Theaterkritik | "Wagner - Der Ring des Nibelungen" im BE - Reichlich Theaternebel in Walhalla

Corinna Kirchhoff, Paul Zichner in einer Szene aus "wagner - der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)" (Quelle: BE/Birgit Hupfeld)
Bild: BE/Birgit Hupfeld

Kurz vor den Theaterferien dürfen die Häuser doch noch spielen. Das Berliner Ensemble hat kurzfristig eine Inszenierung von Regisseur Ersan Mondtag ins Programm gehoben: "Der Ring des Nibelungen", neu erzählt von dem Dramatiker Thomas Köck. Von Cora Knoblauch


"Es hat sich ausgestreamt", ruft Brünnhilde ins Publikum. Das schnöde auf den Bildschirmstarren ist vorbei, jetzt gehts wieder auf der Bühne zur Sache. Die kurze Indoor-Spielzeit kurz vor den Sommerferien beginnt das Berliner Ensemble dann auch nicht mit einem lockeren Warm-up, sondern schickt Regisseur Ersan Mondtag und Wagners Ring des Nibelungen auf die Bühne.

Mondtag sagte mal in einem Interview, dass er selbst eigentlich nicht gerne Stunde um Stunde auf dem Theaterstuhl ausharre, aber den Ring des Nibelungen, den könne man eben nicht in ein, zwei Stunden erzählen. Und so galoppieren Schauspieler und Publikum fast fünf Stunden durch die Kapitel Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Im Vergleich mit dem Wagnerschen Original natürlich lachhaft kurz.

Abarbeiten am Mythen-Geschwafel

Sich des klassischen Opernstoffs angenommen hat der österreichische Dramatiker Thomas Köck. Er ist wie Regisseur Ersan Mondtag Mitte 30 und hat die Nibelungen-Story in die Psychiatrie verlegt. Autor Köck sagt, so ist es im Programmheft zu lesen, dass er Wagner gecancelt habe. Es sei die Sprache gewesen, die ihn am meisten interessiert habe. Und daraus habe er dann gemacht, was er wollte. Sein "Ring" ist kein Kniefall vor Wagner, im Gegenteil. Köck arbeitet sich an diesem ganzen Mythen-Geschwafel im Wagner-Original ab.

Siegfried, Sieglinde, Siegmund - sie alle sind Patienten einer Psychiatrie, jeder der Helden trägt sein Päckchen an Gewalterfahrungen, Misshandlungen und Wahnvorstellungen. Siegfried ist ein schwer traumatisierter Junge, geplagt von Albträumen. Göttervater Wotan ist der Oberarzt, die Walküren die unterbezahlten Pflegerinnen der Anstalt.

Gefangen in einem "loop of history"

Opern wie Wagners "Ring" reproduzieren permanent den Mythos des weißen, sehr männlichen Superhelden, sagt Köck. Junge Männer aus der Generation von Mondtag und Köck scheinen auf diese Helden keinen Bock mehr zu haben. Deutschland sei gefangen in einem "loop of history" heißt es in dem Stück, und diese ewigen Heldengeschichten bieten da keinen Ausweg. Ein altes preußisches Stadtschloss wieder aufzubauen sei auch nur die Weitererzählung alter Mythen, ruft Brünnhilde. Über Mythen und Helden wird viel geschimpft an diesem Abend, über das Stadtschloss auch.

Der fünfstündige Abend schwankt zwischen gaga und todkomisch, Grund dafür ist auch das wie immer monumentale Bühnenbild Ersan Montags. Das Publikum schaut in die Psychiatrie-Zelle von Siegfried, eine kleinbürgerliche Küche. Tisch, Stühle, Kühlschrank etc. sind so überdimensioniert, wie sie aus Perspektive eines vierjährigen Kindes sind. Wenn also Siegfried auf den Küchenstuhl krabbelt, sitzt er dort wie ein Kleinkind und kann kaum über die Tischplatte schauen. Das ist ulkig, aber auch albtraumhaft. Siegfried, Sieglinde und Siegmund toben über die Bühne wie Kleinwüchsige. Im Kühlschrank verschwinden sie dann und wann, durch ihn hindurch gelangt man zu einem geheimen Ort, vielleicht nach Walhalla, wir erfahren es nicht.

Die Kondition hat etwas gelitten

Überhaupt ist es sehr nebelig in dieser Anstalt, Siegfried entzündet ein amtliches Feuer in seiner Zelle und es qualmt heftig in der Anstaltsküche. Auch wenn dem Fünf-Stunden-Text nicht immer leicht zu folgen ist: Das Ensemble mit seinem Spiel trägt den sitzmüden Zuschauer mit Leichtigkeit durch den Abend. Besetzt wurde unter anderem mit zwei Allzweckwaffen des BE: Stefanie Reinsperger und Nico Holonics.

Reinsperger als wort- und überhaupt gewaltige Brünnhilde und Holonics als dragqueenartiger Hagen. Die Kondition beim Publikum hat in den vergangenen Monaten vielleicht ein bisschen gelitten und es ist eben doch etwas anderes ob man auf dem bequemen Sofa streamt oder fünf Stunden im Parkett des BE sitzt. Da heißt es: schnell wieder in Form kommen, die nächste Ersan-Mondtag-Premiere steht bereits kommende Woche im Maxim-Gorki-Theater an.

Sendung: Inforadio, 04.06.2021, 06:50 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    I Love it!

Nächster Artikel