Festivalkritik | Fête de la Musique in Berlin - 90 Bands und eine Hochzeit

Archivbild: Pressefoto - Fête de la Musique, 2020 in Berlin. (Quelle: fetedelamusique.de/J. Kroft)
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Audio: Inforadio | 22.06.2021 | H. Schröder | Bild: fetedelamusique.de/J. Kroft

Abermals musste die Fête de la Musique in Berlin größtenteils als Stream-Festival stattfinden. Doch das war wider Erwarten ziemlich gut. Für manche offenbar so gut, dass sie sich zwischen all der Musik das Ja-Wort gaben. Von Hendrik Schröder

Der 21. Juni ist traditionell der Tag der Fête de la Musique. Normalerweise bedeutet das: dutzende Bühnen in der gesamten Stadt, ausgelassenes Publikum und jede Menge Bands. Und das alles umsonst und draußen. Doch in diesem Jahr mussten die allermeisten Konzerte wie im vergangenen Jahr per Livestream stattfinden, die strengen Corona-Auflagen konnten nur die wenigsten Veranstalter einhalten.

Und ich gebe es zu, am Anfang dachte ich: "Was für eine beknackte Idee?" Strahlende 30 Grad draußen und dann ins Wohnzimmer setzen vor den Computer und Konzerte im Stream anschauen? Wo alle doch so froh sind, dass langsam wieder was geht, mit Publikum und so. Aber dann sollten es ein paar total lustige und unterhaltsame Stunden werden. Über 90 Livestreams auf einen Tag verteilt, wann hat man das schon mal? Was da zusammenkommt, was für eine irre, verrückte Mischung an Künstlern und Künstlerinnen. Und alle spielen gerade irgendwo in dieser Stadt und ich klicke mich rein.

Archivbild: Menschen musizieren und genießen während der Fete de la Musique ein Live-Konzert im Görlitzer Park, Berlin Kreuzberg. (Quelle: dpa/Schulz)
| Bild: dpa/Schulz

Beuys im Morse-Alphabet

Los geht es mit totalem Freak-Zeug. Da sitzt ein Mann in einer Kirche am Klavier und streichelt sehr konzentriert sein Instrument, genauer gesagt er klöppelt drauf rum. Dann legt er kleine Steinchen oder Bröckchen auf die Klavierseiten und lächelt breit. Die Kamera zeigt ihn starr von vorne, halb sieht man das Klavier, halb den Mann. Michael Busch heißt er, verrät mir die Beschreibung, bietet eine vierstündige Performance, in der er - Achtung: ausgewählte Arbeiten von Joseph Beuys ins Morse-Alphabet übersetzt. Also darauf musst du erst mal kommen. Ob sich das jemand die gesamten vier Stunden anschaut? Für den Moment ist es auf jeden Fall sehr gut. Ok, nächster Kanal: Tango Element Project heißt das Duo da. Sie spielen Gitarre und Akkordeon, ungewöhnlich in der Kombination. Wechselnde Kameraperspektiven, eine Menge Kabel auf dem Boden. "Drei kleine Tänzchen aus Südamerika spielen wir jetzt", sagen die beiden. Top.

Zwischen zwei Bands schnell heiraten

Dann gerate ich aus Versehen in einen Stream, in dem gerade geheiratet wird. Also so zwischen den Bands. Eine Moderatorin stellt das Brautpaar vor wie zwei Rockstars. Das hat schon Tränen in den Augen und schwitzt wahnsinnig in Anzug und Brautkleid. Am Ende sagen sie "Ja", alle jubeln und dann kommt wieder jemand mit Gitarre. Jetzt aber ab aufs Wasser. Ein Reggae-DJ-Set wird live von einem über die Spree fahrenden Floß gestreamt. Mega gut. Die DJ ruft zwischendurch Sätze ins Mikrofon, dann dreht sie wieder an irgendwelchen Knöpfen. Drei, vier Kameras streamen das im Wechsel. Wenn die Frontkamera an ist, sieht es aus wie die schönsten Bahnstrecken Deutschlands. Nur eben auf dem Wasser und mit Reggae aus den Boxen.

Von Fernseh-Qualität bis Handyshots

Dann klicke ich mich in den Stream vom Haus der Begegnung M3. Das hat ab dem frühen Nachmittag schon Chill-Out-Musik vom DJ im Angebot: Überschrieben mit "Gemütliches Ausklingen der Fête de la Musique mit elektronischer Musik". Es brizzelt und basst ordentlich. Also wer jetzt schon genug hat, der kann da einfach mit denen abhängen und so tun als wäre nix. Aber ich schalte noch mal zu den Ukulelen-Predigern. Der Sänger steht im pinken Jumpsuit und mit rosa Zylinder im blauen Diskolicht. Ukulele in der Hand, lange Haare. Und es klingt nach Deutschrock. Sieht aber so skurril aus, dass ich eine Weile dran bleibe.

Die Streamqualität bei all den Angeboten reicht dabei übrigens von professioneller, fast Fernseh-Qualität bis hin zu verwackelten Handyshots, bei denen plötzlich jemand die Kamera in die Hand nimmt und loslatscht und offenbar vergessen hat, dass man schon live im Stream ist und man hofft bloß inständig, dass wir jetzt nicht mit auf die Toilette genommen werden.

Zum Glück ist nichts dergleichen passiert, im Gegenteil: Die Fête de la Musique im Livestream war eine super Sache. Nächstes Jahr aber bitte trotzdem wieder in echt und alle zusammen. Das ist nämlich noch besser.

Sendung: Inforadio, 22.06.2021, 07.00 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

2 Kommentare

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  1. 2.

    Der Artikel vermittelt ein sehr einseitigen Blick auf den Tag. Es fanden auch dieses Jahr richtige Konzerte auf großen Bühnen vor Publikum statt. Wozu soll man da auf nächstes Jahr warten? Wacht endlich aus eurem Dornröschenschlaf auf und berichtet endlich mal wieder vom echten Leben außerhalb der ach so tollen Online-Welt.

  2. 1.

    Ein Bericht über die echten Konzerte,die auch stattgefunden haben,wäre nicht schlecht. Auf den Strassen gab es jedenfalls Musik zu finden.

    Und dass die Streams ein super Sache waren,glaub ich erst bei entsprechenden Zahlen der Zuschauer,die man meist ohne Probleme feststellen kann.
    Für den Autor war der Tag ja sicherlich Arbeit und daher bestimmt nicht so unangenehm ;)

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