Protest in Belarus - Wie der Dirigent Vitali Alekseenok zum politischen Aktivisten wurde

So 06.06.21 | 11:42 Uhr | Von Andrea Heinze
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Eine Protestierende hält ein Plakat mit der Aufschrift "Free all political Prisoners" in Berlin (Quelle: dpa/Beata Siewicz)
Audio: rbbKultur | 01.06.2021 | Andrea Heinz | Bild: dpa/Beata Siewicz

Noch nie war die demokratische Opposition in Belarus so stark wie heute, sagt der belarussische Dirigent und Wahlberliner Vitali Alekseenok. Daran ändert auch nicht das harte Vorgehen von Präsident Lukaschenko. Andrea Heinze hat Vitali Alekseenok getroffen.

Die Wahl in Belarus im vergangenen Sommer war für Vitali Alekseenok etwas Besonderes: Seit knapp zehn Jahren schon lebt er in Deutschland und hatte eigentlich keine Hoffnung, dass sein Land demokratisch werden würde. Bis zum Frühling 2020 – als sich lautstark eine Opposition meldete. Vitali Alekseenok beschloss damals, seine Stimme in Belarus abzugeben. Bei den Wahlen vorher hatte er das in der belarussischen Botschaft gemacht.

Vitali Alekseenok (Quelle: Presse)
Dirigent und Wahlberliner Vitali Alekseenok | Bild: Presse

Nach dem erneuten Wahlsieg von Alexander Lukaschenko gingen Zehntausende Belarussen auf die Straße, um gegen Wahlbetrug zu protestieren. Auch Vitali Alekseenok blieb und schrieb auf, was er erlebt hat: wie die Polizei einen Wohnblock abgeriegelt und das Wasser abgestellt hat. Der Grund: Die Menschen dort hatten Demonstrant:innen auf der Flucht vor der Polizei versteckt. Und Alekseenok hat aufgeschrieben, wie Menschen verhaftet wurden, weil sie rot-weiße Kleidung tragen und dann zusammengeschlagen wurden. Schädel-Hirn-Traumata seien neben Covid-19 gerade die häufigste ärztlich Diagnose in Belarus, sagt Alekseenok.

Wie das Regime die Musik instrumentalisiert

"Ich war auf den Straßen und ich habe alles erlebt – von Unglück bis zur Ekstase – und sowas habe ich davor nur auf der Bühne als Dirigent manchmal erlebt", erzählt Aleseenok weiter. "Es war wirklich auf den Straßen im August und im September sehr präsent, es waren sehr starke Emotionen."

Solche Emotionen kennt Alekseenok zum Beispiel von der Siebten Sinfonie von Schostakowitsch. Darin geht es um die Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg. Für Alekseenok passt das gut auf die Situation in Belarus: weil es um Freiheit geht und auch um Leben und Tod.

Umso absurder empfand er es, als das Regime die Protestierenden mit dieser Sinfonie durch Lautsprecher beschallte – und sich damit als Opfer inszenierte, das sich gegen die Aggressoren auf der Straße, also gegen die Faschisten, zur Wehr setzen muss.

Ein politisches Erweckungserlebnis

Vitali Alekseenok wurde im Jahr 1991 geboren – und ist damit genauso alt wie der Staat Belarus. Demokratie hat es dort nie gegeben. Genauso wenig wie eine organisierte Opposition. Alekseenok hat lange geglaubt, was die staatlichen Medien propagieren – es gab einfach keine anderen Stimmen. Trotzdem hat er sein Land 2011 verlassen, weil er sich eingeengt fühlte.

Sein politisches Erweckungserlebnis hatte Vitali Alekseenok aber erst im Frühling 2020 in Berlin – deswegen ist er anschließend in die Hauptstadt gezogen. Vitali Alekseenok hatte damals erfahren, dass eine Demonstration geplant ist, und hat diese schließlich mit organisiert. "Ich war immer regimekritisch. Aber erst im letzten Jahr habe ich mich geäußert. Und das wichtigste war, als ich mich geäußert habe, zum Beispiel meine erste politische Rede vor einem Jahr gehalten habe, ich habe sehr viel Solidarität gespürt von Hunderten anderen Menschen", so Alekseenok.

"Belarussen sind eine Gemeinschaft"

Das sei ein neues Zeichen: "Belarussen sind eine Gemeinschaft." Bis dahin hatte er sich nie als Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen, jetzt fühle er das deutlich. Genau das mache die Stärke der belarussischen Opposition aus. "Wir haben das selbst nicht erwartet, dass Belarussen so solidarisch sind, dass wir so demokratisch sind, dass wir jetzt wirklich so weit im Kopf sind: wir leben ganz klar in der Gegenwart und in der Zukunft mit unseren Ideen und unserer Kreativität und das Regime ganz klar in der Vergangenheit."

Für Vitali Alekseenok wirkt es wie ein verzweifeltes Aufbäumen, wenn Präsident Lukaschenko die Menschen in seinem Land verprügeln lässt oder ein Flugzeug entführt [tagesschau]. Früher oder später werde er stürzen, sagt Alekseenok. Weil es demokratische Initiativen in Belarus gibt – und weil die von der Mehrheit der Menschen gewollt sind. Vitali Alekseenok will sich weiter für Demokratie in Belarus einsetzen – im Augenblick vor allem aus Deutschland.

Sendung: rbbKultur, 01.06.2021, 18:45 Uhr

Beitrag von Andrea Heinze

5 Kommentare

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  1. 5.

    @ Alex: Der Text gibt eigentlich schon einiges her bezüglich der Antwort auf Ihre Frage, Sascha; die kämpfen für das übliche Gedöns: Freie Wahlen, das Recht auf freie Meinungsäußerung, mehr Demokratie, Bürgerrechte und den ganzen Kladderadatsch. Mit diesen Wünschen und Einstellungen wäre man innerhalb der EU natürlich auf verlorenem Posten...

  2. 3.

    Zitat: "Einen Fehler dürfen die Belarussen aber auf keinen Fall machen: sich von der EU und den USA vereinahmen lassen."

    Um Gottes Willen, bloß nicht von der EU "vereinnahmen lassen"! Das hat nämlich sämtlich betreffende osteuropäische Länder, die das gar nicht wollten, sondern dazu gezwungen wurden ins Unglück getrieben! Lieber eine Bindung zu Russland suchen, da bekommt man Lukaschenko und ähnlich lupenreine Demokraten mit fetten Russland-Krediten unterstützt serviert.

  3. 2.

    Wofür genau kämpfen die Belarussen? Das wird auch nicht von Herrn Alekseenok eindeutig und konkret formuliert, auch nicht in seinem veröffentlichten Buch. Wollen die Belarussen Mitglied der EU? Wollen sie Teil Russlands werden? Letzteres wohl kaum. Wie stellen sie sich die künftige Gesellschaftsform und das politische System vor? Einen Fehler dürfen die Belarussen aber auf keinen Fall machen: sich von der EU und den USA vereinahmen lassen.

  4. 1.

    Und in Berlin wird mit typischer Nazi Rethorik gegen Flüchtlinge geherzt und der RBB merkt es nicht :

    "Ronald Gläser wedelt mit blauen Bierdeckeln: "Wir brauchen keinen roten Mietendeckel. Was wir brauchen, ist ein blauer Flüchtlingsdeckel, der auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt verbessern würde." " Zitat Rbb24 Bericht.

    Probleme auf angebliche Schuldige zu schieben haben schon die NAZIs gemacht damals waren es die Juden heute Flüchtlinge u.a.

    Das ist das gefährliche an der AFD Rethorik nicht der Vergleich mit Schindlers Liste .


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