Kritik | "Die Reise der Familie Mann" im Renaissance Theater - Eine schrecklich erstaunliche Familie

Boris Aljinovic, Imogen Kogge, Peter Kremer, Judith Rosmair, Noëlle Haeseling, Guntbert Warns und Markus Gertken bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Amazing Family" im Renaissance-Theater am 24.06.2021 in Berlin. (Quelle: dpa/Christian Behring)
Audio: Inforadio | 28.08.2021 | Ute Büsing | Bild: dpa/Christian Behring

Sie waren eine besondere Familie: die Manns. Divers, literarisch erfolgreich, politisch widerständig. Am Berliner Renaissance Theater ist ihnen jetzt als erste Produktion nach dem Lockdown die Uraufführung "Amazing Family" gewidmet. Von Ute Büsing

In dieser "Amazing Family" ist alles drin, was diese deutsche Familie Mann zu bieten hat: der ewige Bruderzwist zwischen Schöngeist Thomas und Heißsporn Heinrich, Klaus und Erikas Homosexualität und Eskapaden, Katias duldendes Ertragen. Dazu: die wilden 1920er-Jahre, der heraufziehende Hitler-Faschismus, Bedrohungen, Diffamierungen, das erlittene Exil. Verwerfungen werden überwiegend am großen Familientisch verhandelt, daheim in München wie später im amerikanischen Exil.

Regisseur Torsten Fischer und Ausstatter Herbert Schäfer haben für die Text-Montage ihres redlichen Konversationstheaters viel Stofffülle gewälzt und legen ihren fiktiven Manns jetzt bekannte Bonmots übereinander in den Mund; sie verarbeiten Thomas Manns homoerotischen Roman "Tod in Venedig" und Klaus Manns "Mephisto", den Schlüsselroman über den Schauspieler und Staatstheaterintendanten Gustav Gründgens – kurzzeitig Ehemann von Erika Mann.

Mitläufer-Würstchen unter der Fratze des Mephisto

Vor allem die Drehungen und Wendungen des selbstverliebten karrieristischen Schauspielers Hendrik Höfgen, alias Gründgens, nehmen am Renaissance Theater breiten Raum ein. Hausherr Guntbert Warns führt ihn mit einem Kopfstand ein und legt unter der Fratze des "Mephisto" das arme Mitläufer-Würstchen frei und: Er zeigt seinem Publikum im Spiegel-Bild wer hier auch gemeint ist, nämlich wir alle.

"Amazing Family" ist ein ziemlich pädagogisches Theaterstück, dem der ganz große Esprit abgeht. Trotz verschiedener Tagesschlager-Einlagen, auch aus dem "Blauen Engel", gesungen von Noelle Haeseling, angetrieben von Harry Ermer am Piano, wird die flirrende Stimmungslage der Roaring Twenties und des politischen Mann-Cabarets "Pfeffermühle" kaum wieder erweckt.

Ideenträger für die Last der Zeitgeschichte

Alle im hochkarätig besetzten Ensemble nehmen ihre Rollen sehr ernst. Markus Gertken ist der vorzugsweise leichten Mädchen zugeneigte Lebe-Mann Heinrich und er verkörpert zugleich den kommunistischen Schauspieler Hans Otto, den Intendant Gründgens letztlich nicht schützen kann. Imogen Kogge besticht als abgeklärte Mutter Mann und als lustvolle Therese Giehse, die Erika Mann auf Jahrzehnte verbunden bleibt. Judith Rosmair ist diese burschikose Erika und Boris Aljinovic ihr ohne sie verlorener, schwermütiger Bruder Klaus. Alle rauchen wie die Schlöte.

Und: Sie alle tragen die Last der Zeitgeschichte mit sich – auch in erzählenden Positionen. Peter Kremer gibt den "Zauberer" und pedantischen Zauderer Thomas Mann vielleicht eine Spur zu leutselig. Auf jeden Fall ist der Literaturnobelpreisträger, der sich erst spät zu einem flammenden Aufruf an die Deutschen gegen den Nationalsozialismus durchringt, in seiner Darstellung mögenswert.

Und das sind sie eigentlich alle, die hier versuchen, das bereits vielfach ausgeleuchtete diverse Familiengespinst der Manns theatral transparent zu machen und die Aufrufe aus dem Hause Mann zu Wachsamkeit und Widerstand für die heutige Zeit fast lehrstückhaft zu reaktivieren.

Sendung: Inforadio, 28.06.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

1 Kommentar

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  1. 1.

    Beim lesen der Überschrift dachte ich irrtümlich sofort an die Giffey's

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