Rezension | Filminstallation "geRecht" - Vom seidenen Faden des Flüchtlingsschutzes

TAK Theater Aufbau Kreuzberg (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 08.08.2021 | Ute Büsing | Bild: rbb

Von Asylrecht-Paragraphen und Wirklichkeit handelt die begehbare Filminstallation "geRecht", die jetzt im Theater im Aufbau-Haus, Tak, zu sehen ist. Ein lohnendes Projekt und eine Paraderolle für Corinna Harfouch als Verwaltungsrichterin, findet Ute Büsing

Es ist wie in einer Galerie. In abgedunkelten, begehbaren Räumen flimmern im Berliner Tak im Aufbau-Haus am Moritzplatz Szenen aus einem Verwaltungsgericht über sechs Leinwände. Dazwischen sitzt das Publikum auf bequemen Drehstühlen oder bewegt sich im Rhythmus der Projektionen. Im Mittelpunkt: eine berühmte Richterin kurz vorm Ruhestand. Corinna Harfouch ist diese Couragierte, die einen täglichen Kampf führt gegen die kleinen, feinen, aber für Asylsuchende lebenswichtigen Unterschiede in der Gesetzesauslegung.

Detailliertes Hintergrundwissen über das deutsche Asylrecht und mögliche individuelle Handlungsspielräume in Asylverfahren will die anderthalbstündige Filminstallation von Lydia Ziemke und ihrem transnationalen Team Suite42 vermitteln. So hagelt es in diesem digitalen Gerichtsdrama anfangs Fakten über Asylberechtigung und Flüchtlingsschutz, die Lage in den Herkunftsländern und die "Glaubwürdigkeit" von Asylsuchenden, nicht deckungsgleiche Aussagen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und vor Gericht.

Erst allmählich entwickelt das neue digital-analoge Aufführungsformat mit seiner spielerischen Wissensvermittlung eine ganz eigene Sogkraft. Das kleine 20-köpfige Publikum wird hineingezogen in die angespannte Atmosphäre im Gerichtssaal. Es fühlt mit dem jungen schwulen, in seinem Herkunftsland deshalb besonders bedrohten Afghanen (Omar El-Saedi), der für die Deutschen gearbeitet hat und nun seine Abschiebung fürchten muss. Es möchte seine Übersetzerin (Anke Retzlaff) korrigieren, die Fehler um Fehler begeht und damit fatale Kettenreaktionen auslöst.

Deutlich wird, an welch seidenem Faden der im Grundgesetz garantierte Flüchtlingsschutz hängt. Der Asylanwalt (Roland Bonjour) versucht unermüdlich, die Einschätzungs- und Handlungsspielräume der Richterin zu weiten, meist bei Gespräch außerhalb des Gerichssaales.

Paraderolle für Corinna Harfouch

Schließlich wird die private Betroffenheit der Richterin dringliches Thema: Ihr Sohn, ein Krisen-Fotograf, ist vermutlich in einem bisher von der Bundesrepublik Deutschland als "sicher" eingestuften Land entführt worden. Sie gerät ins Strudeln, auch weil sie sich ihrer eigenen Geschichte erinnert: der Flucht aus der DDR, wo sie vom Urteil anderer abhängig war. In Traumsequenzen begegnet sie nun ihrem Sohn, versucht ihn heil zurückzuholen und sie visioniert immer wieder einen Ameisenstaat, wo alles seine klare Ordnung hat. Sie aber muss allein Gewissensentscheidungen treffen, die doch auch geltendem Recht folgen sollen.

Die filmische Adaption des ursprünglich als vierteilige Serie fürs Theater geplanten, bei Asylsuchenden, Anwälten und Richtern sorgfältig recherchierten Stoffes (zusammengetragen von Mehdi Moradpour, Matin Soofipour Omam und Peca Stefan) ist absolut überzeugend. Sie zieht das Publikum in den Bann, lässt es teilhaben, beim bequemen Sitzen auf einem Drehstuhl oder beim Rundgang. Geplant sind nun zunächst zwei weitere Folgen, die den Fokus auf die komplizierte Gemengelage weiten. Ein lohnendes Projekt und eine Paraderolle für Corinna Harfouch, die sich aber wunderbar ins vierköpfige Ensemble einschmiegt.

Sendung: Inforadio, 08.06.2021, 07:00 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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