Buchtipps zum Kindertag - Wie kleine regionale Kinderbuchverlage den Markt erobern

Idas Weg von Fulya Gezer, Eichhörnchenverlag. (Quelle: Sergej Horovitz)
Bild: Sergej Horovitz

Kinderbücher laden zum Träumen ein, und nicht einmal eine Pandemie schafft es, das kaputt zu machen. In Berlin und Brandenburg gibt es zahlreiche Kinderbuchverlage. Wiebke Keuneke hat sich den regionalen Markt angeschaut und gibt ein paar Kinderbuchtipps.

Was hat ein Mentor mit Gretas Freunden und vor allem einem Eichhörnchen gemeinsam? Alle drei sind eigentümergeführte Verlage, die es nicht nur geschafft haben, auf dem umkämpften Markt des "Bücher-Business" zu überleben - nein, alle drei werden von ihren Lesern und Leserinnen für ihre Einzigartigkeit geliebt.

Eigenkapital, Starrsinn, Zuversicht

Wer heutzutage einen eigenen Verlag gründet, der braucht "Eigenkapital, Starrsinn und Zuversicht, gerade jetzt in der Pandemiezeit", meint Nina Alice Schuchardt, Gründerin des Eichhörnchenverlages in Neustadt/Dosse. Und natürlich eine besondere Idee und viel Liebe fürs Buch. Für Nina Alice Schuchardt ist es die Überzeugung, dass Kunst für alle da ist. Das merkt man ihren Büchern an. Stabile, großformatige Pappbücher, deren Buchrücken so schön knarzen, wenn man sie öffnet – und deren dicken Seiten schon den kleinsten Händen von Dreijährigen standhalten.

Nina Schuchardt vom Eichhörnchenverlag. (Quelle: Eichhörnchenverlag)
Nina Alice Schuchardt Bild: Eichhörnchenverlag

"Ich wollte Bilderbücher machen, die nicht von vornherein nur für eine bestimmte Altersgruppe bestimmt sind, sondern bei denen junge und ältere Menschen wirklich nach Geschmack und weniger nach Zielgruppenerwartung entscheiden können, was ihnen gefällt. Für mich ist das auch eine Form von Kunstdemokratisierung und Diskursöffnung. Jede*r darf mitreden. Jede*r darf sich ein eigenes Urteil bilden. Jedes Urteil ist valide", erklärt Schuchardt.

Ein Rehkitz findet den richtigen Weg

In dem Buch "Idas Weg" geht es zum Beispiel um das Rehkitz Ida, das ein Abenteuer sucht. Im Wald stößt es auf drei Wege, den gelben, den blauen und den roten Weg. Alle Tiere wollen ihm sagen, welcher der Beste für sie ist, aber Ida findet auf ganz kreative Weise ihren ganz eigenen Weg.

Ganz simple, aber dabei zutiefst philosophisch ermuntert "Idas Weg" seine jungen Leser*innen dazu, sich selbst zu vertrauen. Mit Illustrationen im Collagenstil - das Reh ist zum Beispiel aus Notenpapier ausgeschnitten - lädt das Buch sogar am Ende noch zum Mitmachen ein. Und besonders beachtenswert: Den Text zu Idas Weg hat die Autorin Fulya Gezer auf Deutsch und auf Türkisch ins Buch geschrieben.

Die drei Frauen, die den Verlag "Gretas Freunde" ausmachen. (Quelle: Gretas Freunde)
Die Macherinnen von "Gretas Freunde" Bild: Gretas Freunde

Kleine Verlage sind schneller und lesernäher

"Als kleiner Verlag hat man auch Vorteile gegenüber den großen Verlagshäusern" - Christine Weißenborn lacht, als sie das sagt. Sie ist eine der drei Gründerinnen von "Gretas Freunde", einem kleinen Verlag mit Sitz in Schöneberg. Christine Weißenborn schreibt, Sarah Neuendorf illustriert, Serena Hatfield macht ein Buch daraus.

Es seien schon zwei bekannte Verlage auf sie zugekommen und wollten überlegen, welche Bücher man zusammen für "in zwei Jahren" machen könnte. "Bei uns dauert ein neues Buch drei Monate von der ersten Idee bis zum Verkauf", Christine Weißenborn gibt zu, dass sie selber überrascht war von den langen Vorlaufzeiten. Wer schnell ist, kann gut auf aktuelle Umstände reagieren. Deswegen ist "Der Tag, an dem die Welt verschwand" auch ihr Bestseller. Herausgegeben im Mai 2020 - was war da bloß nochmal?

Kinderbuch über die Lockdown-Zeit

"Die Welt, das sind jetzt nur noch wir drei, du Papa und ich", sagte Mama und schaute traurig aus dem Fenster. (..) Mama und Papa machten nun oft betrübte Gesichter. Sie überlegten und planten und stritten. Unsere kleine Welt machte ihnen Angst. Mir nicht. (aus: "Der Tag, an dem die Welt verschwand")

Gewidmet ist das Buch "Für alle Großen, die Tag und Nacht ihr Schiff mit Klein-Besatzung durchs Leben steuern. Ihr seid die besten Kapitäne der Welt!" Allein diese Worte machen die Wortwahl und Herangehensweise der Macherinnen von "Gretas Freunde" deutlich. Alle drei arbeiten zwar nebenbei noch als freiberufliche Journalistin, Illustratorin, Graphikerin, aber ihr Verlag wächst und gedeiht – obwohl es die Bücher nur online und in ausgewählten Concept-Stores und nicht im normalen Buchhandel zu kaufen gibt.

Handarbeit bei Gretas Freunde (Quelle: Gretas Freunde)
Handarbeit bei "Gretas Freunde"Bild: Gretas Freunde

Die Community ist überlebenswichtig

Das geht nur durch eine aktive Community, quasi die Freund*innen von "Gretas Freunde". Knapp 11.000 Follower hat der kleine Schöneberger Verlag auf Instagram. Da erhält man Einblicke in das Leben der drei Frauen und ihrer Familien. Schwerpunkt dabei: draußen sein, Ausflüge, Camping mit Kindern, alles rund um "tiny adventures" (kleine Abenteuer), wie sie es nennen. Eine Leidenschaft, die alle drei eint – und sie deswegen ihre Empfehlungen für das Unterwegssein mit Kindern auch schon in Büchern festgehalten haben. Für ihre Community.

Diese Nähe und der Kontakt zu den Leser*innen ist für Philipp Scharff das Entscheidende. Gemeinsam mit seinem besten Schulfreund Niclas Rohrwacher hat er erst den Startup-Campus "Factory Berlin" und ein paar Jahre später, 2017, den Mentor Verlag gegründet. Damals wie heute dreht sich alles um Gemeinschaft – Community. Ihre Vision ist es, Kunst mit Freund*innen zu machen. "Wenn man uns mit anderen Startups vergleicht, sind wir gar nicht so viel anders: Wir sind nah an unseren Kund*innen, fragen nach Bedürfnissen, hören zu, kommunizieren viel, lesen und beantworten jeden Kommentar, fragen aktiv nach Feedback, gestehen Fehler ein, sind transparent und ehrlich, versuchen modern/progressiv zu sein usw. - das sind aber alles Sachen, die für eine eher behäbige und teilweise schon auch eingestaubte Verlagsszene eher unüblich sind, vor allem der Kontakt zu den Leser*innen, der besteht teilweise gar nicht."

Mentor Verlag am Holzmarkt (Quelle: Mentor Verlag)
Direkt an der Spree: Der Mentor Verlag Bild: Mentor Verlag

Der Mentor Verlag am Holzmarkt

Was jetzt vielleicht nach Soja-Latte trinkenden Hipstern vom Holzmarkt-Gelände an der Spree klingt, beinhaltet dennoch klassisches Verlagshandwerk. Auch sie sind wie die meisten Verlage an die gleichen Systeme angeschlossen, ans VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher), an die großen Zwischenhändler, an Amazon, an die Warenwirtschaftssysteme der Buchhandlungen, an IBU, ans BAG, auch der Mentor Verlag hat sogenannte Nummernkreise, also ISBN-Blocks. Das klingt dann schon nicht mehr ganz so easy-sexy.

"Und dann kamen irgendwann aktive Scheuklappen, die uns davon abgehalten haben, die Dinge so zu machen, wie alle anderen, wir haben sehr lange alles ganz anders und dadurch manchmal auch total falsch oder ineffizient gemacht, es hat aber eben auch zu unerwarteten Experimenten, vielen Innovationen usw. geführt, um die wir heute beneidet werden“, betont Philipp Scharff.

Schreiben über das, was Spaß macht

Los ging es mit Ratgebern, dann kamen Kinderbücher dazu, mittlerweile verlegen sie Bücher zu allen - und nur - zu den Themen, die ihnen wichtig sind: Migration, Anti-Rassismus, Feminismus, Achtsamkeit, Veganismus. Und das immer mit dem besonderen Augenmerk auf die Gemeinschaft. "Wir machen das, weil wir Menschen zusammenbringen wollen, die etwas Wichtiges zu sagen haben, weil wir selber Spaß daran haben, diesen Menschen eine Bühne zu bauen, weil wir gut darin sind, Menschen und Themen zu verbinden und wichtigen Botschaften Reichweite zu geben, weil wir unseren Teil dazu beitragen wollen, diese Gesellschaft weiterzuentwickeln." Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Erfolg, den sie haben, weil sie authentisch sind und weil sie leben, was sie sagen.

Das Buch Sulwe von Lupita Nyong'o. (Quelle: Lupita Nyong'o)
Lupita Nyong'o mit ihrem Buch "Sulwe" Bild: Lupita Nyong'o

Verlag im Fokus internationaler Autor*innen

Nicht nur, dass ihr Kinderbuch "Der achtsame Tiger" jetzt bald als Musical in Hamburg aufgeführt wird, Prominente aus aller Welt suchen sich den kleinen Verlag an der Spree aus, um dort ihr Buch zu verlegen. So zum Beispiel die italienische Bestsellerautorin Francesca Cavallo mit ihrem Buch "Das Wunder von R.".

Ebenso die kenianische Oscarpreisträgerin Lupita Nyong'o (u.a. bekannt aus "12 Years a Slave") mit ihrem ersten Kinderbuch "Sulwe". Damit bringt Mentor das Thema Colorism auf den deutschen Büchermarkt. Mit diesen Ideen haben Philipp Scharff und sein Team gerade erst den Deutschen Verlagspreis gewonnen. "Wir verstehen uns eher als Bühnengeber, als Plattform, als Vermittler, als Brücke."

So unterschiedlich diese drei Verlage aus Berlin und Brandenburg auch sind, eine Gemeinsamkeit haben sie - und das ist der Mut zum Anderssein.

Sendung: radioeins, 1.6.2021, 7:35 Uhr

Beitrag von Wiebke Keuneke

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