Koloniales Raubgut - Nigeria plant bereits Ausstellungsraum für Benin-Bronzen

Rundgang der nigerianischen Kulturdelegation bei den Benin-Bronzen in Dahlem in Berlin. (Quelle: dpa/Florian Gaertner)
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Audio: Inforadio | 09.07.2021 | Barbara Wiegand | Bild: dpa/Florian Gaertner | Bild: dpa/Florian Gaertner

Die Benin-Bronzen in deutschen Museen stehen bis heute für die Folgen kolonialer Raubzüge. Schritte für geplante Rückgaben werden konkreter, auch wenn es auf nigerianischer Seite noch Skepsis gibt.

Die Pläne für Rückgaben von als Raubgut geltenden Benin-Bronzen aus deutschen Museen an Nigeria werden etwas konkreter. In Nigeria plane man bereits den Bau eines Ausstellungsortes, der schon 2022 stehen solle, so die nigerianische Delegation.

Zu Gast in Berlin waren der nigerianische Kulturminister, der Kronprinz des bis heute einflussreichen Königshofs in Benin-City und der Gouverneur der im Süden des Landes gelegen Region. Neben Gesprächen mit deutschen Vertretern schaute die Delegation auch Originale im Depot in Dahlem und im Ethnologischen Museum an.

Ein neues Museum für die wertvollen Bronzen

Vor allem die Delegation selbst sorgte für einen weiteren Schritt, indem sie die Pläne für einen nigerianischen Ausstellungsort konkretisierte: Das Edo State Museums of West African Art soll
direkt neben dem Palast der traditionellen Herrscher von Benin-City neu gebaut werden. Aus genau diesem Palast wurden die Bronzen 1897 von britischen Truppen geraubt. Für den Bau sind zwar mehrere Jahre eingeplant, aber schon Ende 2022 soll auf dem Gelände ein Ausstellungsort für die Bronzen fertig sein.

Deutschland unterstützt das Projekt durch gemeinsame Qualifikation und Weiterbildung von Museumsfachleuten und durch eine finanzielle Beteiligung: Für die archäologische Aufbereitung des Geländes und den Aufbau eines archäologischen Zentrums stellt Deutschland zunächst 4,5 Millionen Euro bereit.

Immernoch keine konkreten Versprechungen

Die Debatte um die Rückgabe der als Raubkunst geltenden Benin-Bronzen ist schon lange im Gange – zuletzt war Ende April vereinbart worden, dass es schon kommendes Jahr zu ersten Restitutionen der über den Kunsthandel in viele deutsche Museen gelangten Objekte kommen soll. Parzinge räumte ein: Wann es wie genau weiter gehe, müsse nach wie vor konkretisiert werden, damit es 2022 dann auch wirklich zu Rückgaben komme. Nach wie vor offen ist auch, wie viele Objekte aus diesem Kunstschatz tatsächlich zurückgegeben werden.

Welche der rund 530 allein in Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindlichen Bronzen zumindest als Leihgabe im Humboldt-Forum ausgestellt bleiben, ist damit ebenfalls unklar. Erste Rückforderungen aus Nigeria wurden bereits 1972 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gerichtet, offenbarte eine Recherche der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy vor einigen Monaten.

Nach dem Besuch zeigte sich Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zuversichtlich. "Unser erklärtes Ziel sind substanzielle Rückgaben von Objekten aus dem historischen Königreich Benin nach Nigeria schon im Jahre 2022 - und diesem Ziel kommen wir mit jedem Gespräch einen Schritt näher", sagte er am Donnerstag nach Angaben der Stiftung.

Skepsis und Hoffnung

Auf nigerianischer Seite koordiniert der Legacy Restoration Trust die Gespräche mit Deutschland. "Für viele Leute in der nigerianischen Delegation ist es das erste Mal, dass wir uns mit einer größeren Gruppe von Museen hier in Deutschland treffen und direkt von ihnen hören, wie sehr sie sich für die Rückgabe der Objekte einsetzen", sagte Phillip Ihenacho, Vorstandsvorsitzender des Trusts, nach den Gesprächen.

Es gebe "eine Menge Skepsis" in bestimmten Kreisen in Nigeria, ob das jemals passieren werde. "Daher war es aus unserer Sicht großartig zu sehen, wie bereitwillig die Museen nicht nur bei der Rückgabe von Objekten sind, sondern auch bei der Zusammenarbeit nach der Rückgabe von Objekten." Dies sei sehr wichtig für den Aufbau einer neuen Institution.

Nach weiteren Treffen und Gesprächen solle in diesem Herbst ein konkreter Fahrplan für erste Rückgaben erstellt sein.

Sendung: Inforadio, 09.07.2021., 09:55 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    Die Bronzen, 1897 von britischen Truppen geraubt, und sind heute in Europa mit aufwendiger Aufbewahrungstechnik in Europa für die Allgemeinheit sichtbar.
    Falls Nigeria, dort mordet die islamistische Terrororganisation Boko Haram , nach UN Angaben bereits 350.000 Tote, sich zu einem Islamistenstaat entwickelt, wird es diese Bronzen dort nicht mehr lange geben, denn die sind total unislamisch..

  2. 7.

    Das in Rede stehende, ehemalige Königreich Benin wurde von Despoten regiert, deren Haupterwerbszweig der Sklavenhandel war. Außerdem waren Menschenopfer an der Tagesordnung. Für die afrikanischen Nachbarn war jenes Benin ein Alptraum. Die Briten haben Benin besetzt, nachdem der dortige Herrscher eine friedliche Delegation hatte abschlachten lassen. Bei der Strafexpedition haben die britischen Truppen anscheinend mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Die Sklavenhändler wurden expropriiert. Später wurden die Sachen verkauft; etliche gingen so nach Deutschland.

    Rückgabeansprüche von Nigeria gegenüber Deutschland bestehen nicht. Im Rahmen freundschaftlichen Kulturaustausches kann man nigerianische Museen durch Geschenke glücklich machen, warum auch nicht.

  3. 6.

    Es ist immer wieder faszinierend, wie mit Kulturgut umgegangen wird. Die Briten haben die Bronzen gestohlen und dann zur Refinanzierung ihrer Krieges verkauft. Deutschland hat auch gekauft. Inzwischen liegen die meisten Sachen auch im Archiv. Sind also nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Schon rein pragmatisch kann man die Sachen in die Länder zurückgeben, in denen sie gestohlen oder erbeutet wurden. Museen aller Länder arbeiten mit Leihgaben und Repliken. Es sollte also ein leichtes sein, auch in Deutschland etwas auszustellen. Die Originale braucht man hier nicht. Es ist ohnehin unser aller Weltkulturerbe. Aber Sammler und Museen ticken vielleicht anders als ich Kulturbanause.

  4. 4.

    Soweit ich das verstanden habe, befand sich das historische Benin (um das es hier geht) im Gebiet des heutigen Nigeria.
    Der rbb hat dazu was geschrieben: https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2021/04/benin-bronzen-berlin-humboldt-forum-nigeria-stiftung-preussischer-kulturbesitz.html

  5. 3.

    Vielleicht habe ich es überlesen, aber warum bekommt Nigeria „Beutekunst“ aus dem Nachbarland Benin?

  6. 2.

    Gut gesagt.
    Ein weiterer, wichtiger Schritt nicht nur für die materielle, sondern auch für die kulturelle Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit. Weiter so!

  7. 1.

    Endlich ein konkretes Datum nach so vielen Jahren. Ich hoffe sehr, dass die Rückgaben tatsächlich realisiert werden. Es ist Diebstahlsgut, das nicht in deutsche Museen gehört, dass muss endlich anerkannt werden!

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