Joseph-Beuys-Ausstellung zum 100. - Von der Sprache aus

Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona
rbbKultur| 12.06.2021 | Silke Hennig | Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona

Joseph Beuys war Bildhauer, Zeichner und Performer. 1985, ein Jahr vor seinem Tod, sagte er in einer Rede, dass er seine Werke grundsätzlich von der Sprache aus entwickelt habe. Der Hamburger Bahnhof in Berlin verfolgt diese Spur in einer Ausstellung. Von Silke Hennig

Joseph Beuys' Stimme weht durch die Hallen des Hamburger Bahnhofs. Es ist die Rede, die er 1985 in den Münchner Kammerspielen hielt und in der er darlegte, dass sein "Begriff des Plastischen [...] im Sprechen und Denken beginnt", dass seine Vorstellung davon zuerst "im Sprechen erlernt Begriffe zu bilden, die das Fühlen und Wollen in die Form bringen können und bringen werden".

Bis in die Wortwahl hinein zeigt sich hier der Einfluss der Antroposophie, aber auch die grundlegende Bedeutung, die Beuys der Sprache beimaß. Einige Säle weiter erfüllt die Sprechpartitur "Ja, ja, ja, ne, ne, ne", 1968 auf Schallplatte gepresst, den Raum. Damit machte er auf ebenso witzige wie minimalistische Art deutlich, welche Bedeutungsverschiebungen Worte allein durch Betonung erfahren - selbst wenn sie so einfach sind wie "Ja" und "Nein". Insbesondere die gesprochene Sprache, lautet die These von Ausstellungskuratorin Nina Schallenberg, sei für den Künstler ein bildhauerisches Mittel gewesen.

Sprechendes Schweigen

Schon in den 1950er Jahren stellte Beuys in Zeichnungen die Lautbildung im Kehlkopfbereich dar, illustriert, wie sich Sprache formt und den Körper verlässt. Damit sei die Voraussetzung geschaffen, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Denn Sprache ist Kommunikation, ist ein soziales Werkzeug.

Am Anfang – auch in diesem Ausstellungs-Parcours – steht allerdings "Schweigen": Etwa fünf galvanisierte Filmrollen von Ingmar Bergmans gleichnamigem Film, ein Multiple, das 1973 entstand - aber auch Beuys' stumme Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", bei der er in stiller Zwiesprache sich zur Ausstellungseröffnung allein der toten Kreatur widmete, und die Besucher nur von draußen zusehen ließ.

Joseph Beuys, Richtkräfte einer neuen Gesellschaft © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Mathias Völzke
Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Mathias Völzke

Rätselhaft raunende Titel

Über Kapitel wie "Laute", "Begriffe" und "Schrift" führt die Ausstellung durch eine Vielzahl von Räumen und dabei durch das Beuys'sche Schaffen. Vorbei an Hauptwerken wie den raumfüllenden Talg-Blöcken, die Beuys in Münster schuf: Abformungen von Hohlräumen, denen er mit "Unschlitt/Tallow" einen seiner rätselhaft raunenden Titel gab - kombiniert aus einem altertümlichen deutschen Begriff für Talg und dessen englischer Übesetzung.

Ein weiteres Hauptwerk im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin ist die 100-teilige Installation "Richtkräfte für eine neue Gesellschaft". Das sind beschriebene Kreidetafeln, die über- und nebeneinander auf einem raumfüllenden Podest liegen und stehen. Während Vorträgen und Diskussionen hatte Beuys Stichworte, Sätze, Pfeile auf Tafeln notiert - ähnlich seinem großen Inspirator Rudolf Steiner – und schließlich, wenn auch kaum mehr lesbar - zu einer endgültigen Form angeordnet.

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Schneeballprinzip

So entstand aus der Arbeit heraus neues Material für neue Arbeiten. Wie ein Satz, der durch Umstellung von Worten neue Bedeutung erfährt, arbeitete Joseph Beuys über Jahrzehnte hinweg an und mit denselben Themen. Er begann seine Auseinandersetzung mit der Lautbildung zeichnerisch bereits in den 1950er Jahren, setzte das Thema der Kommunikation durch Laute in Aktionen wie dem "Ö Ö Programm" später fort, bei dem er keine Worte, sondern nur Ö-Laute ins Mikrofon sprach.

Kommunikation als Keim für Veränderung

Ob mittels Geräuschen, Sprache oder Schrift: Kommunikation bedarf der Aufmerksamkeit. Die erzeugte Beuys durch den Fokus auf seine Person, wie zahlreiche Plakate und Einladungskarten belegen, die keine Werke zeigen, sondern ihn, den Künstler. Er erzeugte sie ganz grundsätzlich aber auch, indem er irritierte, provozierte: Auch das ist Kommunikation - und Anregung zum Selber-, Weiter-, Andersdenken.

Sendung: rbb Kultur, 14.06.2021, 10:25 Uhr

Beitrag von Silke Hennig

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ja, Beuys war ein Sprachkünstler, kein geringerer als Kurt Schwitters, auch wenn der von den Dadaisten und nicht von der Anthroposophie herkam. Beuys hob sich durch freiere Kreativität von der gängigen Anthroposophie und deren Strenge ab. Einen solchen positiven Anstoß können wir heute gut gebrauchen, finde ich. All zu bierernst scheint mir die Sprache erstarrt: Die einen, die sie 100 %ig konservieren wollen, die anderen, die ihr ein Korsett anderer Art überstülpen wollen, im Sinne einer technischen Gebrauchsanweisung instrumentalisiert.

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