Interview | Daniel Brühl über sein Regiedebüt - "Ich wollte mich eitler, selbstverliebter und arroganter haben, als ich es bin"

Daniel Bruehl 2020 in Berlin (Quelle: dpa/Marechal Aurore)
Audio: Inforadio | 14.07.2021 | Alexander Soyez | Bild: dpa/Marechal Aurore

Immer wieder wechseln Schauspieler irgendwann die Seite und nehmen auf dem Regiestuhl Platz. Nun auch Daniel Brühl. Gleichzeitig spielt er in seinem Film "Nebenan" auch eine Figur, die stark an ihn selbst erinnert.

Ein bisschen sich selbst spielt Daniel Brühl in seinem Regiedebüt "Nebenan", das nach der Open-Air-Premiere auf der Berlinale am 22. Juli in die Kinos kommt.

Brühl stand das erste Mal auch hinter der Kamera und gleichzeitig davor als ein berühmter Schauspieler namens Daniel, der in Berlin lebt und es auf dem Weg zu einem Hollywood-Casting in einer Eckkneipe in Prenzlauer Berg mit einem Nachbarn zu tun bekommt, der ihn heimlich ausspioniert hat und auf einmal den schönen Schein seines perfekten Lebens demontiert. Alexander Soyez hat Brühl zum Interview getroffen.

rbb|24: Ihr Regiedebüt stand ja durch die Pandemie zumindest kurz auf der Kippe, Sie waren im vergangenen Jahr im März ja kurz vor dem geplanten Drehbeginn?

Daniel Brühl:
Ja, ein paar Tage haben wir kurz gedacht, das war es jetzt und zwei Jahre Vorbereitung sind für die Katz. Aber glücklicherweise haben wirklich alle zu mir gehalten und die Dreharbeiten konnten dann doch stattfinden. Man darf ja auch nicht vergessen, es ist ein pandemiefreundlicher Film mit nur vier Schauspielern und einem Drehort, den wir in einem Studio sicher nachstellen konnten. Für die Umstände im letzten Jahr waren das dann relativ optimale Voraussetzungen und das lief dann auch einigermaßen reibungslos.

Es ist ja mutig, dass Sie als ersten Film gleich eine Autobiographie drehen...

Ja… Das klappt nicht. (lacht) Es ist natürlich keine Autobiographie, auch wenn ich im Film Daniel heiße und ein Schauspieler bin, der in einer schönen Wohnung in Prenzlauer Berg wohnt. Das ist ja ein bewusstes Spiel mit genau dieser Annahme, dass ich irgendwie auch dieser Daniel bin.

Ein Spiel mit der Klischeevorstellung von Daniel Brühl?

Ja. Und manche, die mich vielleicht besser kennen, verstehen das vielleicht besser als andere. Aber wenn man das falsch versteht und glaubt, das sei ich, dann ist mir das auch recht. Das ist ja unter anderem das Interessante daran. Der Daniel im Film ist eine völlig überhöhte Figur und ich wollte diese Überhöhung auch gleich von Anfang an sehr deutlich machen. In einer früheren Fassung war er irgendwie eher unbedarft, aber eigentlich immer noch ein netter Kerl, und der Nachbar eine fiesere Mephisto-Gestalt mit AfD-Nähe. Das war für mich aber der falsche Weg. Ich wollte diesen Bruno von nebenan nicht verraten und ich wollte mich auch noch deutlich eitler, selbstverliebter und arroganter haben, als ich es bin.

Damit es ein faires Duell mit ungewissem Ausgang in der Eckkneipe gibt?

Genau. Ich wollte mich als Erzähler und vielleicht auch Vater dieser Figuren auf keine der beiden Seiten schlagen. Der Zuschauer soll das ja auch nicht. Beide sind nicht wirklich die nettesten Kerle, aber beide auch mehr als nur der arrogante Star und der Spitzelnachbar. Es gab tatsächlich gerade zu meiner Figur so einige Reaktionen, dass Leute meinten, der wäre viel zu eitel, aber das ist natürlich eine ganz bewusste Entscheidung gewesen. Da sind schon persönliche Erfahrungen in meinem Leben, in meiner Karriere und auch mit meiner Nachbarschaft eingeflossen, aber das eigentliche Thema war für mich ja die Gentrifizierung in Großstädten. Die Idee hatte ich durch eine Begegnung in Barcelona, aber mir war eigentlich von vornherein klar, dass ich das in einer Welt spielen lassen muss, die mir sehr nahe ist und mit Figuren, mit denen ich mich hundertprozentig auskenne.

Daniel Brühl

Daniel Brühl bei der 71. Berlinale - Internationale Filmfestspiele Berlin am 16. Juni 2021 auf der Museuminsel Freiluftkino in Berlin (Quelle: dpa)
dpa

Daniel Brühl, geboren am 16. Juni 1978, ist Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher. Einem größeren Publikum wurde er bekannt mit seiner Rolle in "Good Bye, Lenin!" (2003) sowie international durch seinen Part in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds". Er hat in mehr als 70 Filmen mitgespielt. "Nebenan" ist sein Regie-Debüt.

So wie mit Ihnen selbst zum Beispiel?

Das war auch keine Eitelkeit, dass ich die Hauptrolle spielen wollte, sondern das hat mir sehr viel Halt gegeben und eine Sicherheit, die ich brauchte, um diese Geschichte zu erzählen. Und für dieses Thema Gentrifizierung fand ich meinen Beruf und meine wahrgenommene Persona eine herrliche Angriffsfläche. So ist das entstanden. Es ist keine Vergangenheitsbewältigung, kein Tagebucheintrag aus dem Leben von Daniel Brühl.

Auch wenn der Daniel im Film aber nun natürlich nicht der echte Daniel Brühl ist, die Nähe bleibt unverkennbar, auch in vielen leicht variierten Anspielungen auf Filme, die Sie gemacht haben, und wie Leute Sie manchmal wahrgenommen haben?

Das hat auf jeden Fall mit hineingespielt. Wenn man über Jahrzehnte bis zu einem gewissen Grad unter Beobachtung steht, dann formt das einen und kostet auch Kraft. Vieles von dem, was man sich so zu mir gedacht oder was man in mir von außen gesehen hat, habe ich versucht unterzubringen. Da aber genau das richtige Maß zu finden, nicht zu viel, nicht zu wenig, das war wirklich die Hauptarbeit. Die Figuren mussten sehr fein gezeichnet sein und ich musste auch sehr vorsichtig im Umgang mit mir "selbst" umgehen. Das war ein längerer Prozess und definitiv eine spannende Erfahrung.

Die Idee zu "Nebenan" kam Ihnen ja in Barcelona. Aber dann ist aus "Nebenan" auch ein eindeutiger Berlin-Film geworden.

Total. Ich hatte ja kurz versucht, den Film in Barcelona zu machen, aber als ich dann aus Spanien zurückkam nachdem ich den Film dort nicht machen konnte, war ich ziemlich schnell eher dankbar, dass es so gekommen ist. Natürlich musste das ein Berlin-Film sein. Ich bin froh, dass ich die Idee in Barcelona hatte, aber in Berlin wurde die Idee auf einmal noch viel zwingender und stimmiger für mich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Soyez.

Sendung: Inforadio, 14.07.2021, 14:45 Uhr

2 Kommentare

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  1. 1.

    Der Film ist klasse. Konnte ihn neulich nachholen bei der „Hauptrolle Berlin“ im Zoo Palast.
    Das einzige was ich nicht so ganz verstanden habe ist, warum man es so wichtig findet das die Eckkneipe in Prenzlauer Berg ist wenn man ganz klar sieht, das es sich um Kreuzberg (Fidicinstr / Bergmannkiez ggü. dem Wasserturm) handelt.

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