Schaufensterpuppe. Und genau um diese Puppe und ihre einzelnen Teile soll es die kommende Stunde über gehen.

Alleine unvollkommen

Die Teile der Puppe werden von den fünf Schauspielern zusammengebaut und wieder auseinandergenommen, in immer neuen Szenen verschiedenartig bespielt. Mal tanzt der Torso auf dem Schoß einer Schauspielerin. Dann wird an den Gliedmaßen geknabbert. Ein Mal tragen alle die verschiedenen Teile der Puppe einzeln auf die Bühne und klopfen und hämmern darauf einen Takt und singen dazu.

Dabei ist diese Puppe im Laufe des Stücks mal Objekt, mal Subjekt. Mal wird auf ihr herumgehauen, an ihr geschnüffelt, sie durch die Gegend geschmissen, dann aber wird sie fast zur Person, wenn die Spielenden sich auf sie einlassen, sie führen, ja, integrieren. Und am Ende verschmelzen die Schauspieler zusammen mit der Puppe in einer Art Ausdruckstanz zu einem einzigen großen Organismus.

Das große Motiv des Stücks wird an dieser Stelle schon klar: Als einzelne Teile sind wir immer unvollkommen, aber zusammen können wir alles. "Wir müssen es halt immer wieder probieren, probieren, probieren", sagt dann einer fast verzweifelt auf Schweizerdeutsch.

Vom Umtausch ausgeschlossen. Regie: Martina Couturier. Buehne: Isolde Wittke. Kostueme: Heike Braitmayer. Licht: Katri Kuusimaeki. Puppenbau: Simon Buchegger. (Quelle: David Baltzer)
Szene aus "Vom Umtausch ausgeschlossen" des Theater Thikwa | Bild: Quelle: David Baltzer

Klare Botschaft ohne Moralismus

Es ist eines dieser typischen Thikwa-Stücke, die mit einfachen Mitteln gemacht sind, bei denen Leute mit und ohne Einschränkungen mitspielen (Thikwa ist Vorreiter des integrativen Theaters, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne stehen, Anm. d. Red), wo man irgendwann vergisst, wer der Spielenden jetzt eigentlich welche Behinderung hat oder vielleicht doch gar keine. Und bei denen die Botschaft am Ende simpel ist und doch so facettenreich aufgefächert daherkommt.

Das belehrt nicht, das ist nicht moralistisch, das ist eine ganz und gar kunstvolle, freudvolle Auseinandersetzung. Und das auch noch mit toller jazziger Live-Musik. "Vom Umtausch ausgeschlossen" - Note: sehr gut.

Das Stück läuft noch von Freitag bis Sonntag, 31.5.2021, im Stream auf der Seite des Thikwa Theaters. Ab dem 04. Juni soll dann vor Publikum gespielt werden.

Sendung: Inforadio, 28.05.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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