Stream-Kritik | Theatertreffen-Eröffnung - Zumindest die Zeit teilen, wenn schon nicht den Raum

V.l.n.r.: Benjamin Lillie und Matze Pröllochs in einer Szene des Stücks "Einfach das Ende der Welt"
Bild: Diana Pfammatter

Mit "Einfach das Ende der Welt" ist das Berliner Theatertreffen eröffnet worden. Christopher Rüpings Familiendrama ist ein Ausstattungs- und Schauspiel-Ereignis, das gleichermaßen Stärken und Schwächen des Mediums Theater-Livestream aufzeigt. Von Fabian Wallmeier

Benjamin (Benjamin Lillie) ist schwer krank, er wird bald sterben. Vor zwölf Jahren hat er das vor für ihn als jungen, künstlerisch veranlagten Schwulen beengende Umfeld seiner Dorfkindheit verlassen. Nun kehrt er zurück zu seiner Familie, um Abschied zu nehmen.

Christopher Rüping hat das französische Erfolgsstück "Einfach das Ende der Welt" von Jean-Luc Lagarce am Schauspielhaus Zürich zusammen mit seinem Ensemble entkernt und überschrieben. Seine live aus Zürich gestreamte Inszenierung hat am Donnerstagabend nun das - auch in diesem Jahr rein digitale - Berliner Theatertreffen eröffnet.

Rüping und sein Team haben sich bei den reinen Spielszenen im Stream gegen eine Aufzeichnung mit mehreren Kameras und live geschnittenen Bildern entschieden, wie sie im Laufe des Theatertreffens noch einige Male zu sehen sein werden. Stattdessen filmt nur eine "radikal subjektive Handkamera", wie Rüping es in seiner Einleitung sagte, das Geschehen auf der Bühne. Sie ist keine vermeintlich objektive Beobachterin, sondern Anspielpartnerin für die Schauspieler*innen und Stellvertreterin des Publikums.

Gleich am Anfang etwa spricht Hauptfigur Benjamin aus nächster Nähe direkt in die Kamera. Er spricht die Zuschauenden an, bittet sie, die Augen zu schließen, bevor er ihnen von seiner tödlichen Krankheit erzählt. Und weil er sich ja nicht darauf verlassen kann, dass die das auch wirklich tun, deckt er die Linse mit der Hand ab.

Üppig ausgestattetes Interieur

Vor allem der erste Teil des Abends ist so filmisch angelegt, dass er auch im Stream bestens funktioniert. Benjamin filmt da fast eine halbe Stunde lang das üppig ausgestattete Interieur des Elternhauses, nachgebaut aus seiner Erinnerung. Die Videokamera fängt die alten VHS-Kassetten ein, den Impfausweis, das alte gelbe Tastentelefon, die Trockenblumen, die Fertiggerichte im Kühlschrank, die Muschelsammlung der Mutter in einem Einmachglas, die Haare in der Bürste, die Porno-Hefte in Benjamins Kinderzimmer.

Er kommentiert das nicht. Der umwerfende Detailreichtum des Bühnenbilds und der Requisiten (die man übrigens über die Webseite der Berliner Festspiele virtuell betreten kann) spricht für sich. Zusammen mit ein paar durch die Soundscapes von Musiker und Live-Drummer Matze Prollöchs wehenden Bruchstücke von Hits der 1990er (Chers "Believe", "Scrubs" von TLC oder "Narcotic" von Liquido) entsteht so ein umfassendes Zeitgemälde.

V.l.n.r.: Benjamin Lillie, Maja Beckmann, Wiebke Mollenhauer und Nils Kahnwald in einer Szene des Stücks "Einfach das Ende der Welt" (Bild: Diana Pfammatter)Benjamine Lillie steht mit der Kamera in der Hand vor den anderen Schauspieler*innen des Ensembles.

Plötzlich das kahle Nichts

Wie allerdings die Zäsur zwischen dem ersten und zweiten Teil im Theater wirken muss, ist nur ansatzweise im Stream nachempfindbar: Benjamin kehrt im zweiten Teil tatsächlich zurück in das wirkliche Elternhaus - doch das Publikum sieht beim Zusammentreffen mit der Familie statt des üppig ausstaffierten Kindheitserinnerungs-Bühnenbilds: nichts. Denn in der Pause haben die Bühnenarbeiter*innen alles auseinandergebaut, an die Seite geschoben und herausgetragen. Die Wirklichkeit klafft nun im Kontrast zur sicherlich auch verklärten Erinnerung als ein kaltes Nichts.

Das Publikum, das bei früheren Vorführungen in Zürich im Saal sein durfte, hatte dagegen, wie in Kritiken zu lesen war, die Wahl, ob es in der Pause bleiben will oder nicht. Um den Schock, der sich beim Wiederbetreten des Theatersaals beim Anblick der kahl klaffenden großen Bühne einstellen muss, kann man die wenigen Glücklichen, die pro Vorstellung leibhaftig dabei sein konnten, nur beneiden.

Wie groß und dunkel die Bühne des Zürcher Schiffbaus in diesem Moment vor Ort wirken muss, kann man nur erahnen, als die Kamera über Lillies Schulter in die linke hintere Ecke filmt, aus der Benjamins kleiner Schwester auftritt. Wie weit Wiebke Mollenhauer laufen muss, bis sie bei ihm ist.

Eingespieltes Stamm-Ensemble

Neben der Einbeziehung der Bühne und der Requisiten ist das Ensemble das zweite große Ereignis der Inszenierung. Rüping liebt es, immer wieder mit denselben Menschen zusammenzuarbeiten. "Einfach das Ende der Welt" versammelt wieder Schauspieler*innen, die seit Jahren auf den Besetzungslisten seiner Inszenierungen stehen: Wiebke Mollenhaueer, Maja Beckmann, Nils Kahnwald und Musiker Matze Pröllochs waren unter anderem auch bei "Dionysos Stadt" schon dabei, Benjamin Lillie in Rüping-Inszenierungen am Berliner DT.

Diese Eingespieltheit macht sich hier wieder bezahlt, wenn sie im zweiten Teil in all die Abgründe springen, die sich auftun, wenn eine dysfunktionale Familie versucht, ihre Konflikte auszusprechen. Das nahtlose, immer kooperative statt auf Gala-Solos schielende Ineinandergreifen des Ensembles, das gemeinsame Verständnis für einen immer leicht überdrehten Plauderton, der plötzlich ins Hysterische, aber auch ins Tieftraurige kippen kann, tragen vor allem den ausgedehnten zweiten Teil des Abends.

Lillie gibt den hypernervösen und tief verletzten Heimkehrer mit einer enormen emotionalen Bandbreite, mit Volldampf und Raum für Würde. Mollenhauer stattet die kleine Schwester, die den großen Bruder einst vergöttert hat, mit feiner Verletzlichkeit aus. Beckmann plappert sich mit feiner Komik als etwas einfältige, hausmütterlich patente, Schwägerin um Kopf und Kragen, um die Konflikte der anderen zu überdecken, die sie nie ganz durchschaut. Kahnwald ist als stoisch-verbitterter Bruder der passiv-aggressive brodelnde Kern der Rest-Familie. Auch Ulrike Krumbiegel als realitätsentrückte, überspannte Mutter fügt sich gut in das eingespielte Ensemble ein.

Vom Digitalen zurück ins Analoge

Christopher Rüping war im ersten Lockdown einer der ersten Regisseure, der aus der Not eine Tugend machte und sich mit ganzer Kraft dem Livestream-Theater hingab. In "Dekalog" streamte er vor rund einem Jahr mit wechselnden Schauspieler*innen live aus Zürich kleine Monologe. Das Format entwickelte sich von Abend zu Abend weiter. Dabei entstand ein flüchtiges, offenes Stream-Theater-Labor, das einen Aufbruch in neue Theaterkonzepte andeutete.

"Einfach das Ende der Welt" indes entstand wieder als analoger Theaterabend, vor 50 Zuschauer*innen, die im Herbst in Zürich wieder im Theater zugelassen waren. Die Live-Stream-Fassung entstand aber nicht erst für das Theatertreffen. Sie stand schon zuvor hin und wieder im Digital-Programm des Zürcher Schauspielhauses.

Zumindest die Zeit teilen

Der Kontrast zu Rüpings vorigen Gastspiel beim Theatertreffen könnte natürlich nicht größer sein: "Dionysos Stadt", eine zehnstündige Antiken-Beschwörung, war vor zwei Jahren ein Theater-Rausch, der als Stream nicht einmal erahnbar wäre. Das Verbringen eines ganzen Tags im Theater, mit Wodka und Tanzfläche in den Pausen, mit Stage-Diving und der Euphorie des gemeinsam Erlebten und Geschafften, lässt sich nicht uminszenieren oder coronakonform anpassen.

Bei "Einfach das Ende der Welt" ist das zum Glück anders - der Abend lässt sich alles in allem überzeugend als Livestream umsetzen. So konnte das zweite rein digitale Theatertreffen würdig eröffnet werden - mit einer Livestream-Adaption, die die Stärken des Mediums zu nutzen weiß - und gleichzeitig seine Grenzen im Vergleich zum analogen Theater aufzeigt. "Wenn wir schon nicht den Raum teilen können, können wir zumindest die Zeit teilen", fasste Rüping den Kompromiss zusammen, den ein Livestream-Theater ausmacht. Bei der nächsten Theatertreffen-Eröffnung dann gern wieder Raum und Zeit, mit Publikum im Haus der Berliner Festspiele.

Sendung: Inforadio, 14.05.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

1 Kommentar

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  1. 1.

    Wow, was für ein Beitrag! Man fühlt sich ins Theater versetzt, selbst beim Lesen! Danke dafür, Fabian Wallmeier. Schade, dass ich sowas immer erst im Nachgang sehe :-( ich bin zwar durch den Job eigentlich abends fertig mit zoomen... aber das hätte ich tatsächlich gerne noch digital rangehängt.

    @ rbb: könnte man so eine "Veranstaltungstafel" irgendwo integrieren? Sowas wie eine digitale Litfaßsäule, damit man sieht, was so digital läuft außer Netflix? Fände ich ziemlich gut...

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