Performance-Oper "Sun & Sea" - Wie ein Kunstwerk 70 Tonnen Sand ins Stadtbad Luckenwalde bringt

Sun Sea Marina opera performance by Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte, Lina Lapelyte at Biennale Arte 2019, Venice. (Quelle: Andrej-Vasilenko)
Bild: Andrej Vasilenko

Ein künstlicher Strand entsteht im leerstehenden Stadtbad von Luckenwalde - als Kulisse für die Performance-Oper "Sun & Sea". Bei der Biennale in Venedig gewann das Kunstwerk den Goldenen Löwen, jetzt kommt es nach Brandenburg. Von Anne Kohlick

Auf den ersten Blick könnte dieser Strand ein beliebiger sein: Kinder, die Sandburgen bauen, ein älteres Paar - sie cremt ihm den Rücken ein, Obst in Plastiktüten, schlummernde Menschen auf ausgebreiteten Handtüchern. Wenn diese vermeintlichen Touristen nicht plötzlich beginnen würden zu singen! Arien über Billigflüge, Sonnenbrand, den Klimawandel klingen über den künstlich aufgeschütteten Sand.

Luckenwalde (Bild: rbb/Jens Staeder)
Das Stadtbad von Luckenwalde, bevor es sich in einen künstlichen Strand verwandelt.Bild: rbb/Jens Staeder

Mit dieser einzigartigen Mischung aus Performance, Oper und Installation hat das Kunstwerk "Sun and Sea" auf der Biennale in Venedig 2019 den Goldenen Löwen gewonnen - eine Auszeichnung, die für die zeitgenössische Kunst so bedeutend ist wie der Oscar für Filme. "Dass wir diese Arbeit der drei litauischen Künstlerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelyté nach Luckenwalde holen, ist deshalb etwas ganz Besonderes", sagt Kuratorin Helen Turner.

Kraftwerk und Kunstzentrum in einem Gebäude

Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Künstler Pablo Wendel, leitet die Britin in Luckenwalde das Kunstzentrum E-Werk. Lange stand das 1913 erbaute Kraftwerk in der Kreisstadt von Teltow-Fläming leer. Aber seit zwei Jahren entsteht hier wieder Strom, Ausstellungen finden statt und in sieben Ateliers wird Kunst auch vor Ort geschaffen.

Auf so einen Neuanfang wartet das leerstehende Stadtbad von Luckenwalde direkt neben dem E-Werk derzeit noch. 1928 entworfen von Hans Hertlein, dem Architekten der Siemens-Bauten in Berlin, wurde es ursprünglich mit der Abwärme des Kraftwerks geheizt. Doch seit mehr als 15 Jahren schwimmt niemand zwischen den hellblauen Fliesen. Das Becken ist trocken, das denkmalgeschützte Gebäude von Verfall bedroht, auch wenn die Stadt erste Sicherungsmaßnahmen hat durchführen lassen.

Tonnenweise Sand - ausgeliehen

"Dass dieses außergewöhnliche Gebäude für uns zum Veranstaltungsort wird, ist toll", sagt Pablo Wendel. "Da kommen uns die Stadt und der Besitzer sehr entgegen, wir müssen keine Miete zahlen." Schon im Herbst 2019 hat das E-Werk das Stadtbad bespielt - zur Eröffnung des Kunstzentrums mit einer Performance von Rowdy SS, die hunderte Besucher anzog. "Sun & Sea" stellt Pablo Wendel und Helen Turner aber vor ganz andere Herausforderungen.

70 Tonnen Sand mussten zum Stadtbad bewegt und aufgeschüttet werden - auf 500 Paletten, die zuvor im leeren Schwimmbecken installiert wurden, um die Schräge des tiefer werdenden Beckens auszugleichen. "Wir haben versucht, dabei so wenig CO2 wie möglich auszustoßen", sagt Pablo Wendel, der die Vorbereitungen leitet. "Der Sand kommt aus Luckenwalde aus einer Sandgrube, etwa 500 Meter Luftlinie vom Stadtbad." Das Material sei nur geliehen, betont der Künstler.

Von der Biennale in Venedig nach Luckenwalde

"Das Kunstwerk handelt vom Klimawandel"

Nach der Performance werde der Sand wieder an seinen Ursprungsort gebracht, auch die Paletten kehren in den Handel zurück. "Das Kunstwerk handelt vom Klimawandel", sagt Kuratorin Helen Turner, "da ist es umso wichtiger, dass wir auch in der Vorbereitung und Umsetzung nachhaltig handeln." Die Themen Umwelt und Kunst zu verbinden, sei das Ziel ihrer Arbeit im E-Werk Luckenwalde.

Im Stadtbad hat Pablo Wendel - unterstützt von freiwilligen Helfer*innen - in den letzten Wochen einen Kilometer Rohre verlegt, durch die mittlerweile warmes Wasser aus dem benachbarten Kraftwerk fließt. "Das System ist jetzt wieder wie vor knapp 100 Jahren, als das Stadtbad gebaut wurde", erklärt Pablo Wendel, der in seiner Arbeit Kunst und Technik verbindet. "Wir versorgen wieder das Stadtbad mit unserer überschüssigen Wärme aus dem Kraftwerk. Im Moment brauchen wir die, um den Sand für unseren künstlichen Strand zu trocknen. Noch ist er sehr feucht vom Regen in den letzten Juni-Tagen."

Aufführungen am 17. und 18.7.

Zwölf Sänger*innen und ebenso viele Statist*innen werden Mitte Juli an der Performance-Oper mitwirken: Am Wochenende vom 17. und 18.7. wird im Stadtbad Luckenwalde die Berlin-Brandenburg-Premiere von "Sun & Sea" gefeiert. Ursprünglich hätte der Termin schon 2020 stattfinden sollen - als Deutschland-Premiere des Stücks. Doch wegen Corona musste das Aufführungswochenende viermal verlegt werden. "Organisatorisch war das eine große Herausforderung für uns, immer wieder neu zu planen", sagt Kuratorin Helen Turner. Umso mehr freut sie sich auf die insgesamt zehn Durchläufe des Stücks, die endlich in Luckenwalde aufgeführt werden.

"Ein Durchlauf dauert eine Stunde", erklärt sie, "wir spielen am Samstag und am Sonntag jeweils fünf Stunden, aber man kann sich davon auch nur 20 Minuten anschauen, weil ‘Sun and Sea’ als Loop konzipiert ist." Die Performance hat also weder einen klar definierten Anfang, noch ein Ende - das Publikum kann an jeder beliebigen Stelle beginnen zuzuhören oder aussteigen. Gesungen wird auf Englisch von professionellen Sänger*innen, die seit 2020 mit dem Kunstwerk international auf Tour gehen. "Wir werden im Stadtbad ein Libretto auslegen mit deutschen Übersetzungen der Texte", kündigt Helen Turner an.

Crowdfunding-Aktion machte "Sun & Sea" möglich

Noch sucht das E-Werk für die Aufführung nach Statist*innen und Helfer*innen. Mehr als 60 Personen sind an den Vorbereitungen beteiligt. "Viele aus Luckenwalde engagieren sich, aber wir haben über das "Workaway"-Programm [workaway.info] auch internationale Freiwillige, die uns unterstützen", sagt Künstler Pablo Wendel. Finanziert wird die Aufführung von "Sun & Sea" maßgeblich aus einer Crowdfunding-Aktion [kickstarter.com], bei der das E-Werk im Frühjahr über 40.000 Euro gesammelt hat.

"Darüber können wir etwa ein Drittel der Kosten decken. Der Rest kommt durch Spenden von privaten Stiftungen, Fördermittel der Bundes-Kulturbeauftragten und die Ticket-Verkäufe zusammen", ergänzt seine Partnerin Helen Turner.

Wie aus einem Kraftwerk ein Kunstzentrum wird

Zusätzliche Tickets ab 5. Juli

Wegen der Corona-Beschränkungen ist die Besucherzahl limitiert. "Rund 1.000 Tickets konnten wir bisher anbieten - und die waren schon innerhalb von 48 Stunden ausverkauft", erklärt die Kuratorin. "Inzwischen hat der Landkreis Lockerungen beschlossen, sodass wir 125 Menschen gleichzeitig ins Stadtbad lassen dürfen. Deshalb können wir am Montag ein zusätzliches Ticket-Kontingent freigeben." Die Eintrittskarten kosten ohne Ermäßigung knapp zehn Euro [eventbrite.de]. Das Publikum wird auf der Empore des Stadtbads stehen und von oben auf die Performance im Sand herunterschauen.

Dass der Strand für "Sun & Sea" jetzt - nach Aufführungen in Dänemark, Norwegen und der Schweiz - in Luckenwalde in einem verlassenen Schwimmbad aufgeschüttet wird, ist für die Künstlerinnen aus Litauen etwas Besonderes, sagt Helen Turner: "Sie haben mir erzählt, dass sie genau so einen Ort im Kopf hatten, als sie das Konzept für die Performance-Oper geschrieben haben." Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelyte erklären in einem schriftlichen Statement: "Wir freuen uns sehr, dass diese Vision jetzt in Luckenwalde Wirklichkeit wird."

Sendung: rbbKultur-Reportage "Kunst im Kraftwerk Luckenwalde", 03.07.2021, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

6 Kommentare

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  1. 6.

    Sand in der Gegend herumfahren, ist schon recht unwirtschaftlich und hat mit einem Umweltprojekt wenig zu tun. Mein Vorschlag, verlagern Sie die Aufführungen in die ansässigen Kiesgruben und ich glaube Ihnen tatsächlich. Wer Umwelt singt, sollte auch dahinter stehen. Der Umwelt ist übrigens egal, wieviel Sand auf unnatürliche Art von Ort zu Ort transportiert wird, selbst das Abbauen von Kies zerstört Umwelt. Selbstbetrug.

  2. 5.

    Toll! Bin leider gerade dann nicht da, sehr schade. Die Kiesgrube Weinberge ist ja faktisch und Eck, tolle Idee mit dem märkischen Sand, und EWerk und Stadtbad kommen so besonders in den Fokus!
    Ich liebe diese Architektur in Luckenwalde, die (lost) places, es gibt so viel zu entdecken in Luckenwalde.

    Mein Traum wäre eine kompetente Nachnutzung der Hutfabrik. Die Buckskin Fabrik wartet wie die gesamte Grabenstraße auf die Wiederauferstehung, aber auch industrielle Nachkriegsarchitektur darf nicht verfallen.

    Besucht Luckenwalde, entdeckt die Stadt, die Performance im Stadtbad ist ein super Anlass dazu!

  3. 4.

    Wenn Sie den Artikel gründlich lesen finden Sie die Information dass der Sand aus einer 500 Meter entfernten Sandgrube stammt. Da wird kein Sand quer durch Europa bewegt. Das wäre auch echt unwirtschaftlich da es Sand schon oft gibt.
    Die Paletten von denen berichtet wird werden nach der Aufführung wieder in Umlauf gebracht.

    Alles in allem scheint es so das Ihnen das Konzept einfach nicht gefällt. Das ist auch ok. Nur behaupten Sie doch bitte nichts was nicht belegt ist, bzw. was ganz klar anders ist.

    Im Vergleich zu einer klassischen Tournee einer Band bei der viel Equipment und Personal umherreist scheint mir dies hier schon klimaschonender zu sein.

  4. 3.

    Der Sand kommt aus 500 Metern Entfernung. Was ist ihr Problem? Sie hätte ja helfen können mit ihrer DDR-Schubkarre.

  5. 2.

    Ich finde die Angaben zur größtmöglichen Nachhaltigkeit in der Vorbereitung und Umsetzung glaubwürdig.
    Das klingt nach einem sehr interessanten Projekt und obwohl ich es mit Opern normalerweise überhaupt nicht habe, würde ich mir das gerne ansehen und -hören.

  6. 1.

    Die Performance hat mit dem Klimawandel zu tun. Die Aufführung wird mehrfach und an verschiedenen Orten organisiert, bedeutet, 700 Tonnen Sand auf 500 Paletten müssen vor Ort und zurück zum Ursprung gebracht werden. Rechne ich jetzt die Umweltbelastung durch diese Art der Logistik zur Kernaussage der Performance hinzu, schwindet die Glaubwürdigkeit dieser Inszenierung immens. Manchmal ist weniger mehr.

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