Biermann verkauft sein Archiv - Staatsbibliothek erhält "einmaliges Zeugnis deutsch-deutscher Zeitgeschichte"

Di 13.07.21 | 13:43 Uhr | Von Tomas Fitzel
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Wolf Biermann (2.v.l) steht zusammen mit Hermann Parzinger (l-r), Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seiner Frau Pamela Biermann, Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, und Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien, beim Festakt zur Übergabe des Archivs des Liedermachers und Dichters Wolf Biermann an die Staatsbibliothek zu Berlin. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Video: Abendschau | 13.07.2021 | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Das Archiv von Wolf Biermann gehört nun der Staatsbibliothek zu Berlin. Dort sollen die Zeitzeugnisse für nachfolgende Generationen aufbewahrt werden. Über den Kaufpreis wurde nichts bekannt. Von Tomas Fitzel

Der Liedermacher, Lyriker und streitbare Essayist Wolf Biermann übergab in einem Festakt sein gesamtes berufliches wie privates Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin, das mit finanzieller Hilfe durch die Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sowie der Kulturstiftung der Länder erworben werden konnte.

Welche Summe nötig war, dieses umfangreiche Archiv von Biermann zu erwerben, diese Frage überging Grütters dann sehr vornehm, um vor allem Biermann und die Bedeutung seines für die Zeitgeschichte immens wertvollen Archivs zu würdigen.

"Wolf Biermanns Archiv ist ein einmaliges Zeugnis deutsch-deutscher Zeitgeschichte", sagte Grütters. Mit seinen Liedern und Gedichten sei er Stimme des Widerstands gegen das SED-Regime gewesen. Bis heute gehöre er zu den wichtigsten Künstlern und Intellektuellen in Deutschland. "Seine Zeitzeugnisse durch den Ankauf seines Archivs in der Staatsbibliothek zu Berlin zu bewahren, ist nicht nur für die heutige, sondern gerade auch für nachfolgende Generationen wichtig", sagte die Politikerin weiter.

Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren und siedelte 1953 in die DDR über, geriet aber als aufmüpfiger Sänger bald in Konflikt mit der Staatsführung und erhielt schon 1965 Auftrittsverbot. Seine Ausbürgerung 1976 stellte für die gesamte DDR-Kultur eine einschneiende Zäsur dar. In Folge der unterdrückten Proteste gegen seine Ausbürgerung verließen viele Künstler die DDR, darunter zum Beispiel der Schauspieler Manfred Krug.

Heute lebt Biermann mit seiner Frau Pamela in Hamburg. Aber immer wieder liebäugelte er mit dem Gedanken, nach Berlin zurückzukommen, wo er auch 2007 die Ehrenbürgerwürde erhielt.

Manuskripte, Noten, Briefe, Fotografien und Tonaufnahmen

Das Archiv umfasst Manuskripte, Noten, Briefe, Fotografien, Tonaufnahmen und vieles mehr. Enthalten sind aber auch wichtige Zeugnisse seiner Eltern Emma und Dagobert Biermann aus dem Widerstand während der NS-Zeit, wie etwa die Briefe seines Vaters aus dem KZ Fuhlsbüttel, Gestapo-Akten sowie Dokumente der jüdischen, deportierten Familienmitglieder.

Für den Erwerb des Biermann Archivs machte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel stark, die mit Wolf Biermann freundschaftlich verbunden ist. Zu seinem 80. Geburtstag sang sie für ihn mit anderen Gästen "Happy Birthday". Sie möchte dies auch als eine Geste der Widergutmachung verstanden wissen für das erlittene Unrecht der Ausbürgerung.

Biermann führte Tagebuch "wie ein kleiner Stasi-Spitzel"

Am wertvollsten auch für künftige Zeithistoriker dürften die circa 200 Tagebuchbände von Wolf Biermann sein, die er seit 1954 ununterbrochen führt. Bei einem vergangenen Besuch im Haus des Rundfunks, er war zu einer CD-Produktion im rbb, zeigte er auch eines dieser Tagebücher.

"Meine Tagebücher, die ich seit 1954 – da hab ich angefangen alles aufzuschreiben wie ein kleiner Stasi-Spitzel, nur ich hatte keinen Führungsoffizier. Ich hab alles notiert, sorgfältig bis heute, hier sieht man einen Text, da eine Notenlinie, die ich mir merken wollte. Hier ist z.B. die Geschichte von Gerdi Kalbe, die Kellnerin vom der 116, die Kneipe bei mir gegenüber an der Ecke."

Gegenüber um die Ecke, das war damals seine Wohnung in der Chausseestraße 131 in Berlin Mitte, wo er illegal Aufnahmen für dein Platten produzierte, die dann im Westen erschienen, was den politischen Druck auf ihn wiederum erhöhte. Biermann hatte Angst, dass man ihn verhaften, rauschmeißen oder gar umbringen würde.

"Und ich jammerte meinen Freund Reimar Gilsenbach etwas vor, dass meine schöne Tagebücher alle bei Mielke landen. Und dann hat er gesagt: ach komm, ich nehm sie mal mit und bring sie irgendwohin."

Bücher lagerten unter einem Suppenkübel

Nach seiner Ausbürgerung 1976 hatte Wolf Biermann seine Tagebücher nicht nur abgeschrieben sondern auch komplett vergessen. 13 Jahre lang. Doch Reimar Gilsenbach hatte sie in einem riesigen Suppenkübel der Nationalen Volksarmee unter einen vier Meter hohen Holzhaufen in dem brandenburgischen Dorf Brodowin versteckt.

"Die hat er alle mir treu wiedergegeben und freute mich wie ein Schneekönig über diese Rettung und zwei Jahre später ’92 oder was, lese ich in meinen Stasi-Akten: er war ein Stasi-Spitzel. Und versteh die Welt nicht mehr. Und denke. Das kann nicht sein! Die Akten lügen."

Der streitbare Liedermacher

Stasiakten dienten als Gedächtnisstütze

Zu seinem 80.Geburtstag 2016 veröffentlichte Wolf Biermann seine Autobiografie. Neben seinen Tagebüchern dienten ihm aber auch die Stasiakten, so Wolf Biermann, als Gedächtnisstütze.

"Meine Stasiakten, um es kurz jetzt endlich zu sagen sind deutsche Wertarbeit und da steht alles ganz genau, das Datum von wann bis wann. Wer es war. Also Sachen, die man längst vergessen hat nach zehn Jahren und dazu muss ich sagen haben die Genossen der Staatssicherheit ordentliche Arbeit geleistet. Sie waren nur Verbrecher, aber sie waren ordentliche Leute."

Biermann singt beim Festakt

Wolf Biermann ist inzwischen 84 Jahre alt und natürlich ließ es sich bei diesem Festakt in der Staatsbibliothek unter den Linden nicht nehmen, zur Gitarre zu greifen und zu singen, dazwischen immer wieder zu erzählen, ganz so wie man ihn seit vielen Jahrzehnten kennt und schätzt.

So sang er aus das Lied vom preußischen Ikarus, das er damals zum ersten Mal 1976 bei dem Konzert in Köln sang, von dem er nicht mehr in die DDR zurückkehren durfte. Jetzt fand das Manuskript neben unzähligen Noten und Manuskripten eine neue Heimat in der, so Biermann, "Firma Preußischer Kulturbesitz".

Sendung: rbb24, 13.07.2021, 13 Uhr

Beitrag von Tomas Fitzel

8 Kommentare

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  1. 8.

    Die McCarthy-Ära der 1940-er/1950-er in den USA setzte sich 40 Jahre später, ausgehend vom Teil des nur ansatzweise entnazifizierten Deutschlands, auf dem Gebiet der DDR fort. So lange hat es gebraucht, mit Geld, Ideologie, Intrigen, Denunziationen Menschen zu benutzen, die sich ins Rampenlicht gerückt als Helden wähnen. Zu denen zähle ich auch Herrn Biermann. Die Hexenjagd nach der Wende auf Menschen, die während des Hitlerfaschismus gegen eben diesen kämpften, ist eines der blamabelsten und in der neuesten Geschichte nicht aufgearbeiteten Kapitel Deutschlands. Die Rechte Grütze wabert seit Kriegsende und stetig weiter und alle schauen zu und feiern einen Hampelmann.

  2. 7.

    " unterschiedlichen Strömungen, Meinungen und Aktivitäten der kreativen Szene in der ehemaligen DDR "
    Welche? Nach dem was uns die offiziell Geschichtsschreibung vermittelt waren doch immer alle dagegen ausser ein paar vom MfS. An die abertausende aus dem Reihen der KPD welche ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus gaben wird heute nicht erinnert. Warum?

  3. 6.

    Naja spannend an Biermann ist ja, dass er SED-Kritiker UND Sozialist war! Gut, vom sozialistischen hat man später nicht mehr viel gemerkt, aber grundsätzlich: Ja, man kann SED-Kritiker UND Sozialist sein!

  4. 5.

    Toll, gekauft mit Steuergeld - ich denke, der Steuerzahler hat ein Recht darauf zu erfahren, wie hoch der Kaufpreis ist, und, warum es überhaupt zu einem derartigen Kauf gekommen ist.
    M.E. wird dieser Mann vollkommen überbewertet in seiner Bedeutung für dieses Land.

  5. 4.

    Der Mann passt zu dem Niveau unterster Bildung und Anmaßung

  6. 3.

    Naja.. idelle Werte lassen sich schwer in Geld umrechnen. Millionen werden es nicht gewesen sein.
    Andere Frage: Wieviel Geld ist uns unsere Geschichte für die nächsten Generationen Wert?
    Da kann man zu Rolf Biermann stehen wie man will: Ein Teil der Geschichte der vielen Befölkerungsschichten als quasi Konzentrat aus unterschiedlichen Strömungen, Meinungen und Aktivitäten der kreativen Szene in der ehemaligen DDR ist er auf alle Fälle. Das ist schon OK, wenn da etwas Geld geflossen ist für den Nachlass.

  7. 2.

    Was hat es gekostet und wer hat es bezahlt?

  8. 1.

    Kaufpreis geheim? Bezahlt mit öffentlichen Geld? Oder womit hat das Frau Grütters gekauft? Oder ist so eine Sonderregelung nur für Biermann möglich? Wann ja, warum?

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