Theatertreffen im Wandel - Vom Filmfenster zum digitalen Begegnungsraum

Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, sitzt im Februar 2021 im Haus der Kulturen der Welt an der Technik. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 12.05.2021 | Ute Büsing | Bild: dpa/Jens Kalaene

Das alljährliche Theatertreffen beginnt am Donnerstag in Berlin. Wie im Vorjahr findet die Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters mit zehn ausgewählten Inszenierungen und umfangreichem Begleitprogramm ausschließlich digital statt. Von Ute Büsing

Schon das letzte Theatertreffen war von Corona geprägt. Damals konnten nur sechs der ausgewählten zehn Inszenierungen digital gezeigt werden. Inzwischen haben sich die Berliner Festspiele einen ausgefeilten "Technik-Parcours" zugelegt. Sie streamen alle zehn Inszenierungen, zum Teil live und mit Chatfunktion. "Richtig neue Sachen" habe man erfunden, freut sich Festspiele Intendant Thomas Oberender: "Filmfenster, das war gestern. Heute besteht die Möglichkeit, sich auszutauschen, zu chatten, und sich in digitalen Begegnungsräumen zu treffen". Oberender findet, das kompensiere ein bisschen das, was früher der Festspielgarten war oder die Foyers waren.

Auch die Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, berichtet, wie aus der Not eine digitale Tugend wurde. Im Festspielhaus sei "unglaublich viel Streaming-Technik aufgebaut", wie in einem kleinen Fernsehstudio. Überall stünden Laptops, jederzeit einsatzbereit, um auch Debatten live streamen und die szenischen Lesungen des Stückemarktes. Das voll digitalisierte Theatertreffen im zweiten Corona-Jahr sei einerseits ein "reizvolles Experiment" und andererseits eine "totale Überforderung". Aber es würden notwendige Schritte gemacht, um, was letztes Jahr als ad hoc-Reaktion auf den Lockdown geboren wurde, in Parameter für künftige Festivalgestaltungen zu überführen.

Von der ad hoc-Reaktion zu Parametern für künftige digitale Festivals

Fünf der ausgewählten Inszenierungen werden live gestreamt, darunter "Einfach das Ende der Welt" von Christopher Rüping aus dem Schauspielhaus Zürich zum Auftakt am Donnerstabend. Drei sind als 3-Sat-Aufzeichnungen zu sehen, wie "Graf Öderland" in Stefan Bachmanns Regie, eine Koproduktion vom Theater Basel und dem Münchner Residenztheater. Die kleineren freien Produktionen "Name Her. Eine Suche nach den Frauen" (eine Koproduktion vom Berliner Ballhaus Ost und dem Kosmos Theater Wien in der Regie von Marie Schleef) und "Scores That Shaped Our Friendship" (von und mit Lucy Wilke und Pawel Dudus von Schwere Reiter, München) haben die Festspiele selbst aufwändig aufgezeichnet.

Mit dem Digitalen Showcase "Stages Unboxed" in Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund und der Initiative Digitale Dramaturgie sollen Praxis und Status von Theater im Netz noch weiter ausgeleuchtet werden. Mit dabei: unter anderem die Performance-Gruppe Henrike Iglesias und der Lecture-Performer Arne Vogelgesang.

Strukturdebatten und Stückemarkt

Im Diskursprogramm wird es auch Strukturdebatten geben, die an die aktuell an den Theatern geführten Auseinandersetzungen um Benachteiligung, Übergriffe und Machtmissbrauch anknüpfen. "Männlich, weiblich, divers" heißt die Debatte um Genderperspektiven auf die 10er-Auswahl der Jury. Dafür war im zweiten Jahr in Folge eine Frauenquote von 50 Prozent Regisseurinnen festgelegt, die über weitere zwei Jahre beibehalten werden soll. Unter anderem die Intendantin des Schauspiels Dortmund, Julia Wissert und die Schauspielerinnen Carolin Haupt und Linda Pöppel vom Ensemble-Bündnis-Berlin führen ein Gespräch über "Macht, Verantwortung und die Möglichkeit der Veränderung".

Der im vergangenen Jahr komplett ausgefallene Stückemarkt gibt jetzt den für 2020 ausgewählten Texten noch einmal eine Chance. Mit Ausnahme zweier voraufgezeichneter Performances werden sie in szenischen Lesungen live präsentiert.

Das New Yorker Living Theatre: Theater und Aktionismus

Dieses Jahr feiern die Berliner Festspiele ihr 70-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass hebt das Theatertreffen das Living Theatre in den Fokus. Wie die 1947 gegründete, radikal politische New Yorker Gruppe den Off- und Off-Off-Broadway mit aus der Taufe gehoben hat, fasziniert Intendant Thomas Oberender, wie er sagt. Er hat das Manifest des Living Theatre-Gründers Julian Beck "Das Theater leben" beim Verlag Theater der Zeit mit herausgegeben. Der Reader mit Texten unter anderem von Judith Malina und Milo Rau wird beim Theatertreffen Schwerpunkt erstmals vorgestellt.

Darüberhinaus gibt es Dokumentarfilme zu sehen und Gespräche über Theater und Aktionismus heute. Oberender will damit einen vernachlässigten und in Vergessenheit geratenen Teil der Geschichte des freien Theaters würdigen und reaktivieren, sagt er. "Das Living Theatre hat das Wort 'freies Theater' erfunden als eine Form, die auf Improvisation, anderer Begegnungsweise, anderen Spielsystemen und eigenen Texten gründet."

Sendung: rbb Kultur, 12.05.2021, 09:45 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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