Ausstellung "Berl-Berl" im Berghain - Sterbende Sumpflandschaften in der verwaisten Partyhalle

Jakob Kudsk Steensen, 'Berl-Berl' , Halle am Berghain, 2021. (Quelle: Timo Ohler)
Timo Ohler
Bild: Timo Ohler

Der dänische Künstler Jakob Kudsk Steensen bespielt die Halle am Berghain - mit Videokunst. Bis Mitte September sind in dem Berliner Partyhort Video-Installationen ausgestellt, die die Sumpf-Natur der Region ganz neu einfangen. Von Andrea Handels

Naturgeräusche wie Wasserplätschern und Vogelzwitschern gemischt mit Musik und atmosphärischen Klängen erfüllen die Halle am Berghain. Partywölfe kennen das Haus, das im Moment aufgrund der Einschränkungen leider nicht für Tanz, Musik und Bar geöffnet hat. Die Halle ist eine heruntergekommene, zweistöckige Industriehalle mit schwarz verfärbten Betonwänden: ein besonderer Ort.

Bilder wie Einstellungen aus einem Fantasy-Film

In der Dunkelheit verteilt leuchten neun unterschiedlich große Leinwände. Collagenartig verwobene Filme sind auf ihnen zu sehen: Aus knorrigen Bäumen, übergroßen Pilzen, seltsamen Unterwasserwelten entstehen hier magische Landschaften. Einiges davon ist im Spreewald aufgenommen, mit einem Makroobjektiv, gleichzeitig real und surreal, und es verändert sich ständig – in Echtzeit. Dazu ertönen diese Sounds, die wechseln, wenn man herumläuft, je nachdem welcher der Videoleinwände man sich nähert.

Die Bilder wirken wie einem unglaublich guten Fantasy-Film entsprungen. Man meint, sie anfassen zu können, so plastisch sind sie, so intensiv auch ihre Farben.

Jakob Kudsk Steensen, 'Berl-Berl' , Halle am Berghain, 2021. (Quelle: Timo Ohler)

Gefährdete feuchte Landschaften rund um Berlin

Jakob Kudsk Steensen, Jahrgang 1987, ist in Wälder und Feuchtgebiete rund um Berlin gefahren und hat Objekte wie ein Stück Holz oder einen Felsen fotografiert, bei jedem Besuch bis zu 2000 Fotos gemacht und dann daraus mithilfe eines Computerprogramms, wie man es aus der Computerspieltechnologie kennt, 3D-Animationen kreiert - ein Riesenprojekt mit innovativster Technologie.

Aus alll diesen Einzelaufnahmen hat Steensen eine neue Landschaft erschaffen, eine immersive Installation.

Verlorene Sümpfe wieder ins Bewusstsein bringen

"Environmental storytelling" - seit zehn Jahren bereits arbeitet Steensen in diesem Genre - weltweit. Es geht ihm dabei immer zuerst um die Umwelt, die Landschaft und um die Vorstellungskraft. Erst dann kommt die Technologie dazu. Kein Selbstzweck also.

Die in der Eiszeit entstandenen Sumpflandschaften in Berlin und Umgebung sind teils schon verloren, teils bedroht und generell zu wenig im Bewusstsein, findet Steensen. "Wenn wir über Klimawandel reden, denken wir normalerweise an schmelzende Eisberge oder verschwindenden Regenwald, aber rund um Berlin verschwinden die Feuchtgebiete, und sie sind wegen ihres frischen Wassers überlebenswichtig für die Menschen." Ein Gefühl von "Magie und Spiritualität" habe er darum für diese Landschaften erschaffen wollen, eine Verbindung.

Sümpfe in der Mythologie und das Verschwinden dieser Verbindungen

Viele Feuchtgebiete in Berlin und Brandenburg sind zwar teilweise ausgetrocknet, doch gibt noch immer den Spreewald, wo auch viele Sorben leben, die slawische Minderheit in Deutschland. Der Titel der Ausstellung "Berl Berl" verweist auf sie. Berl hat seinen Ursprung in der sorbischen Bezeichnung für Sumpf. Jakob Kudsk Steensen hat sich in die Geschichte der Sümpfe vertieft und ist darauf gestoßen, dass sie vor der Industrialisierung eine große Rolle in Mythologie und Erzählungen gespielt haben. Das ist verloren gegangen und der Künstler möchte es wiedererwecken.

Jakob Kudsk Steensen, 'Berl-Berl' , Halle am Berghain, 2021. (Quelle: Timo Ohler)

Innovatives Zusammenspiel von Kunst und Technologie

Insgesamt zwei Jahre hat Jakob Kudsk Steensen an "Berl-Berl" gearbeitet. Möglich gemacht hat die umfangreiche Recherche und die Ausstellung die Kunststiftung und Plattform LAS, Light Art Space, eine Stiftung, die neue Formate an der Schnittstelle zwischen Kunst und neuen Technologien fördert.

Unterstützt wurde der Künstler bei seinen Sumpfrecherchen vom Kooperationspartner für die Ausstellung, dem Berliner Museum für Naturkunde. Unter anderem konnte Steensen Geräusche aus dem Klangarchiv des Museums verwenden, Aufnahmen von Naturgeräuschen und Tieren, die teilweise noch aus den 1960er Jahren stammen, als die Sümpfe noch intakter waren. Der Soundkünstler Matt McCorkle hat daraus die mit den Videos vernetzten Klänge komponiert.

Die Besucherinnen und Besucher sollen sich in der Halle am Berghain fühlen wie in einer Kathedrale, wünscht sich Jakob Kudsk Steensen. Eine gewisse spirituelle Erhabenheit stellt sich tatsächlich ein, wenn man in seine magischen Sumpflandschaften eintaucht.

Die Ausstellung in der der Halle am Berghain ist bis 26. September zusehen und ab 12. Juli auch im Netz: Über berlberl.world kann man dann selbst als Avatar durch die virtuelle Welt von Jakob Kudsk Steensen laufen.

Sendung: rbb Kultur, 09.07.2021, 14.19 Uhr

Beitrag von Andrea Handels

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