Kritik | Akademie der Künste - Lecture Performance bei einem Glas Wasser: Robert Wilson erteilt Selbstauskünfte

Der US-amerikanischer Regisseur Robert Wilson spricht am 18.05.2017 in Berlin bei der Jahres-Pk des Rundfunkchors Berlin (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 25.06.2021 | Ute Büsing | Bild: dpa/Britta Pedersen

Der amerikanische Theatermagier Robert Wilson war am Donnerstag in Berlin. In der Akademie der Künste stellte er seine Video-Installation "Dancing in my Mind" vor. Sich selbst vergleicht er mit einem Baum, der im selben Körper weiter wächst und lernt. Von Ute Büsing

Gerade inszeniert er in der bulgarischen Hauptstadt Sofia Shakespeares "Sturm". Gegen widrige Winde, wie er milde lächelnd berichtet. Schwarze Vorhänge waren nicht zu besorgen, schwarze Farbe auch nicht, also wurde der Raum kurzerhand mit Zeitungen ausgeschlagen. Jede Produktion von Robert Wilson sieht anders aus.

Auch die Arbeit mit einer klassischen Balletttänzerin in Sofia ist mühevoll: "Sie hat kein Gewicht in ihrem Körper. Sie macht zwar die richtigen Schritte, die ihr beigebracht wurden, aber ihr fehlt das Gespür für den eigenen Körper." Das mündet dann fast in einen Appell an das Pressekonferenz-Publikum: "Fangt mit Eurem eigenen Körper an, Eurem eigenen Gewicht, das ist dein Rohstoff, egal ob Du Sängerin, Feuerwehrmann, Lehrerin oder Banker bist."

Vom Gewicht der Körper und der Welt

Immer noch arbeitet der bald 80-jährige Theatermagier Robert Wilson an mindestens fünf Projekten gleichzeitig. Wie der Amerikaner sagt: "I’m still kicking!" Und er wüsste auch gar nicht, was er sonst machen sollte und vergleicht sich mit einem Fluss, der immer weiter fließt und einem Baum, der manchmal Blätter verliert, oder einem Sturm ausgesetzt ist, aber derselbe Baum bleibt. "Ich wohne immer noch im selben Körper, mit dem ich auf die Welt kam, lerne aber weiter dazu", merkt er bescheiden an.

Ich wohne immer noch im selben Körper, mit dem ich auf die Welt kam, lerne aber weiter dazu

Robert Wilson, Theaterregisseur

Wie gewohnt im schwarzen Anzug, mit schwarzem T-Shirt und schwarzen Loafers gibt Robert Wilson in einer Art Lecture Performance Einblick in sein weltumspannendes Werk – vom kunstfernen Aufwachsen in Waco, Texas, über die Lehr- und Wanderjahre in New York, die prägenden Begegnungen mit Merce Cunningham und Philip Glass bis hin zu großen Theater- und Opernproduktionen.

Mit der dreiteiligen Videoinstallation in der Black Box der Akademie erinnert er, der immer auch als bildender Künstler gearbeitet hat, jetzt an die japanische Tänzerin Suzushi Hanayagi, die er in Osaka noch einmal besuchte und später auch filmte, als sie bereits schwer an Alzheimer erkrankt war. Was Suzushi bei den Begegnungen noch erinnerte, ist jetzt Teil der behutsamen Installation: ganz kleine feine Gesten, ein Wiedererkennen dabei und ihre titelgebende Antwort auf Japanisch, dass sie nun in ihrem Geist tanze.

"Dancing in my Mind"

Jetzt ist also ihr weiß geschminktes Gesicht in Großaufnahmen zu sehen, ihre Hände und auch ihre Zehen, deren Bewegung sie einst zu einem Tanzstück verarbeitete. Bei seinem Olympia-Projekt "The Civil Wars" hat Wilson 1984 erstmals mit der von No und Kabuki und Modern Dance geprägten Avantgardistin zusammengearbeitet. Seither kreuzten sich ihre künstlerischen Wege immer wieder: an der Berliner Schaubühne zum Beispiel bei "Death, Destruction and Detroit" II., "King Lear" in Frankfurt, "Madame Butterfly" an der Pariser Oper. "Am besten erinnere ich mich daran, wie sie einfach nur so auf der Bühne stand. So kraftvoll", schwärmt Robert Wilson. "Aus dem Stillstand gewann sie ein tiefes inneres Bewusstsein für die Bewegung."

Robert Wilson hat für die Akademie mit "Dancing in my Mind" einen melancholischen meditativen Erinnerungsraum geschaffen, der Körper, Kopf und Seele der Suzushi Hanayagi nachklingen lässt.

Robert Wilson, Suzushi Hanayagi - Dancing in my Mind. (Quelle: Byrd Hoffmann/Watermill Foundation)Robert Wilson, Suzushi Hanayagi <<Dancing in my Mind>>. (Quelle: Byrd Hoffman/Watermill Foundation)

Auf der aktuellen Zeitebene versteigern er und Lady Gaga gerade sein Video-Porträt von ihr als toter Revolutionär Marat – zu Gunsten von Stiftungen, die junge Künstler fördern. Zeitlebens hat Robert Wilson mit seinen Einnahmen immer auch andere unterstützt, seit 1992 in seinem Performance-Labor "Watermill Center" in der Nähe von Southhampton, Long Island.

"Alle meine Arbeit ist eins: ein Verstand, ein Körper. Egal, ob 32 Sekunden-Episoden oder sieben Tage lange Stücke", meint er noch. Dann verabschiedet sich Robert Wilson mit einem Zitat von Gertrude Stein: "'Was machen sie als nächstes?!' – 'Ich hätte gerne ein Glas Wasser!'"

Sendung: Inforadio, 25.06.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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