Fazit | Digitales Theatertreffen 2021 - Zehn Mal Stream, zehn Mal anders

Aufführung "Show Me A Good Time" beim Theatertreffen 2021 (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Zum zweiten Mal musste das Berliner Theatertreffen rein digital stattfinden. Die zehn eingeladenen Inszenierungen geben einen guten Überblick darüber, wie Streaming-Theater gelingen kann - und wie eher nicht. Von Fabian Wallmeier

Mittags mal für eine Stunde vorbeischauen, dann vielleicht einen Kaffee kochen, wieder einschalten, spazieren gehen, zum Stream nach Hause zurückkehren, Abendbrot machen und weiter gucken bis zum Schlafengehen: Mit dem britisch-deutschen Performance-Kollektiv Gob Squad konnte man beim am Montag zu Ende gegangenen Berliner Theatertreffen einen ganzen Tag verbringen. Von Mittag bis Mitternacht streamten sie aus dem menschenleeren Haus der Berliner Festspiele und verschiedenen Orten in der Stadt.

Eröffnung Theatertreffen 2021 (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

"Show Me a Good Time" ist frei performt, aber gleichzeitig klar strukturiert und durchgetaktet: Zu jeder halben Stunde brechen die Spieler*innen in ein zweiminütiges Lachen aus, egal, wovon gerade die Rede ist. Und zur vollen Stunde wird irgendjemand in der Stadt genötigt, eine kleine gestreamte Performance auf der Bühne des Festspielhauses angeblich nur für die jeweilige Person anzusehen. Dabei entstehen kleine Momente der Unbehaglichkeit, denen aber auch immer die Chance zu unerwarteter großer Schönheit inneliegt.

"Show Me a Good Time" streamt mal aus den Wohnungen der Performer*innnen, dann aus der S-Bahn, vom Flughafen BER, vom Schöneberger Gasometer oder aus dem Auto - und kehrt immer wieder zur großen Leerstelle zurück: dem publikumslosen Festpielhaus. Gob Squad nehmen sich immer wieder Zeit für Reflexionen über das Theater - was es in Pandemie-Zeiten bedeutet, aber auch ganz grundsätzlich. Dann wird zurück irgendwo in die Stadt geschaltet, zu flüchtigen, unerwarteten Begegnungen mit Berliner*innen, die vielleicht an ganz anderen Themen interessiert sind. So vergehen zwölf anregende, niemals rastlose, aber doch beständig vorantreibende Stunden. Streaming-Theater im besten Sinne.

Ausnahme-Schauspielerin Maja Beckmann

Auch in den beiden Zürcher Arbeiten wird die Livestream-Situation thematisiert. In Christopher Rüpings "Einfach das Ende der Welt" spricht Benjamin Lillie die Zuschauenden direkt an, macht sie zu Vertrauten des Geschehens. In "Medea*", Leonie Böhms Verknappung des tonnenschweren antiken Kindermörderinnen-Stoffs auf ein sehr heutig gedachtes kurzes Zwei-Personen-Stück, wird das Publikum direkt angesprochen.

Beide Abende verbindet eine Ausnahme-Schauspielerin: Maja Beckmann, die in "Medea*" die Titelrolle und in "Einfach das Ende der Welt" die Schwägerin der todkrank in die provinzielle Heimat zurückkehrenden Hauptfigur spielt. Ihre Lust an der Improvisation, ihr humoristisches Timing und ihre Gabe, innerhalb von kürzester Zeit mit einem leicht irritierten Zucken in den Mundwinkeln von einem emotionalen Extrem ins andere zu kippen, sind mindestens so bemerkenswert wie die beiden Inszenierungen selbst.

Weder Rüpings noch Böhms Arbeit waren ursprünglich als Streams gedacht. Die Streaming-Varianten entstanden zusätzlich zu analogen Theater-Inszenierungen, die zwischen den Lockdowns im Herbst 2020 vor Saalpublikum Premiere feiern konnten. Selbst "Show Me a Good Time" ist keine reine Stream- Inszenierung - der Abend war unter anderem in Hamburg in einer Hybridfassung mit leibhaftig anwesenden Zuschauenden zu sehen.

Aufführung "Stages Unboxed: Under Pressure" beim Theatertreffen 2021 (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Eigene Kunstform aus dem Sanatorium

Sebastian Hartmanns "Der Zauberberg" dagegen ist die einzige eingeladene Inszenierung, die noch nie analog gezeigt werden konnte. Als vor der geplanten Premiere am Deutschen Theater in Berlin im November immer klarer würde, dass der nächste Lockdown kommen würde, entschied man sich um: Hartmann und sein Team bauten den Abend radikal um, schnitten ihn auf die neue Situation zu.

Das Ergebnis, von mehreren Kameras live gefilmt, geschnitten und mit Videokunst überblendet, ist weder Film noch Theater, sondern eine eigene Kunstform. Es ist eines der großen Ereignisse unter all den Streaming-Angeboten, an denen sich die Theater landauf landab mit unterschiedlichem Erfolg versucht haben. Wie immer bei Hartmann ist die literarische Vorlage (von Thomas Mann) nur Motivgeberin und textlicher Steinbruch, eine Nacherzählung der Handlung gibt es nicht. Im Gestöber des "Schnee"-Kapitels irren die in Michelin-Anzügen gepferchten Spieler*innen von Zeit und Raum entrückt durch die Gedankenwelt des Sanatorium-Romans und schlagen beglückend-berührend den Bogen zur Entrücktheit des Pandemie-Theaters.

Unschöne Erinnerungen an das improvisierte digitale Theatertreffen vor einem Jahr kommen dagegen bei Karin Beiers Inszenierung "Reich des Todes" auf. Die zwar live aus dem Hamburger Schauspielhaus gestreamte Vorführung hat eine lieb- und ideenlos frontal abgefilmte Endprobenmitschnitthaftigkeit, die den Blick versperrt auf das, was man zweifellos erahnen kann: Die vierstündige Uraufführung von Rainald Goetz' weitschweifigem erstem Theatertext seit 20 Jahren ist ziemlich sicher im Theatersaal ein echtes emotionales und intellektuelles Ereignis. Doch im Stream bleibt die Inszenierung fern und fremd. Schade.

"Starke Stücke" für die Klassiker

Sehr viel professioneller wirken naturgemäß die drei klassischsten der eingeladenen Inszenierungen, "Automatenbüffet" vom Wiener Burgtheater, Schillers "Maria Stuart" vom Deutschen Theater Berlin und Max Frischs "Graf Öderland" vom Münchner Residenztheater und dem Schauspielhaus Basel: Sie wurden von 3sat aufgezeichnet, im Rahmen der Reihe "Starke Stücke", wie die seit Jahren bestehende Kooperation mit dem Theatertreffen heißt. Die professionellen Fernsehadaptionen (übrigens noch bis 11. September in der 3sat-Mediathek abrufbar [3sat.de]) folgen naturgemäß anderen Regeln als die neu gedachten Livestream-Inszenierungen. Es geht hier nicht um die gemeinsame Erfahrung von Gleichzeitigkeit, auch wenn das Theatertreffen sie zu verabredeten Zeiten auf die Webseite stellt, sondern um die möglichst naturgetreue Konservierung eines Theaterabends.

"Automatenbüffet", Barbara Freys Wiederentdeckung eines Theatertextes von Anna Gmeyner, lässt sich gut in dieses Format übertragen. Der Abend lebt vom starken Ensemble - und auch der große Schauwert des Bühnenbilds kommt zur Geltung: Ein Plexiglas-Automat, in dessen beleuchteten Fächern jeweils ein in ewigem Schaum erstarrtes gezapftes Bier steht, nimmt fast den ganzen Hintergrund ein. Auch "Maria Stuart" transportiert sich ganz gut ins Medium Fernsehen. Anne Lenks Inszenierung arbeitet mit einer Art Setzkasten-Bühne, in der die Figuren pandemiekonform vereinzelt in Kästchen auftreten. Die Darsteller*innen können einander dabei nicht sehen, sie müssen sich auf akustischer Ebene verständigen. Wie sich die Massivität des Setzkastens für das Publikum im DT anfühlen muss, vermag die Aufzeichnung allerdings nicht zu vermitteln. Das gilt auch für Stefan Bachmanns Inszenierung "Graf Öderland". Ein gewaltiger, nach hinten zulaufender Trichter dominiert die Bühne. Aus ihm staksen die Figuren langsam nach vorn an die Rampe. Doch immerhin kann man dank der Nahaufnahmen der Fernsehfassung dabei auch das Minenspiel in Augenschein nehmen.

Aufführung "Scores That Shaped Our Friendship" beim Berliner Theatertreffen 2021 (Quelle: Jean-Marc Turmes)
Bild: Jean-Marc Turmes

Gegen das Vergessen der Frauen

Das gilt in besonderem Maße auch für "Scores That Shaped Our Friendship" von Lucy Wilke und Pawel Dudus, mit dem das Theatertreffen am Montagabend zu Ende ging: Die in der Münchner freien Szene entstandene Produktion zwischen Tanz und Performance zeigt die beiden Performer*innen dabei, wie sie einander berühren, entdecken, wertschätzen. Die Performerin Wilke, die mit spinaler Muskelatrophie geboren wurde, und Dudus, ein queerer Tänzer, streicheln sich, bewegen sich langsam durch den mit Matratzen ausgelegten Raum. Sie stellen dabei körperliche Normen in Frage und lassen eine Intimität zu, die sich durch die Nähe der Kameraaufnahmen noch steigert.

Auch "Name Her" ist für das Theatertreffen umgearbeitet und aufgezeichnet worden. Die am Berliner Ballhaus Ost uraufgeführte siebeneinhalbstündige Performance wurde ohne Publikum aufgezeichnet und dabei auf sechs Stunden inklusive Pausen gekürzt. Regisseurin Marie Schleef und Performerin Anne Tismer begeben sich auf eine "Suche nach den Frauen+", so der Untertitel des langen Abends. Alphabetisch nach Vornamen geordnet stellt Tismer bedeutende Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen und viele andere Frauen vor, die von der männlich dominierten Geschichtsschreibung unterdrückt und weitgehend vergessen worden sind.

Tismers performativer, tänzerischer und textlicher Kraftakt klingt vom Konzept her fordernder, als er ist. "Name Her" ist nicht nur geist- sondern auch enorm abwechslungsreich - und ein weiterer Beweis, was für eine außergewöhnliche, die Genres sprengende Künstlerin sie ist. Schade nur, dass das starre Kamerakonzept kein einziges Mal eine Großaufnahme ihres Gesichts zeigt. Im Ballhaus muss die Erfahrung noch eine Ecke lebendiger gewesen sein.

Eröffnung Stückemarkt und Artists' Talk beim Theatertreffen 2021 (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Würdiger Ersatz für das analoge Treffen

Das Theatertreffen hat im Großen und Ganzen das Beste daraus gemacht, dass es schon zum zweiten Fall nur ein virtuelles Treffen sein konnte. Das traurige, aus der Not geborene Debakel des vergangenen Jahres, als man nur eilig ein paar niemals für ein Publikum gedachte interne Mitschnitte ins Netz stellen konnte, hat sich zum Glück nicht wiederholt. Zwar ist die große Mehrheit der zehn eingeladenen Inszenierungen ganz klassisch analog konzipiert worden. Dennoch konnte man in diesem Jahr auf die Streaming-Erfahrungen eines ganzes Pandemie-Jahres zurückgreifen - und damit einen würdigen Ersatz für das analoge Theatertreffen bieten.

Im nächsten Jahr wird man die bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison dann wohl endlich wieder im Festspielhaus sehen können. Dennoch: Hoffentlich vergessen die Theater das digitale Know-how, das sie sich in dieser langen Ausnahmezeit erarbeitet haben, nach der Pandemie nicht vollständig.

Beitrag von Fabian Wallmeier

1 Kommentar

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  1. 1.

    Also dieses Jahr entspannt offen für alle, nächstes Jahr dann wieder die elitär-exklusiv ausgrenzende Kartenzuteilung, bei der die Szene unter sich bleiben kann

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