Neue Ausstellung ab 27. Juni - Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin eröffnet

Marie (l) und Wicki, sowie die Mitwirkenden im Kinderrat des ANOHAs, Padme (2.v.l.) und Julian (r), rennen mit selbst gebastelten Tieren durch die Arche im ANOHA. Demnächst eröffnet die Kinderwelt ANOHA im Jüdischen Museum Berlin für junge Besucherinnen und Besucher im Kita- und Grundschulalter. (Quelle: dpa/Kira Hofmann)
Audio: rbbKultur | 25.06.2021 | Carsten Dippel | Bild: dpa/Kira Hofmann

Klimawandel, Nachhaltigkeit, Mitmachkonzepte: Ab Sonntag will die Kinderwelt des jüdischen Museums, Anoha, dem jungen Publikum einen Zugang zu wichtigen Themen der Gegenwart bieten. Carsten Dippel hat das Museum vor der Eröffnung besucht.

Gemütlich breitet sich das Kamel aus. Es hat Schubfächer, Holzbeine, ein paar alte Schuhe als Kopf, zwischen den Höckern aus Holzleitern ein orientalisches Brettspiel. Ein grellgrüner, ausgestopfter Lederbeutel mit einer alten Geldbörse als Kopf, dazu knallgelbe Schellen als Augen, so lugt der Frosch um die Ecke. Und auch ein Esel darf nicht fehlen, schwer mit Körben beladen, dessen Hals ein Teppich und dessen Mähne Schuhbürsten bilden. Aus seinem Maul, geformt aus einem aufgeschnittenen Fußball, schauen Schreibmaschinentasten. Willkommen in der Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin.

Ein selbst gebastelte Fuchsfigur sitzt im ANOHA. Demnächst eröffnet die Kinderwelt ANOHA im Jüdischen Museum Berlin für junge Besucherinnen und Besucher im Kita- und Grundschulalter. (Quelle: dpa/Kira Hofmann)
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150 Tiere aus Upcycling-Materialien

All diese verrückten Tiere, gut 150 an der Zahl, sind aus Materialien gebaut, die geradewegs vom Flohmarkt zu kommen scheinen. Alles ist neu allein durch seine neue Verwendung. Vom Eisbären über einen Orang-Utan, von der kleinen Schnecke bis zum Säbelzahntiger – sie alle bewohnen eine riesige Arche Noah, die hier in einem beeindruckenden hölzernen Rundbau, 28 Meter im Durchmesser und sieben Meter hoch, bis an die Decke einer aufgelassenen Blumengroßmarkthalle reicht.

Ehemals ein brutalistischer Betonbau, ist jetzt alles licht und hell, in warmen Holztönen, eine Kinderwelt, die zum Begehen und Spielen, zum Anfassen und Ausprobieren einlädt. Das Jüdische Museum Berlin hat für ein kulturhistorisches Haus ein ungewöhnlich junges Publikum, sagt die Leiterin des Kindermuseums Ane Kleine-Engel: Auf fünf Erwachsene komme ein Kind unter zwölf Jahren. Um seinem jungen Publikum den Zugang zu erleichtern, hat sich das Jüdische Museum für den alten Mythos von Sintflut und Arche Noah entschieden – und das nicht nur aufgrund der Empathie für Tiere, so Kleine-Engel. Die Geschichte sei im Judentum, Christentum und Islam in fast identischer Form überliefert. Die unterschiedlichen Interpretationen dieser Geschichte böten Anknüpfungspunkte, um "gemeinsam diese Geschichte nochmal zu lesen und voneinander zu lernen und das Miteinander zu erleben".

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Von der Arche Noah zum Naturschutz

Die biblische Geschichte der Arche Noah – Gottes Strafgericht über die Menschen, die Erwählung Noahs und dessen Errettung auf dem Berg Ararat, der Neubeginn in einer besseren Welt – hat mit den drängenden Fragen des Klimawandels und des Naturschutzes eine erstaunliche Aktualität. Doch die solle den Kindern nicht aufgedrängt werden, betont Ane Kleine-Engel. Vielmehr sei das Ganze ein großes Abenteuerareal. Die Kinder können durch eine riesige Anakonda kriechen, den Tieren der Nacht in einem Unterschlupf begegnen, kleine Boote über eine Wasserstraße schicken und Fluten simulieren.

Ein Kinderbeirat stand in der Entwicklung des Museums zur Seite und befand etwa: auch ein Klo für Tiere gehöre unbedingt zur Arche. Die Kinder könnten hier neben der aufregenden Geschichte von Flut und Errettung noch etwas anderes lernen: "Dass es um sie geht. Sie selbst entscheiden auf der Arche, wie soll ihre Zukunft aussehen. Darüber können sie sich unterhalten. Das heißt, nicht wir geben vor, wie diese Zukunft aussehen wird, sondern sie unterhalten sich mit uns, wie sie sich diese Zukunft vorstellen", erklärt die Museumsleiterin.

Die Tora als Ausgangspunkt

Dreh- und Angelpunkt ist hier, wie auch im Jüdischen Museum nebenan, die Tora, also die fünf Bücher Mose und ihre Werte. Mit Anoha verbinde sich noch dazu das jüdische Konzept des Tikkun Olam, erklärt Kleine-Engel: Die Idee, dass jeder einzelne dazu aufgerufen ist, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Für alle Fragen, die sich rund um das Thema der Arche ergeben, stehen sogenannte Anohis bereit, Mitarbeiter*innen, die die jungen Besucher durch die Abenteuerwelt begleiten. Wichtig sei es, den Kindern in einer Sprache zu begegnen, die "sie verstehen, und wo sie mitreden können", betont Kleine-Engel.

Ein Museum zum Anfassen

Verantwortlich für das Gesamtkonzept ist das US-amerikanische Architektur- und Designbüro Olson Kundig. Die fabelhaften Tiere wurden von einem größeren Team unter Leitung der Künstlerin Anne Metzen geschaffen. Die große Herausforderung bestand darin, mit recycelten Materialien dem echten Tier so nah wie möglich zu kommen.

Es ist beeindruckend, wie es den Künstlern gelungen ist, trotz der verfremdenden Bauteile das Wesen der Tiere so farbig und lebendig zu erfassen. Man erkennt sie sofort. Und seien sie aus Bürsten, Koffern, Blechdosen oder alten Schuhen zusammengeschraubt. Noch ist alles unbenutzt und neu, doch es wäre kein Kindermuseum, wenn all die Tiere nicht auch zum Anfassen und Spielen gedacht wären. Weil da auch mit der Zeit einiges kaputt gehen wird, hat das Museum schon vorsorglich einen extra großen Wartungsetat bereitgestellt.

Sendung: rbbKultur, 25.06.2021, 15:50 Uhr

Beitrag von Carsten Dippel

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