Industriekultur in Brandenburg - Von rauchenden Schloten zu blühenden Landschaften

Industriepark Schwarze Pumpe (Quelle: Kulturland Brandenburg 2021/Frank Gaudlitz)
Bild: Kulturland Brandenburg 2021/Frank Gaudlitz

Ob Förderbrücken, Stahl-Öfen oder Glas und Ziegel: Die Industriekultur in Brandenburg ist vielfältig. Die Kampagne "Kulturland Brandenburg" gibt ab Freitag in 40 dieser Orte einen Einblick. Von Sigrid Hoff

Er ragt fast 50 Meter in die Höhe und ist bis heute das Wahrzeichen des Finowtals: der Wasserturm aus hellem Backstein mit Fensterschlitzen wie Schießscharten und einem mächtigen Zackenkranz als Abschluss wirkt von Ferne wie der Bergfried einer mittelalterlichen Burg. In seiner expressionistischen Architektur ist er jedoch ein Bauwerk des 20. Jahrhunderts und zeugt vom Boom der Metallproduktion in Eberswalde (Barnim). Als er um 1917 errichtet wurde, rauchten die Industrieschlote der Fabrikhallen zu seinen Füßen. Die jüdischen Fabrikantenfamilie Hirsch betrieb hier bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 das leistungsstärkste Messingwerk Europas.

Wasserturm in Finowtal (Quelle: rbb/Sigrid Hoff)
Bild: rbb/Sigrid Hoff

Wiege der Metallproduktion im "märkischen Wuppertal"

Eberswalde, die Wiege der Metallproduktion in Brandenburg-Preußen, auch als "märkisches Wuppertal" bezeichnet, kann auf knapp 400 Jahre Industriekultur zurückblicken. Hier eröffnet am Freitag die diesjährige Kulturland-Kampagne unter dem Titel "Zukunft der Vergangenheit – Industriekultur in Bewegung". In Eberswalde werden beispielsweise Highlights der Industriearchitektur wie die Große Kranbauhalle oder auch die Borsighalle durch Klanginstallationen mit neuem Leben gefüllt. Das Themenjahr lädt aber auch mit zahlreichen Ausstellungen, Konzerten, Theater und Performances dazu ein, rund 40 Orte der Industriekultur in Brandenburg neu zu entdecken.

Glasmanufaktur in Baruth

Einer davon ist das heutige Museumsdorf Glashütte bei Baruth (Teltow-Fläming), etwa 60 Kilometer südlch von Berlin zwischen Spreewald und Fläming. Mitten im Wald des Barnimer Urstromtals reihen sich schlichte Häuser aus Fachwerk mit roten Ziegeln entlang der Straße, ein hoher Schornstein und alte Bahngleise mit rostigen Loren zeigen an, dass sich hier eine der ältesten Industrieanlagen Brandenburgs befindet.

Vor mehr als 300 Jahren wurde die Baruther Glashütte gegründet - eine Manufaktur für mundgeblasene Lampenschirme und bunte Glasfenster, die rasch zu Markenartikeln wurden. Die Glasmacher wurden aus Böhmen und Schlesien angeworben und lebten und arbeiteten in den Häusern rund um die Produktionsstätten.

Produktionsgebäude mit Schornstein in Glshütte (Quelle: rbb/Sigrid Hoff)In Glashütte Baruth befindet sich eine der ältesten Industrieanlagen Brandenburgs

Leben in Werksiedlungen

Unter dem Titel "Von der Wohnform des Industriezeitalters zum Zielort des Kulturtourismus" porträtiert die aktuelle Ausstellung zum Kulturland-Themenjahr im alten Hüttenbahnhof fünf Beispiele herausragender Werksiedlungen in Brandenburg. Vorgestellt werden die typischen "Papphäuser" in Glashütte, mit Dachpappe gedeckte Typenhäuser aus dem 19. Jahrhundert gleich gegenüber vom Bahnhof. Aber auch die als Gartenstadt angelegte Bergarbeitersiedlung Marga bei Senftenberg oder die Schwartzkopfsiedlung in Wildau, die vor rund 100 Jahren für die Metallarbeiter der Lokomotivenwerke entstanden ist. Die Siedlungen wurden von zum Teil namhaften Architekten entworfen als Gegenbild zu den engen Mietskasernen der Metropole Berlins.

Selber auf Entdeckung gehen

Dank aufwändiger Sanierung und Restaurierung in den letzten drei Jahrzehnten sind die Werksiedlungen auch heute beliebte Wohnorte, auch wenn die Arbeitswelt der Fabriken, für die sie errichtet wurden, untergegangen ist. In Glashütte, dem Ausstellungsort, hält ein Verein mit einem Glasstudio das immaterielle Kulturerbe der manuellen Glasfertigung lebendig, neben Ausstellungen zur Tradition der Glasherstellung am Ort gibt es in den übrigen historischen Fabrikbauten Werkstätten und Läden, die Handgefertigtes aus Ton bis Leinen anbieten.

Museumsleiter Georg Goes will mit der Ausstellung und speziellen Exkursionen die Besucher zu eigenen Entdeckungsreisen anregen: "Wir wollen das Augenmerk darauf lenken, was das für eine Kulturleistung war, wie sich diese peripher gelegenen Orte aber auch mit neuem Leben gefüllt haben durch neue Wohn- und Arbeitsformen im 21. Jahrhundert."

Einzige visuelle Inspektion in der Verpackungslinie, Glasmanufaktur Brandenburg (Quelle: Kulturland Brandenburg 2021/Frank Gaudlitz)
Einblick in die Glasmanufaktur Brandenburg | Bild: Kulturland Brandenburg 2021/Frank Gaudlitz

Verlust von Produktionsorten und Arbeitsplätzen

Einen Überblick über die reiche Tradition und die Herausforderungen des Strukturwandels gibt eine Ausstellung am Standort des einstigen Stahl- und Walzwerks der Stadt Brandenburg an der Havel, dem heutigen Industriemuseum. Sie nimmt vor allem die Zeit des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umbruchs von 1989/90 in den Fokus und erzählt, wie der Verlust von Produktionsorten und Arbeitsplätzen erlebt und überwunden wurde durch die Entstehung innovativer Branchen im Zuge von Digitalisierung.

3.000 Jahre Industriekultur in Cottbus

Vom Energiewandel und Zukunftsideen mit Erfindergeist erzählt ein Audiogiude des touristischen Netzwerkes Industriekultur. Unter dem Thema "Industrielle Utopien – einst und jetzt" stellt er sieben Standorte vor, darunter die Biotürme in Lauchhammer, das Neue Energien Forum Feldheim in Treuenbrietzen oder auch den Optikpark Rathenow, die mit Hilfe des Audioguides auf eigene Faust erkundet werden können.

Und schließlich eröffnet am 23. Juli 2021 im Stadtmuseum Cottbus die Ausstellung "Industriekultur in der Niederlausitz im Wandel". Hier wird auf 3.000 Jahre Industriekultur und Energiegewinnung in der Region zurückblickt, vom Holz und der Holzkohle über den Bronze- und Eisenguss bis zur Braunkohle als Energielieferant etwa für die Textilfabriken in Cottbus, Guben und Forst. Und auch hier geht es um die Zukunft der Region: mit Solarpanel-Feldern und Windparks ist die Lausitz heute ein Experimentierfeld neuer Industrien.

Sendung: rbbKultur, 04.06.2021, 17:45 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

6 Kommentare

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  1. 6.

    Natürlich, schuld ist immer der Jammerossi. Ist das ein interessantes Tier? Ich kenne leider keinen Jammerossi. Aber wenn es etwas seltenes ist gehört es eindeutig unter Schutz gestellt. Dann kann der Jammerwessi mit diesem sich Vereinen und eine neue Art gründen. Namensvorschlag: Jammerwossi oder westostjammerkopp.

  2. 5.

    Wieso "verkaufen"? Das ist doch eine tolle und interessante Tradition, die da gewürdigt wird.

  3. 4.

    Da ist er wieder...der Jammerossi.
    Sanierte Altstadtkerne , Autobahnen etc. sieht er natürlich nicht.
    Görlitz, Quedlinburg und Dresden sind nur wenige Beispiele.

  4. 3.

    Warum habe ich das Gefühl das man uns hier etwas verkaufen will? Den Niedergang der Industrie haben viele noch persönlich erleben dürfen. Dazu brauchen wir sicher keine Künstler.

  5. 2.

    Haben Sie sich das Museumsdorf Glashütte schon mal angeguckt? Ich fand es sehr schön dort und hab mir auch etliches gekauft. Der Wildpark ist auch sehr zu empfehlen.

  6. 1.

    Da sind sie wieder, die "blühenden Landschaften". Denkt man an Kohls Versprechen zurück, klingt das eher wie eine Drohung und böse Vorahnung.

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