Theater | Ersan Mondtag am Gorki - Knie nieder vor dem Herrn, Bitch!

Gorki Theater: It's going to get worse – von Ersan Mondtag & Ensemble; © Armin Smailovic/Agentur Focus
Armin Smailovic/Agentur Focus
Audio: Inforadio | 09.06.2021 | B. Behrendt | Bild: Armin Smailovic/Agentur Focus Download (mp3, 4 MB)

Das Ersan-Mondtag-Stück "It's going to get worse" sollte eigentlich im November Premiere haben. Am Dienstag war es am Maxim-Gorki-Theater nun so weit. Cora Knoblauch sah allerdings etwas ganz anderes, als zunächst angedacht war.

Eigentlich, so erzählte Regisseur Ersan Mondtag im vergangenen November im rbb-Interview, habe er ein Drag-Queen-Musical am Gorki inszenieren wollen. Doch die Premiere musste ins Ungewisse verschoben werden. Weil das Stück sich aber am jeweiligen Jetzt orientiert, ist im Maxim-Gorki-Theater nun - ein halbes Jahr später - ein etwas anderes Stück zusehen: Ein Musical ist es nicht geworden, eine Art Nummern-Revue der absurd-komischen Art aber schon.

Szene aus "It's going to get worse"
Bild: Armin Smailovic/Agentur Focus

Die Niederlage hinter dem Königsthron

Los geht es zunächst ziemlich furios: Die Bühne ist verhängt mit einer Art Fassade des ehemaligen Palasts der Republik. Darüber steht in goldenen Lettern auf blauem Grund: "Knie nieder vor dem Herrn, Bitch." Es ist dieselbe Schrift wie sie an der rekonstruierten Kuppel des neuen Stadtschlosses steht, jene umstrittene Bibel-Inschrift aus Preußenzeit.

Diese Theaterfassade des Palastes wird zur Seite geschoben - und es folgt noch ein königlich blauer Vorhang und wir schauen auf den Thron des Bayernkönigs Ludwig II.: ein kitschiger, goldener Thron umrahmt von Pfauen, vergoldete Fake-Palmen stehen daneben.

In dieser Kitsch-Kulisse räkeln sich vier Gestalten in rosafarbenen Ganzkörper-Trikots zu laut wummernder Hiphop-Musik. Die Inspizienz des Gorki fährt dazwischen, ruft "Stopp". Die Bühnentechniker sollen den Thron von Ludwig austauschen gegen einen Preußen-Thron und alles soll bitte nochmal auf Anfang.

Doch nach diesem tatsächlich sehr lustigen Auftakt biegt der Abend dann ab in eine andere Richtung. Drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler treten wie bei einer Nummern-Revue einzeln auf die Bühne und performen ihre persönlichen Niederlagen - private Niederlagen und die beruflichen auf der Bühne. In ihren rosafarbenen, unvorteilhaften Trikots, die Haare unter Netzen versteckt, grotesk geschminkt, wirken sie beinahe entstellt.

Was folgt ist ein öffentliches Nachdenken dieser Vier über das Scheitern und die Demütigung. Wie so oft im Gorki, verflechten sie autobiografische Erlebnisse mit Theatertexten, manche Passagen scheinen improvisiert, was dem Abend etwas wunderbar Anarchisches verleiht. Eine Stimme aus dem Off bittet die Schauspielerinnen und Schauspieler, bitte etwas Persönliches zu erzählen oder aber schickt sie gleich wieder runter von der Bühne: "Deine Szene wurde gestrichen, Cigdem." Öffentliche Demütigung auf der Bühne - und wir Zuschauer schauen dabei zu.

Die israelische Schauspielerin Orit Nahmias fragt passender Weise: Was soll ich hier noch neues über mich erzählen, die Gorki-Zuschauer kennen doch schon alle Details aus meinem Leben! Schauspielerin und Tänzerin Kate Strong erzählt, wie sie als junges Mädchen in England eine strenge, teils grausame Ballettausbildung absolvierte. Eines Tages stürzte sie beim Vortanzen und wurde daraufhin abgelehnt. Eine herbe Niederlage für die junge Frau.

Bedrückende Grundstimmung

Viel schlechter hätte es nicht mehr werden können, dachte sie damals. Tatsächlich führte dieses autobiografische Erlebniss aber dazu, dass Kate Strong nicht beim Ballett blieb, sondern Schauspielerin wurde. Orit Nahmias erzählt von ihrer gerade laufenden Scheidung und gibt zu, dass sie im Grunde nur deshalb auf der Bühne steht, weil das der einzige Moment sei, in dem sie sich selbst leiden könne. In Momenten wie diesen kippt die schrill-komische Performance in eine bedrückende Grundstimmung. Melancholie breitet sich unter dem Abend aus aus wie ein dunkelblauer Teppich.

Ein bisschen Drag-Queen-Musical gibt es am Ende zum Glück aber doch: Benny Claessens performt und improvisiert Songs am Klavier in Drag-Klamotten. Dawzischen erzählt er, 2018 sei er ja Schauspieler des Jahres gewesen und nun käme nichts mehr. It's going to get worse. Er habe daher beschlossen, mit der Schauspielerei aufzuhören und ein Haus in Griechenland zu kaufen. Dann sei dieses ganze Theater für ihn vorbei. Vorher wird man ihn aber noch unter René Pollesch an der Volksbühne sehen, verrät er. Falls er sich tatsächlich bald ins Haus nach Griechenland zurückzieht, sollte man Benny Claessens unbedingt nochmal auf der Bühne sehen. Allein für seinen schrill-komischen Solo-Ritt lohnt sich der Abend im Gorki unbedingt.

Sendung: Inforadio, 09.06.2021, 9.00 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

1 Kommentar

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  1. 1.

    Beim lesen des Artikels mußte ich unentwegt an die tolle US Serie“Pose“ denken. Gleichzeitig wurde ich zurück in die Westberliner Vergangenheit geworfen, wo frühmorgens in der Kalesche am Nollendorfplatz einige Transvestiten völlig betrunken am Tresen hingen und um ein weiteren Schnaps ihre künstlichen Brüste zeigten. To be Drag ist beileibe nicht immer nur Schönsein, sondern hält auch unverblümt dem Sießbürgertum ein Spiegel vor.

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