Documenta-Ausstellung im DHM - Zurück in die Moderne mit den Schatten der NS-Zeit

Die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Bild: imago images/Juergen Blume)
Audio: rbbKultur | 18.06.2021 | M. Ossowski | Bild: imago images/Juergen Blume

Mit der Documenta kehrte die Moderne zurück in die westdeutsche Kunstwelt, die unter den Nazis als "entartet" galt. Dabei gab es anfangs mehr Kontinuitäten zur Zeit bis 1945, als von den Machern behauptet - wie eine Ausstellung in Berlin zeigt. Von Maria Ossowski

Die erste Documenta stieg 1955 nicht wie Phönix aus der Asche in den Kunsthimmel der Moderne. Dazu klebte viel zu viel Schlacke an ihren Flügeln. Die Ausstellung wollte an jene Kunstentwicklungen und -richtungen anschließen, die ab 1933 als "entartet" galten.

Über dieses Wiederanknüpfen an die Moderne habe der Bruch gekittet werden sollen, sagt Raphael Groß, Präsident des Deutschen Historischen Museums. Sein Haus zeigt ab dem 18. Juni die Ausstellung "Documenta.Politik und Kunst" - eine Retrospektive über die ersten zehn Ausgaben der bedeutendsten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst, die bis heute im hessischen Kassel stattfindet.

Zu Beginn habe man die Kontinuität der Kunst markieren wollen, sagt Groß, um sodann einen künstlerischen und ästhetischen Neubeginn zu behaupten. "Hinter der Fassade der Abgrenzung von der NS-Kunst verbargen sich allerdings in mehrfacher Weise NS-Kontinuitäten", sagt Groß. 21 Gründungsmitglieder hatte das erste Documenta-Team rund um den sozialdemokratischen Künstler Arnold Bode – zehn davon waren jedoch Mitglieder der NSDAP, der SA oder der SS gewesen.

Anfangs wurden kaum jüdische Künstler gezeigt

"Während sich auf der einen Seite die Kuratoren um eine kunsthistorische Distanzierung vom NS bemühten und die Moderne ins Zentrum ihrer Ausstellung rückten", so Groß, "wurden auf der anderen Seite jüdische Künstler - mit Ausnahme von Marc Chagall - auf der ersten Documenta nicht gezeigt." Noch bis vor einigen Tagen sei unbekannt gewesen, dass der intellektuelle Kopf der ersten Documenta-Ausstellung, Werner Haftmann, nur wenige Jahre zuvor in Italien wegen Folter und Mord an italienischen Partisanen gesucht worden sei.

Marc Chagalls großformatiges Bild "Die roten Dächer" empfängt die Besucherinnen und Besucher im DHM. Werner Haftmann jedoch zählte Chagall nicht zur Moderne, denn er schrieb, "kein Maler der Moderne war Jude". Dass das nicht stimmt, wusste Haftmann.

"Den Maler Rudolf Levy etwa kannte er aus seiner Zeit in Florenz", sagt Julia Voss, eine der Kuratorinnen. "Auf der Documenta aber wird Haftmann Levy nicht zeigen. Wir aber stellen die beeindruckende Malerei von Levy aus." Darunter ist sein letztes Selbstporträt von 1943. Im Jahr darauf stirbt Levy während der Deportation nach Auschwitz.

Es dürfte in den fünfziger Jahren praktisch niemandem aufgefallen sein, dass der Holocaust auf Documenta in keiner Weise ein Thema darstellte, so Voss: Werke von jüdischen Künstlerinnen oder Künstlern fehlten gänzlich. "Damit lag die Documenta genau auf der Linie der damaligen Diskussion, beziehungsweise Nicht-Diskussion", sagt er.

Moderne ja,...

Die großen Diskussionen begannen später. Studenten protestierten, als die 68er-Documenta die PopArt aus den USA feierte. Ab 72 wilderte Harald Szeemann in Subkulturen. Die Abkehr von der Konsumkultur wurde gefeiert.

Die Berliner Ausstellung beeindruckt, weil sie ein Wiedersehen mit weltberühmten Kunstwerken ist, die in Kassel ausgestellt waren. Darunter sind beispielsweise Max Beckmanns "Eisgang". Gerhard Richters "Graues Bild" von 1975, auf dem er lediglich die Machart und das Jahresdatum seines Werks vermerkte. Beuys ist dabei, Lehmbrucks "Knieende", auch Willi Sitte.

...aber bitte kein Sozialistischer Realismus

DDR-Kunst war am Anfang, 1955, komplett unerwünscht. Denn die neue Euphorie für die Moderne richtete sich vor allem gegen den Osten und gegen den Sozialistischen Realismus. Damit "hatten die Ausstellungsmacher eine dezidierte Grenzmarkierung gen Osten gezogen", sagt Museums-Präsident Groß, "und sie hatten ein Aushängeschild gleich: die außenpolitische Leitlinie der BRD, die Westintegration ideologisch unterstrichen."

1977 waren dann auch DDR-Künstler eingeladen, und manche Documenta-Macher der ersten Stunde waren darüber entsetzt.

Zehnmal Documenta bis 1997, 42 Jahre, 390 Objekte, 45 Medienstationen zeigen die Verflechtungen von Politik und Kunst. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist selbst ein kuratorisches und forschungspolitisches Kunstwerk - als eine Ausstellung über eine Ausstellung ist sie ein Ereignis. Theodor Heuss, ein Freund der Documenta, sagte einst: "Mit der Politik lässt sich keine Kultur machen, vielleicht aber kann man mit der Kultur Politik machen." Heute in einem Jahr eröffnet die nächste, die 15. Documenta.

Beitrag von Maria Ossowski

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