Konzertkritik | Ton Steine Scherben - Die letzte Schlacht

Ein Plattenladen in der Kreuzberger Wrangelstrafle hat die Schallplatte Keine Macht für Niemand von Ton, Steine, Scherben ins Schaufenster gestellt. (Quelle: imago-images/Klaus Martin Hoefer)
Bild: imago-images/Klaus Martin Hoefer

Diesen Sommer wäre Rio Reiser 70 Jahre alt geworden, seine Band Ton Steine Scherben 50. Am Freitag ließen Ex-Mitglieder der Scherben bei einem Revival-Konzert am Funkhaus an der Nalepastraße den alten Geist wieder aufflackern. Von Hendrik Schröder

Die Location ist schon mal der absolute Kracher. Ton Steine Scherben spielen ihr Revival-Konzert auf dem Dach eines Schiffs, das hinter dem alten Funkhaus in der Berliner Napelastraße in der Spree liegt. Das Publikum sitzt an diesem Freitag auf schwarzen Stühlen am Ufer und auf einem anderen, gegenüberliegenden Schiff.

Schöner könnte die Kulisse kaum sein. Stand-up-Paddler ziehen vorbei, Ausflugsboote, Wasser plätschert und die Band beginnt mit "Mein Name ist Mensch". Es klingt, tja, schon nach Ton Steine Scherben, aber gleichzeitig auch wie eine ganz gute Coverband. Ein halbes Dutzend Musiker*innen aus den alten Zeiten, die alle mal länger, mal kürzer bei Ton, Steine, Scherben gespielt haben, sind versammelt: Funky Götzner, Kai Sichtermann, Nikel Pallat und einige mehr. Dazu Freunde und Weggefährten aus all den Jahren und einige jüngere Musiker.

Aber Zuschauer und Band müssen sich bei diesem Wiedersehen mit den Scherben - 50 Jahre nach ihrer Gründung und 25 Jahre nach dem Tod ihres Sängers Rio Reiser - erst mal ein bisschen aneinander gewöhnen. Es soll fast eine Stunde dauern, bis die ersten langsam von ihren Stühlen aufstehen und ein bisschen Ausdruckstanz vor der Bootsbühne proben. Für die meisten ist es das erste Konzert nach gefühlten 20 Jahren Corona-Eiszeit. Vielleicht brauchen alle einfach ein bisschen, die neuen Freiheiten wieder unbeschwert zu genießen.

"Das ist hier alles nicht mehr wie früher"

Dabei ist es schon etwas skurril und sehr unterhaltsam zu sehen, wer alles eine Beziehung zu dieser Musik hat. Da sitzen schwer halstätowierte Punks neben Menschen in Batik-Shirts, Alt-Hippies neben einem, der Krawatte trägt, weißhaarige Paare neben betrunkenen Frauen Anfang 20.

Nach ein paar Songs steht eine Frau im weißen Sommerkleid auf und brüllt: "Das ist hier alles nicht mehr wie früher! Der Gesang ist viel zu leise," Man weiß nicht, ob sie Spaß macht oder das ernst meint. "Und niemals vergessen: Eisern Union", ruft eine gut gelaunte Dreiergruppe aus biervernichtenden Männern, die vorher wirklich jede Zeile mitgesungen haben, zurück. Alle lachen.

Und langsam taut die Menge auf, immer mehr Leute gehen nach vorne, tanzen, singen. Einer klettert auf die Reling und man denkt er will ins Publikum springen, Stagediving, aber er will nur mal alle zeigen, wie super er gerade alles findet. Und irgendwo in der Ecke steht mit dicker Sonnenbrille Grünen-Politikerin Claudia Roth, die ja mal Managerin von Ton Steine Scherben war, und singt strahlend "Keine Macht für Niemand" mit.

Vegane Bratwurst und die Kraft der Musik

Doch die Party bekommt immer wieder kleine Dämpfer. Nicht alle Songs funktionieren, manchmal wirkt das Ganze schon arg zusammengewürfelt, man hat die Songs im Original im Ohr und dann kommen wechselnde Sängerinnen und Sänger auf die Bühne, interpretieren sie auf ihre Weise - und es klingt eben nicht wie Rio Reiser, sondern ganz anders.

Klar, das ist der Versuch, die alten Songs mit etwas Neuem zu verbinden, aber es gelingt oft nicht. Super ist aber der Auftritt von Jan Schüller, der eine aktuelle Version des "Rauch-Haus-Song" singt, umgetextet auf die aktuelle Situation eines Hauses in der Schöneweider Straße. Alle singen den Refrain mit und danach singt dann jemand anderes den Originaltext und für einen kurzen Moment mag man denken: Ja, diese Musik hat immer noch die Kraft, Dinge zu verändern.

Aber dann kommt jemand Neues ans Mikro und erzählt sehr leise etwas sehr Ernstes und singt eine Ballade und alle setzen sich wieder hin und holen vegane Bratwurst oder noch mehr Bier. Als dann bei "Die letzte Schlacht" endgültig die Dämme brechen und "Aus dem Weg, Kapitalisten, die letzte Schlacht gewinnen wir" aus ein paar Hundert Kehlen über die idyllische Rummelsburger Bucht schallt und mit Sicherheit noch in den vielen neuen teuren Townhouses in der Nähe zu hören ist, fühlt es sich so richtig wie eine Nostalgieveranstaltung an.

Der Text klingt wie aus einem anderen Jahrtausend - und das ist er ja auch. Trotzdem schön, noch mal zu sehen und zu spüren, wie die Musik von Rio Reiser und den Scherben in so vielen Menschen weiter lebt.

Sendung: Inforadio, 12.06.2021, 7:55 Uhr

3 Kommentare

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  1. 2.

    @rbb24. Schickt beim nächsten Mal einen Fan hin. Dem wäre auch bekannt, dass Rio leider schon 25 Jahre tot ist. R.I.P.

  2. 1.

    Mist! Wieso erfahre ich das erst im Nachhinein? Was nützt es mir jetzt noch zu wissen, was ich verpasst habe? Das hätte ich gestern Nachmittag lesen sollen, dann hätte ich hinlaufen können, denn das ist hier um die Ecke. Wirklich schade. Da wäre ich gerne dabei gewesen!

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