Konzertkritik | Michael Wollny in der Philharmonie - Virtuos, turbulent und lustig

Konzert von Michael Wollny
Audio: Inforadio | 24.06.2021 | H. Schröder | Bild: imago/Votos-Roland Owsnitzki

Jazzpianist Michael Wollny mischt Musikstile wie kein anderer seines Genres. Und wurde dafür mit Preisen überhäuft. Mit seinem aktuellen Soloalbum war er am Mittwoch live in der Philharmonie zu sehen. Ein Abend zwischen wahnsinnig und urkomisch. Von Hendrik Schröder

Die Haare verstrubbelt, weiße Turnschuhe und graues Sakko, ein Gläschen Wein in der Hand, so kommt Michael Wollny gut gelaunt auf die Bühne und sagt: "So, erst mal das Wichtigste, Schweden führt 3 zu 2". Der Typ ist einem sofort sympathisch. Dann bedankt er sich emotional bei allen, die an diesem Abend gekommen sind, sagt, wie toll es sei, endlich wieder vor Leuten zu spielen. Auch wenn es in der Philharmonie nur wenige Hundert sind. Und dann spielt er los und das ist völlig abgefahren was der da macht. Den Kopf leicht vorne übergebeugt, den Oberkörper ständig in Bewegung, so arbeitet der Mittvierziger sich regelrecht ab an seinem Instrument, das linke Bein ausgestreckt, als suche er die Bremse oder müsse sich austarieren, um nicht vom Schemel zu fliegen. Als mache das Klavier was mit ihm und nicht er was mit dem Klavier.

Das Gehirn wird mitreißend überfordert

Schnell wechseln die Stimmungen. Dunkel wird es, melancholisch, dann schummelt sich unauffällig ein leichtfüßiger Boogie Woogie rein zu dem man theoretisch auch tanzen könnte. Bis seine Hände und Finger plötzlich ansatzlos über die Tasten rasen, dass das Ohr, geschweige denn das Gehirn kaum noch hinterherkommen. Immer wieder greift er direkt in den Flügel hinein auf die Saiten, mit einer schwingenden, fast wegwerfenden Handbewegung und das klingt auf gewisse Weise unerhört, tabubrechend. Und es ist mit Sicherheit lustig gemeint, wie er dabei ein bisschen die Arme verbiegt und dann mit großer Geste mit dem Ellenbogen auf die Tasten haut und bei alldem aber mit der anderen Hand noch spielt wie ein junger Gott. Leider lacht keiner, das macht man wohl nicht in so einem ehrwürdigen Haus aber einige können sich doch das Grinsen zumindest nicht verkneifen.

Keine Angeberei

Wollny ringt dem Instrument mal ein tiefes, furchterregendes Grollen ab, steht auf, sieht aus, als springe er gleich in den Flügel hinein, setzt sich wieder, richtet sich auf und seine Finger tanzen eine kleine, unschuldige Melodie auf der Klaviatur, als wäre nichts gewesen. 30 bis 40 Minuten dauern die Stücke bzw. die Abfolge an Stücken, die direkt ineinander übergehen. Die Zeit fliegt dahin. Da sitzt nur ein Mann am Flügel, aber langweilig ist es keine Sekunde lang. Und wenn er dann zwischendurch ein bisschen erzählt, verschmitzt, fast etwas schüchtern, von der Einsamkeit beim Komponieren des aktuellen Solo Albums "Mondenkind", wo er alleine im Studio saß, alleine im Hotel, alleine auf der Autobahn, dann mag man ihn noch ein bisschen mehr. Das tolle an Wollny ist dabei: Nie hat man das Gefühl, das sei hier eine Leistungsschau, wie bei anderen Virtuosen seiner Klasse manchmal. Kein "guck mal was ich kann", was nur dazu dient, eben das zu zeigen. Bei ihm dient jeder Move nur der Stimmung, dem Stück, der Geschichte sozusagen. Ein toller Ritt, so ein Abend mit Michael Wollny.

Sendung: Inforadio, 24.06.2021, 07.00 Uhr

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