Theaterkritik | "Fabian" im BE - Mit der Hand im Fleischwolf

Berliner Ensemble: "Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner, Regie: Frank Castorf (Quelle: Matthias Horn)
Bild: Matthias Horn

Seit einem Jahr ist "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" fertig geprobt, die Premiere musste mehrfach verschoben werden. Nun konnte Frank Castorf seine Kästner-Adaption am Berliner Ensemble endlich aufführen - mit einem großartigen Ensemble. Von Cora Knoblauch

Berlin, Ende der 1920er Jahre. Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, die immer bedrohlicher werdende politische Situation feiert sich das hedonistische Berlin nachts in den Bordellen und Opium-Bars aus dem Bewusstsein. Jakob Fabian, Werbetexter und Moralist, mäandert durch das Berliner Nachtleben.

Da erreicht ihn der Abschiedsbrief seines Freundes Labude. Dem wurde fälschlicherweise mitgeteilt, dass seine Habilitation, an der er mehrere Jahre gearbeitet hat, abgelehnt wurde und er beruflich erledigt sei. Labude erschießt sich daraufhin und hinterlässt seinem Kumpel Fabian einen Brief und ein bisschen Geld.

Im Zentrum: enttäuschte Männer

Die Nationalsozialisten bezeichneten Kästners literarisches Werk als "zersetzend". Kästner hatte seinen "Fabian" ursprünglich "Der Gang vor die Hunde" nennen wollen. Er wollte, so schreibt er 1950, schon auf dem Buchumschlag deutlich machen, dass der Roman vor dem Abgrund warnen wollte, dem sich Deutschland und Europa in den 1930er Jahren näherten.

Dieser politische Rahmen gerät bei Frank Castorfs Bühnenfassung, das am Samstag, nach mehreren pandemiebedingten Verschiebungen, am Berliner Ensemble Premiere feierte, allerdings etwas in den Hintergrund. Im Zentrum des fast fünfstündigen Abends stehen zwei enttäuschte Männer: Labude (Andreas Döhler), beruflich ruiniert und von seiner Verlobten betrogen, und Fabian (Marc Hosemann), den das Schicksal seine Freundes umtreibt und der auch kein Glück bei den Frauen findet. Desweiteren tauchen noch ein paar (ältliche) Männer auf, die entweder wohnungslos sind oder von ihren Frauen ausgenutzt werden.

Auch Fabians zeitweiliges Girlfriend Cornelia (Margarita Breitkreiz) geht dann doch lieber mit einem älteren Filmproduzenten ins Bett (ja, gemeint ist Harvey Weinstein), um die Schauspielkarriere voranzubringen. In seinem Zorn schleppt Fabian seine Cornelia in die Metzgerei und steckt ihre Hand in den Fleischwolf.

Kästner im Fleischwolf

Überhaupt: der Fleischwolf. Im Inneren einer fabelhaften, sich permanent drehenden Kulisse, entworfen von Aleksander Denic, befindet sich eine kleine Metzger-Küche. Dorthin zieht sich Fabian bisweilen zurück, um in seiner Wut Schweinekoteletts zu zerhacken und die rohen Fleischstücke durch den Fleischwolf zu drehen.

Kästner-Fans sehen hier - symbolisch natürlich - mitunter die Romanvorlage hindurch gehäckselt. Castorf-Fans hingegen kommen auf ihre Kosten: Das Theaterblut fließt, kiloweise Kartoffelsalat fliegt auf den Boden, worin sich die Schauspieler wälzen und in einer Badewanne voll Schweineblut wird rumgemacht.

Nun ist es natürlich ungerecht, einen fünfstündigen Theaterabend auf die paar Szenen zu reduzieren, in denen sich Senf in die Haare gespritzt und halbnackt zwischen Schweinehälften gefummelt wird. Doch nach so einer längeren Castorf-Pause wirkt diese Art, eine Geschichte auf der Bühne zu erzählen, etwas verstaubt. Dass die Schauspieler die fünf Stunden am Stück mehr oder weniger durchbrüllen, tut den an sich starken Kästner-Texten nicht unbedingt gut, streckenweise versteht man sie kaum wegen der Brüllerei.

Berliner Ensemble: "Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner, Regie: Frank Castorf (Quelle: Matthias Horn)
Bild: Matthias Horn

Auf verlorenem Posten

Kästner schrieb über seinen "Fabian", dieser Großstadtroman sei kein Poesiealbum, sondern Satire. Diese Geschichte sei übertrieben. Denn der Moralist pflege seiner Epoche nicht den Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten, sagt Kästner. Und wenn eine Karikatur nicht mehr helfe, dann helfe überhaupt nichts mehr.

Kästner konstatierte, dass damals, also sowohl 1931 wie auch 1950, oft nichts mehr geholfen habe. Den Moralisten entmutigt das aber nicht. Sein angestammter Platz sei und bleibe der verlorene Posten.

Ganz so einsam muss sich Frank Castorf aber nicht fühlen. Er hat schließlich ein starkes Schauspieler*innen-Ensemble um sich, die aus jedem noch so wirren Abend ein paar Stunden große Schauspielkunst zaubern.

Sendung: Inforadio, 14.06.2021, 06:55 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Liebe Frau Knoblauch,
    ich habe das Theaterstück auch gesehen und ich fand, neben dem Großteil der Besucher, die Kästner-Vorlage hervorragend umgesetzt und in unsere Zeit geschrieben.
    Casdorf ist und bleibt einer der größten Regisseure, die das Land vorgebracht hat.
    Und das Sie darauf schließen, dass, wenn eine gescheiterte Existenz, hier eine Schauspielerin, mit einem Filmproduzenten schläft, natürlich nur Weinstein in Frage kommt, ist wohl eher ihrer Phantasie geschuldet. Ich sah es nicht so. Es kann ein X-beliebiger sein, auch ein Deutscher.
    Sicherlich wollten Sie es nur noch einmal erwähnen, damit es nicht in Vergessenheit gerät und auch als Bogen von der "Verwurstung" Kästners Vorlage zu Heute

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