Zentrum für Vertreibung öffnet in Berlin - "Schmerzhaftes Kapitel der Geschichte"

Eine Kindergasmaske und eine Frostschutzmaske hängen in einer Vitrine in der Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Montag in Berlin das "Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung" eröffnet. Eine wichtige Erkenntnis der Ausstellung: Flucht sieht auch heute noch so aus wie früher. Von Maria Ossowski

Der Fellmantel in der Vitrine ist dick und riesengroß. Auf dem Glas davor ist die Silhouette eines kleinen Jungen abgebildet. Eitel Koschorreck war sieben Jahre alt, als die Familie aus Masuchowken in Polen fliehen mußte.

"Seine Eltern haben ihn in diesen Fellmantel gewickelt, denn es ging um eine Flucht auf dem Treck über die zugefrorene, vereiste Ostsee in diesem bitter kalten Winter 44/45", erklärt die Direktorin des "Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung", Gundula Bavendamm. "Die Eltern haben einfach versucht, diesen kleinen Jungen, der das jüngste Kind von Dreien war, vor dem Erfrierungstod zu retten und haben ihn in diesen viel zu großen Fellmantel gehüllt. Es ist tatsächlich so gewesen, dass Eitel Koschorreck die Flucht überlebt hat, seine Mutter ist umgekommen in dieser Zeit. Er hat diesen Mantel über Jahrzehnte aufbewahrt und hat sich dann entschlossen, ihn uns anzuvertrauen", so Bavendamm.

Nach vielen politischen Querelen und Auseinandersetzungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag das Dokumentationszentrum gegenüber der Ruine des Anhalter Banhnhofs in Berlin-Kreuzberg eröffnet. Das Deutschlandhaus wurde von Grund auf saniert und architektonisch ergänzt von Marte.Marte Architekten. Es ist kein Museum, es wird geforscht, diskutiert und dokumentiert. Aber im Zentrum steht eine Ausstellung.

Flüchtlinge damals wie heute in Zelten auf der freien Wiese

Sie umfasst 700 Exponate auf 1.300 Quadratmetern und zwei Stockwerken. In der oberen Etage wird die Geschichte mit Fluchten und Vertreibungen in den Jahren 1944/45 erzählt, im unteren Stockwerk bettet die Ausstellung diese Erfahrungen in den europäischen Kontext bis heute ein. Auf Fotos ist zu sehen, dass die Unterkünfte für Flüchtlinge beim Zypernkonflikt 1974 ganz ähnlich aussehen wie die Raumteiler für syrische Flüchtlinge im Flughafen Tempelhof 2016. Ein Bild zeigt Zelte, die an die Flüchtlingslager im Libanon erinnern. Dieses Foto zeige aber tatsächlich spitz geformte Flüchtlingszelte in Poggenhagen bei Hannover 1946, wie Bavendamm erklärt. "Das ist die allererste Station, in der die Vertriebenen irgendwie untergebracht werden, manchmal sogar auf der freien Wiese, eigentlich wie heute."

Die Parallelen zu heute verblüffen. Politisch und historisch bedeutsam ist die Inbeziehungsetzung der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg zur Ideologie der NS-Zeit. Dieser Kontext rahmt die Flucht und Vertreibungen von 14 Millionen Menschen ein. Der Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Deutschland vor der Shoah wird in mehreren Vitrinen Raum gegeben.

Dem Schicksal der Vertriebenen in der DDR sind einige Stationen gewidmet. Sie hießen offiziell zunächst "Umsiedler", dann "ehemalige Umsiedler", schließlich sollten sie ohne jede Bezeichnung aufgehen im SED-Staat. Alle Hinweise auf das Unrecht bei Vertreibungen blieben verboten, schließlich wollte man die sozialistischen Bruderstaaten nicht anklagen. Berichte über das Geschehen waren unerwünscht oder gar strafrechtlich relevant.

Über das Leid der Deutschen sprechen, ohne die Verantwortung in Frage zu stellen

Zwanzig Jahre lang hat der Konflikt um dieses Dokumentationszentrum gedauert. Polnische und tschechische Historiker haben die Stiftung wegen der Vertriebenenpolitikerin Erika Steinbach verlassen. Jetzt wird die Kanzlerin vor dem Mantel von Eitel Koschorreck stehenbleiben, sie wird durch die Ausstellung geführt und das Dokumentationszentrum eröffnen - ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende.

"Zum Einen sollte man nicht vergessen, auch wenn man ins Ausland schaut, dass Gesellschaften, die sich mit schmerzhaften Kapiteln ihrer Geschichte befassen, oft lange brauchen, mehrere Generationen, weil man offensichtlich den Abstand braucht, um sich damit gut zu beschäftigen, erklärt Gundula Bavendamm den großen zeitlichen Abstand der Ausstellung zu den Geschehnissen. "Zum Anderen gibt es die Geschichte dieses speziellen Projektes, das auch durch die Debatten, die es gegeben hat, durch diese immerwährende Frage, wie man über das Leid und auch die Opfer unter den Deutschen sprechen kann, ohne im Geringsten einen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass wir uns der historischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen bewusst sind. Alle Konflikte in den letzten zwanzig Jahren, die sich um diese Einrichtung gedreht haben, haben eigentlich mit dieser Frage zu tun", so Bavendamm.

Sendung: Abendschau, 21.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ich werde dieses einseitige Zentrum boykottieren und nicht dafür werben, weil dort hauptsächlich das deutsche Leid im Vordergrund steht. DDR- und Syrien-Flüchtlinge sind vielleicht nur indirekt vergleichbar, aber beide Gruppen verbindet das Leiden im eigenen Land, aufgrunddessen sie die Fluchten wagten. Ich werde diese Show in keinster Weise unterstützen, zumal die langjährige Motivatorin zur afd wechselte und es für mich völlig daneben ist, dass sich eine "partei" mit rechtslastigkeit zur Wahl stellen darf, die größtenteils das Ertrinken von Flüchtlingen akzeptiert und unterstützt, soweit es sich nicht um Deutsche handelt.

  2. 4.

    Ich kenne einige Vertriebene. KEINER von denen hätte gerne alte Grenzen zurück, oder würde gerne wieder in "der alten Heimat" leben. Sie haben seit Jahrzehnten ihre neue Heimat hier, und sind dankbar dafür wieder ein zu Hause zu haben ! - Zusätzlich teilen sie gerne ihre Kindheitserinnerungen miteinander und mit Interessierten. -
    Die Heimat und das zu Hause gewaltsam zu verlieren ist wohl für jeden ein Trauma. Diejenigen, die es überwunden haben, sind jetzt meist sehr stark. -
    Für uns alle sind Kriege, auch diese Zeit der Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit ein Teil der Geschichte aus der wir lernen sollen, damit wir einander soetwas niewieder antun !
    Deshalb muß sie uns und den folgenden Generationen auch weiterhin in Erinnerung bleiben ! -
    Zusätzlich kann diese Geschichte uns Herz und Verstand öffnen für alle, die heute Kriege, Flucht und Heimatlosigket erleben ! -
    Informationen, Erkenntnisse und Austausch dazu ermöglicht uns wohl dieses Zentrum. Gut, daß es das gibt ! -

  3. 3.

    Ein sehr spartanischer Bericht. Wer mag kann hier nachlesen

    https://www.deutschlandfunk.de/neues-dokumentationszentrum-ueber-vertreibung.724.de.html?dram:article_id=499080

  4. 2.

    "Polnische und tschechische Historiker haben die Stiftung wegen der Vertriebenenpolitikerin Erika Steinbach verlassen." warum wird hier auch nicht erwähnt! Und zwar u.a. weil Steinbach die Grenzen von 1937 wiederherstellen will.

  5. 1.

    Hauptsache die "Vertriebenenverbände" können Deutsche mal wieder als Opfer darstellen und dafür auch noch Geld vom Staat kassieren. Dass die "Vertriebenenverbände" und andere die Grenzen von 1937 wiederherstellen wollen bliebt dabei unerwähnt.

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