Im Alter von 91 Jahren - Berliner Aktionskünstler Ben Wagin ist gestorben

Ben Wagin und der Ginkgo - tausende Exemplare des Baums pflanzte der Künstler oder half, sie zu pflanzen.
Audio: Inforadio | 29.07.2021 | Natascha Gutschmidt | Bild: dpa/Christophe Gateau

In Berlin galt er als Legende: Ben Wagin. Mit seinen Baumpflanzungen in der Stadt sorgte er genauso wie mit seinen riesigen Wandbildern für Hingucker und politische Statements. Jetzt ist der Aktionskünstler im Alter von 91 Jahren gestorben.

Der Berliner Künstler Ben Wagin ist tot. Er starb am Mittwoch im Alter von 91 Jahren, wie der einst von ihm gegründete Verein "Baumpaten" am Donnerstag mitteilte.

Wagin sei zuletzt zunehmend schwächer geworden, sein Gesundheitszustand habe sich in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert, teilte der Verein mit. Nach zwei kurzen Krankenhausaufenthalten sei er am Mittwochvormittag "ruhig und friedlich im Virchow-Klinikum eingeschlafen."

Ben Wagin sei gestorben, "wie er gelebt hat: munter, mutig, heiter", erklärte der Baumpatenverein: "Andere werden in den nächsten Tagen sicher Bens Schaffen, sein vielfältiges Wirken in Berlin als Künstler, Galerist, Aktivist, Baumpate in langen Nachrufen würdigen. Uns fehlen dazu heute noch die Worte."

Müller: "Ben Wagin wird uns fehlen"

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat Wagin am Donnerstag gewürdigt. "Mit Ben Wagin verlässt uns ein Künstler ganz eigener Art", teilte Müller mit. "Berlin sähe ohne sein Lebenswerk und sein nachhaltiges Engagement für die Großstadtnatur anders aus: ohne seine Baumpflanzungen, ohne seine Denkmale, ohne seine Interventionen."

Menschen wie er würden gebraucht - "Personen, die Politik, Natur und Kunst zusammendachten und die niemals müde wurden, sich einzumischen, Stellung zu beziehen und manchmal auch unbequem zu sein", teilte Müller mit. Als Aktionskünstler, Umweltaktivist, Theatermacher und Menschenfreund sei Wagin ein Berliner Original im besten Sinne gewesen. "Ben Wagin wird uns fehlen."

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) twitterte, Wagins Arbeiten zeugten "von einem unruhigen, kreativen Geist, der nie aufhörte sich einzumischen. Er wird fehlen."

50.000 Bäume gepflanzt

Wagin, der mit bürgerlichem Namen Bernhard Wargin heißt, wurde 1930 in Jastrow im heutigen Polen geboren. 1945 floh er nach Oldenburg in Niedersachsen. Seit 1957 lebte er in Berlin. Über Berlins Grenzen hinaus ist der Aktionskünstler und Bildhauer Wagin auch für seine Baumpflanzungen bekannt.

Wagin machte zunächst eine Tischlerlehre, arbeitete dann als Bühnenbildner und war Assistent des Bildhauers Karl Hartung. 1961 nahm er an einem der ersten künstlerischen Proteste gegen die Mauer, dem Bildhauersymposium, teil. Ein Jahr später gründete er die Galerie S Ben Wargin, in der zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen stattfanden.

1967 fand Ben Wagins erste Baumpflanzung an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt. Es folgten bis heute zahlreiche weitere solche Aktionen in und um Berlin. Geschätzte 50.000 Bäume soll er gepflanzt oder dafür gesorgt haben, dass sie gepflanzt werden, sie sind für ihn Botschafter des Friedens. Wagin bekam das Bundesverdienstkreuz und hat Anfang der 1990er Jahre im Regierungsviertel sein "Parlament der Bäume" geschaffen, ein Gedenkort für die Mauertoten.

Ein Kunstwerk ist bedroht

Mit anderen Künstlern hat Wagin auch riesige Wandbilder in der Stadt gestaltet. Auf den bekanntesten sind Bäume verewigt. Der "Weltbaum I", der seit 1975 eine ganze Hauswand am Bahnhof Tiergarten füllt, war das erste große Street-Art-Werk in West-Berlin. Es ist nicht mehr zu sehen, vor drei Jahren wurde ein Neubau davorgestellt.

Auch sein Street-Art-Bild "Weltbaum II", 1985 am S-Bahnhof Savignyplatz (Charlottenburg) auf einer Länge von 100 Metern entstanden, ist bedroht: Im Zuge von Sanierungsarbeiten verschwinden, berichteten erst vor wenigen Wochen der "Tagesspiegel" und die "Berliner Zeitung". Das Werk befindet sich auf einer Ziegelwand, die eine neue Brandschutzmauer erhalten soll.

Laut "Tagesspiegel" hatte die zuständige Gebäudeverwaltung, die Firma "Immofinanz", Ben Wagin angeboten, dass er das Bild nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten wieder anbringen könne. Finanziell könne dafür aber keine Unterstützungszusage seitens der Gebäudeverwaltung gemacht werden.

"Wunderbares Vorbild" - Grütters würdigt Wagin

Als "wunderbares Vorbild für den Schutz von Natur und Umwelt" würdigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Ben Wagin. "Viele seiner Aktionen waren nicht nur ein Aufruf zum nachhaltigen und rücksichtsvollen Umgang mit der Natur, sondern ebenso Appelle für Frieden und Versöhnung", sagte Grütters am Donnerstag in Berlin.

Nach der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung habe Wagin mit dem "Parlament der Bäume" einen einzigartigen Natur-Gedenkort für die Opfer der Unfreiheit geschaffen, so Grütters. Im ehemaligen Niemandsland und in unmittelbarer Nähe des Bundestags stehe eine Oase seines kreativen Schaffens, die vor allem junge Menschen ohne eigene Diktaturerfahrung für das durch die Teilung Berlins und Deutschlands erzeugte Leid sensibilisiere.

Die Dokumentation "Ben Wagin - Der Mann, der mit den Bäumen spricht" ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Sendung: Inforadio, 29. Juli 2021, 13:40 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Du hast es erfasst Markus. Ich dachte echt Du bist es. Hab’s verpeilt;-)

  2. 13.

    Hi Lothar; ich dachte zuerst, Du meinst mich... ;) Hab zuerst nicht geschnallt, dass hier noch ein Markus geschrieben hat.
    Grüße :-)

  3. 12.

    Schauen Sie mal die Bildergalerie bis zum Ende durch. Steht im Bericht. 2017 unter Denkmalschutz gestellt. Wer bis zum Ende liest, ist klar im Vorteil ;-)))

  4. 11.

    Hi Markus. Alles richtig wie im Artikel beschrieben. Hab’s vermurkst. Bitte um Nachsicht.

  5. 10.

    "Nach jahrelangen Bemühungen ist das Mauer-Mahnmal «Parlament der Bäume» in der Nähe des Reichstags unter Denkmalschutz gestellt worden. .... Das teilte die Berliner Kulturverwaltung am Montag, den 06. November 2017 mit. ..."
    https://www.berlin.de/tourismus/nachrichten/5066017-1721038-parlament-der-baeume-unter-denkmalschutz.html

  6. 9.

    Nö. S Bahnhof Tiergarten ist richtig, dort hat ein Neubau das Wandbild verschwinden lass. Am S Bhf Savignyplatz ist das Wandbild auf der Brandmauer von Sanierung bedroht.

  7. 8.

    rbb24 Na was denn nun. Bahnhof Tiergarten ist so nicht richtig. S-Bahnhof Savignyplatz sollte es wohl sein.

  8. 7.

    Warum nur West-Berlin? Als Ossi bin ich auch ein Fan von ihm. Ich bin lange Zeit am Savignyplatz vorbeigefahren und hab mir dort immer das Wandbild angesehen. Wenn das verschwinden würde, wäre es eine Schande für Berlin.

  9. 6.

    Ich meine natürlich das Parlament der Bäume. Steht es unter Schutz?

  10. 5.

    Ein großartiger und visionärer Mensch.

    Zu den bedrohten oder demnächst verschwindenden Kunstwerken von ihm gehört offenbar auch der ganz schmale Baumstreifen am Rand des Bandes des Bundes, zwischen Hauptbahnhof und Friedrichstraße.

  11. 4.

    Wagin war ein wirklich Großer. Vor allem war er ein Macher und kein Quatscher. Mit ihn geht ein weiteres Stück West-Berlin für immer. Traurig.

  12. 3.

    Möge Ben Wagin in Frieden ruhen.
    1930 war sein Geburtsort Jastrow übrigens nicht polnisch, sondern deutsch (Weimarer Republik), als Teil der preußischen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen.

  13. 2.

    Viele sind auf die Öko- und Friedenswelle aufgesprungen und dann zum Schaden der Welt wieder abgesprungen.. Ben Wagin ist immer dabei geblieben. Die Gestaltung am S-Bahnhof Savignyplatz war für Neuankömmlinge ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft sich sichtbar ändern kann und ein Zeichen für Berlin.

  14. 1.

    Ein großartiger Mensch und Visionär hat uns verlassen!

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