Komische Oper - Walzer, Witz und fehlende Funken

Der »Zigeuner«baron Johann Strauss, Auf dem Bild: Dominik Köninger (Graf Peter Homonay), Katharina von Bülow (Czipra), Helene Schneiderman (Mirabella) und Alma Sadé (Arsena) (Quelle: Monika Rittershaus)
Quelle: Monika Rittershaus
Audio: Inforadio | 07.06.2021 | Barbara Wiegand | Bild: Quelle: Monika Rittershaus

Heiß ersehnt und lange vorbereitet: Die Komische Oper hat nach acht Monaten ihr Haus geöffnet und die erste Premiere präsentiert. Der "Zigeuner"baron gehört zu den populärsten Operetten überhaupt. Die Premiere hat nicht nur mit ihrem Titel ein Problem. Von Maria Ossowski

Ohne Gänsefüßchen kein "Zigeuner"baron. In Anführungszeichen setzt die Komische Oper das Z-Wort in Johann Strauss' Operette, denn die walzerselige Hitmaschine, populär seit über 130 Jahren, hat ein aktuelles Problem: ihren Titel. "Zigeuner" ist als Begriff ein Klischee, je nach Perspektive romantisch verklärt oder negativ besetzt, somit im heutigen Sprachverständnis politisch inkorrekt.

Zum Begriff

"Zigeuner" ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird – so haben sich die Sinti und Roma nämlich niemals selbst genannt. (Quelle: Zentralerat Deutscher Sinti und Roma)

Die Ausgrenzung von Sinti und Roma in Europa begann mit der Herausbildung der Territorialstaaten. Über 500.000 aus "rassischen" Gründen als "Zigeuner" Verfolgte wurden von den Nationalsozialisten ermordet. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Das Konzept geht nicht auf

Die große Leistung des Regisseurs Tobias Kratzer: die aktuelle Diskussion um Stereotypen macht er auf der Bühne nicht zum Problem, er belässt die Handlung in ihrer Zeit, mit Tschingderassabumkostümen der Soldaten, mit Säbeln und Bordüren, mit neobarockem Bühnenbild - und er ironisiert. Der k.u.k Offizier futtert sein Z-Schnitzel, die Z-Lieder behalten ihren Text. Die Story um den Abenteurer Sándor, der die Schweinezüchtertochter heiraten will und sich dafür zum Z-Baron ernennt, hat Kratzer verdichtet, gekürzt. Er erzählt sie aus der Perspektive eines ewiggestrigen Grafen, der nichts anderes will, als die gute alte Ordnung wiederherzustellen, die nach dem Krieg im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn allerdings komplett out ist. Ein kluges Konzept, und doch, es haut nicht hin. Warum?

Der Funke springt lange nicht über

Die Stimmung im Saal hätte zu Beginn nach acht opernlosen Monaten besser nicht sein können. Riesiger Jubel, als Intendant Barrie Kosky kurz auf die Bühne springt, um das Publikum, immerhin die Hälfte des Saals ist besetzt, zu begrüßen. Alle sind getestet und maskiert, alle sind gespannt.

Und dann? Die lange Einführungsrede des Grafen wirkt zäh, bemüht, die Ouvertüre wie der gesamte erste Akt klingt seltsam kraftlos. Das Orchester sitzt nicht im Graben, Stefan Soltesz dirigiert es im hinteren Teil der Bühne, links und rechts steht unsichtbar der Chor.

Die Solisten, vor allem Thomas Blondelle als Sándor und Mirka Wagner als die begehrte Saffi spielen und singen mit Verve und Witz, sehr operettenhaft und schmissig, nur springt der Funke lange nicht über. Kein Nummernapplaus, sonst beim Z-baron üblich, schließlich fetzt die Musik, sie ist wunderschön und hier auch wunderschön gesungen.

Die Distanz der Gänsefüßchen legt sich über den Abend

Im 2. und 3. Akt, Sándor liebt jetzt Saffi, die Jungs ziehen in den Krieg und kehren arg lädiert, wenngleich lebendig zurück, zieht das Tempo an. Hie und da klatschen einige Gäste, aber es scheint, als habe sich die Distanz der Gänsefüßchen beim "Zigeuner"-baron über den ganzen Abend gelegt, vor allem musikalisch.

Dirigent Stefan Soltesz lässt keine Funken sprühen, die Walzer laden nicht ein zur Seligkeit. Acht Monate erzwungene Untätigkeit haben ihre Spuren hinterlassen. Die MusikerInnen und das Ensemble müssen erst wieder zusammen finden. Die Inszenierung hat Witz, sie ist durchdacht, vielleicht braucht es einfach wieder das Glück eines volleren Hauses und einer Stimmung, in der die Pandemie nurmehr eine Erinnerung ist, die langsam verblasst.

Sendung: Inforadio, 07.06.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

3 Kommentare

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  1. 3.

    Das ist mir bekannt. Ich nahm Bezug auf etwas anderes. Erst lesen.

  2. 2.

    Wenn schon, dann biite Schostakowitsch eigener Widmung entsprechend historisch doppelt korrekt "Leningrader Sinfonie" 1.) am Tag der Uraufführung am 09.08.1942 in der von deutschen Truppen eingeschlossenen NewaMetropole hiess diese "Leningrad" und nicht "St. Petersburg" 2.) In einem Artikel auf S. 3 der "Prawda" vom 29.03.1942 schrieb Schostako-witsch in der Vorankündigung der abendlichen oskauer Erstaufführung der Sinfonie „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt … ".

  3. 1.

    Die 7.Sinfonie von Schostakowitsch wird auch nicht ln St.Petersburger Sinfonie umbenannt Das würde ich nicht akzeptieren.

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