Rundgang durch das Humboldt-Forum - "Die Sammlungen sind hier, wir müssen uns dieser Geschichte stellen"

Zwei Personen im Hof des Humboldt Forums im Berliner Schloss. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Audio: rbbKultur | 24.06.2021 | Corinne Orlowski | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Die Debatte um Raubkunst und deutschen Kolonialismus hat im Vorfeld der offiziellen Eröffnung des Humboldt-Forums für viel Gesprächsstoff gesorgt. Nun eröffnen in den nächsten Monaten nach und nach die Ausstellungen. Einen ersten Einblick bekam Corinne Orlowski.

Es riecht alles noch nach neu. Die Vitrinen sind teilweise leer, viele Exponate verpackt oder noch gar nicht da. Doch bis zum 22. September müssen rund 20.000 Objekte aus den Sammlungen des Ethnologischen und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin umgezogen sein. Dann sollen sie das Humboldt-Forum im neuen, alten Berliner Stadtschloss schmücken. Wobei schmücken in Anbetracht der heißen Restitutionsdebatten hier nicht passt. Genau deshalb hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, schon ein Vierteljahr vor der Eröffnung zu einem langen Rundgang geladen. Er will den Einfluss der Diskussionen auf die Ausstellungsgestaltung zeigen.

Parzinger räumt ein, dass bei der Eröffnung Dinge gezeigt werden, "die vielleicht irgendwann zurück gehen, nicht mehr gezeigt werden. Das finden wir aber auch nicht schlimm, das gehört zu diesem Diskurs, zu dieser Kooperation dazu." Letztlich handele es sich auch um eine neue Beziehungsgeschichte, der man sich öffnen müsse und zu der sich beide Seiten öffnen müssen. "Das ist das große Potenzial, wenn es wirklich darum geht, auf der Basis dieser Sammlung mit ihrer schwierigen Geschichte, einen tragfähigen Weg in die Zukunft zu entwickeln."

Ausstellungsstücke sollen häufiger rotieren

Auf zwei Stockwerken und 14.000 Quadratmetern sollen die Besucher:innen nicht nur die Objekte anschauen, sondern auch begreifen, unter welchen teilweise problematischen Bedingungen die Exponate nach Berlin kamen. Sie werden nur drei Prozent der gesamten Sammlungen sehen. Allerdings sollen die Ausstellungsstücke häufiger rotieren. Zudem sollen diese jahrhundertealten Werke auf zeitgenössische Kunst treffen. Das ergebe eine besondere Spannung, so die Kuratorin für Süd- und ostasiatische Kunst, Martina Stoye.

Eine Wand ist in der Farbe einer üblichen indischen Hauswand gestrichen, erklärt die Kuratorin. "Hier werden dann knallbunte Götterplakate ausgestellt, die man in Indien überall als Ausdruck religiöser Popkultur findet und das ist das erste Mal, dass man sowas im Kunstmuseum präsentiert."

Kooperationen sollen weiter ausgebaut werden

Aber was soll in Zukunft mit den Objekten aus Unrechtskontexten geschehen? Die Benin-Bronzen werden im kommenden Jahr zurückgegeben. Und das 15 Meter lange Luf-Boot aus Ozeanien? Oder die chinesische Hofkunst aus dem 18. Jahrhundert? Abgesehen von den politischen Auseinandersetzungen mit den Herkunftsgesellschaften sind dort auch die Künstler:innen gefragt. Cynthia Schimming, Modekünstlerin aus Namibia, hat eine Installation zum Genozid an den Herero und Nama entwickelt. Zum chinesischen Kontext präsentieren Wang Shu und Ai Weiwei im Thronsaal eine Teezeremonie. Andrea Scholz, Referentin für transkulturelle Zusammenarbeit der beiden Museen, ist froh derartige Kooperationen weiter auszubauen.

Es sollen nach ihren Angaben Geschichten erzählt werden, die irgendwie mit den Objekten zusammenhängen. "Denn diese Objekte materialisieren die Beziehung, die zwischen uns und diesen Menschen bestehen, aber auch Geschichten darüber hinaus", erklärt Andrea Scholz. Das sei ein wichtiger Weg, um die Sammlungen in die Gegenwart zu führen. Die Kolonialzeit sei zwar vorbei, "aber die Kolonialität in den Beziehungen lebt ja weiter. Und ich freue mich, dass das Ethnologische Museum die Möglichkeit geschaffen hat, da wirklich einen entscheidenden Schritt nach vorne zu gehen und sowas wie eine Avantgarde zu sein und auch eine Offenheit zu wagen."

"Es ist noch einiges zu tun"

Doch wie kann eine avantgardistische Ausstellungskultur funktionieren in einem neuaufgebauten Hohenzollernschloss mit relativ eng wirkenden Räumen? Die Objekte stehen noch recht nüchtern in ihren Vitrinen. Alles wirkt etwas gedrängt in den über 30 Ausstellungsmodulen. Aber in drei Monaten kann noch viel passieren. "Es ist schon noch einiges zu tun", meint Hermann Parzinger. Vor allem sei die enge Zusammenarbeit mit den Herkunftskulturen und Ursprungsgesellschaften wichtig. "Da werden sich Dinge verändern in der Darstellung, da wird man auch Dinge zurückgeben oder man wird Dinge vielleicht als Leihgaben behalten können." Wichtig sei, dass "wir als Institution, aber auch die Kuratorinnen und Kuratoren der Museen offen und ehrlich auch die Dinge ansprechen wollen und auch müssen. Es nützt nichts." Man habe diese Sammlungen hier und man müsse sich dieser Geschichte stellen, "ob wir wollen oder nicht", so Parzinger.

Sendung: rbbKultur, 24.06.2021, 06:20 Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

10 Kommentare

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  1. 10.

    Die politische Scheidung liegt an Ihnen, abgesehen von einigen Betonköpfen ist das eine politische Mär.

    Es bestanden weit mehr Gemeinsamkeiten in puncto "technischer Zurichtung" einer Stadt, dass die Räder rollen müssten, als dass es systemscheidende Unterschiede gegeben hätte, dass Räder an diesen und jenen Orten auch mal zum Stillstand kommen müssten, es so etwas wie einen Eigenwert hervorragender Plätze gegeben hätte, welcher nicht rein technisch bestimmt wäre.

    Unterschiede im ästhetischen Empfinden gab es allenfalls lokal und personell, gleich des politischen Systems. Im Zentrum haben Prag und Budapest ebenso wie Venedig und Lissabon ihre Eigenart bewahrt. Ebenso wie Erfurt, Freiburg und Nürnberg trotz Zerstörung. Kiel, die beiden Stadthälften Berlins und das Ruhrgebiet nicht.

  2. 9.

    Schnell mal umgeschaltet vom politischen Argument zum Ästhetischen?

    Der Abriss war politisch. Die Neugestaltung war politisch. In jeder Argumentation war die böse DDR der Hauptgrund. Der Palast musste weg, weil er Politik und Unterhaltung verband und man sich Sorgen machte, dass die Menschen sich nicht von der DDR trennen könnten wenn dieses (in der DDR heimlich verlachte) Gebäude weiter steht. Die Fassade des Stadtschlosses musste dorthin, weil man diese vor der DDR sichern konnte und die ja total respektlos mit dem kaputt gebombten Schloss umging. Die Ausschreibungen haben ja schon die Verwendung dieser Fassade vorgeschrieben.
    Man hätte jede Art von Gebäude AN DIESER STELLE entwerfen können, aber so hat man es selbst zum Politikum gemacht. Optische Ästhetik ist auch fraglich wenn man von dort aus nur mal schräg über den Fluss schaut, aber das ist 100m weg, also eine andere Stelle.

  3. 8.

    Ich verteidige den Bau als ansprechenden Bau, der der Straße Unter den Linden an dieser Stelle das Gepräge und den Auftakt gibt. Das hat der vorherige Bau nicht vermocht.

    Das war auch der Grund, weshalb der Vorgängerbau, der Palast der Republik, AN DIESER STELLE weichen musste. An anderer Stelle hätte er bis heute gestanden.

    Mithin geht es nicht nur um Bauten, sondern spezifisch um ihren jeweiligen Platz, an dem sie stehen. Nichts ist wahllos und beliebig. Das haben sämtliche Architekten - gleich ihrer politischen Ausrichtung - gegenüber der Straße Unter den Linden und ihrem Wiederaufbau respektiert. Nur beim Berliner Schloss gingen die Auffassungen seinerzeit auseinander, weil durch die zeitliche Nähe zur NS-Zeit die Distanz fehlte, das Berliner Schloss im gesamten Kontext zu sehen.

  4. 7.

    Ihr Vorschlag verdängt die Erinnerung an die von Ihnen benannte dunkle Seite. Eine erklärende Tafel wäre wichtiger, als den Ulbricht-Mist zu wiederholen. Kaiser Wilhelm war Antisemit und Hitler-Bewunderer durch und durch. Das sollte man erklärend den Kaiser-Wilhelm-Straßen und -Plätzen erklärend ebenfalls auf Informationstafeln hinzufügen.

  5. 6.

    "Was war es nur, dass ab den Endsiebzigern und Anfang der Achtziger mehr und mehr Menschen ihre Sinne walten ließen und differenzieren konnten zwischen der eingeschränkten Geisteshaltung der jeweiligen Erbauer und der Schönheit der Gebäude mitsamt ihrer zeitübergreifenden Strahlkraft?"

    Gute Frage. 1990 war es weg, da man ganz dringend ein DDR Glasgebäude abreißen musste um dort ein älteres Gebäude zu simulieren.

    Die Frage die bei mir da aufkommt: Verteidigen sie gerade das Stadtschloss mit einer moralischen Argumentation mit der es gar nicht wieder aufgebaut worden wäre? Wenn ja, dann ist das ein perfektes Beispiel für ein Oxymoron.

  6. 5.

    Gemessen an den heutigen, überwiegend und zweifellos demokratischen Zuständen stünden Gebäude aus sämtlichen anderen Zeiten somit unter Generalverdacht. Kann keine Entlastung i. S. einer Freisprechung vorgetragen werden, bliebe dann nur noch die Bausubstanz der heutigen Zeit übrig.

    Zuweilen wurde in der Periode der frühen Sechziger bis Mitte der Siebziger in der DDR so gedacht, dass alles, was alt ist, gefälligst weg muss, im Westen geschah dies ja ganz "unideologisch" im Sinne des Straßenbaus und einer technischen Ausrichtung der Städte. Eine verheerende, ahistorische Kulturvernichtung.

    Was war es nur, dass ab den Endsiebzigern und Anfang der Achtziger mehr und mehr Menschen ihre Sinne walten ließen und differenzieren konnten zwischen der eingeschränkten Geisteshaltung der jeweiligen Erbauer und der Schönheit der Gebäude mitsamt ihrer zeitübergreifenden Strahlkraft?

  7. 4.

    Wieso bezeichnen Sie das Gebäude als "Hohenzollernschloß"? Alles, so gut wie alles, was die Hohenzollern ausmacht, wäre in den Innenräumen zu suchen. Der Außenbau kann nur als Anlehnung an den Bau von Schlüter und Eosander gesehen werden und zeigt im Übrigen die unentschiedene Haltung der Bundesregierung zur eigenen Geschichte und die Zerrissenheit in ihrer Darstellung. Daß sich die WissenschaftlerInnen jetzt erst mit dem Thema der Provinienzen befassen ist mehr als peinlich.

  8. 3.

    Dann bitte auch gleich den Reichstag (da wurden die nazis groß) einfach alle Bauwerke der nazi Zeit und natürlich auch Marzahn wurde ja schließlich von einer Diktatur errichtet ! Ironie Ende versuchen sie doch bitte mal drüber nachzudenken was die da und wie fordern?

  9. 2.

    Bin sehr dafür, das Schloß abzureißen und durch einen neutralen Neubau zu ersetzen.

  10. 1.

    Das Berliner Schloss steht für Raub, Kolonialismus, Sklaverei und monarchistische Diktatur zuhause. Das Berliner Schloss sollte daher aus Anstand vor den Opfern gesprengt werden. Statt dessen soll ein demokratisches Friendensdenkmal oder Wohnungen dort gebaut werden. Aber eine Sprengung ist unerläßlich.

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