Ein Violinist und seine Familiengeschichte - 22 Jahre im Orchestergraben in Bayreuth

Geiger Daniel Dragonov. (Quelle: privat)
Audio: Inforadio | 31.07.2021 | Maria Ossowski | Bild: privat

Er spielt im Orchester der Deutschen Oper Berlin. Jeden Sommer aber zieht es Daniel Draganov nach Bayreuth. Er liebt Wagner, so wie es schon sein Großvater tat. Die Familiengeschichte des Geigers ist eine Besondere. Von Maria Ossowski

Seit 22 Jahren sitzt er im Orchestergraben des Festspielhauses Bayreuth. Hier hat er seine Frau kennengelernt, hier hat er im ersten Jahr unter Daniel Barenboim und James Levine gespielt. Er, der als kleiner Junge schon tief berührt war von der Musik Richard Wagners. Unter dem Kopfkissen hat Daniel Draganov mit dem Radiowecker die Übertragungen aus Bayreuth gehört. 1996 war er mit 27 Jahren der jüngste Musiker, der damals in Bayreuth begonnen hat.

"Der Orchestergraben, wenn man da das erste Mal drinsitzt und den Klang hört, das ist super. Das wird man nie wieder vergessen. Aber auch die erste Probe im Festspielorchester, damals war das die "Walküre"-Probe unter Levine, da geht man raus und ist wie in Trance."

Seine jüdischen Großeltern überlebten die Konzentrationslager der Nazis

Besonders begeistert von Daniels Karriere war sein Großvater Paul, ein Arzt, der Richard Wagners Werke liebte. "Und der war stolz darauf, dass ich hier war. "Tannhäuser" war eine seiner Lieblingsopern. Die kannte er auswendig."

Das Schicksal seiner Großeltern erschüttert. Der junge Prager Medizinstudent Paul hatte gerade seine Freundin Vera geheiratet, als die Katastrophe für die beiden und ihre jüdischen Familien begann. "Die waren erst in Lodz im Ghetto, sind dann nach Auschwitz gekommen und dann ist meine Großmutter nach Bergen-Belsen auf einen der Todesmärsche und mein Großvater ist nach Mauthausen gekommen, wo er befreit wurde, vor meiner Großmutter. Dann ist er nach Prag zurück, von Liste zu Liste, von Transport zu Transport. Bis meine Großmutter kam, die er dann gar nicht mehr erkannt hat, weil sie sehr krank war. Aber sie hat es überstanden. Meine Mutter war das erste jüdische Kind, das in Prag nach dem Krieg geboren wurde."

Seine Eltern verließen Prag 1968

Jana, die Mutter, war mit Daniel hochschwanger, als die Sowjetarmee 1968 in Prag einfiel. "Dann hat mein Großvater seine Connections genutzt und meine Mutter ins einzige Flugzeug gebracht, das noch raus ging und so wurde ich dann in Stuttgart geboren 1969. Und dann sind meine Großeltern irgendwann nachgekommen, um bei der Familie zu sein."

Der Großvater wurde Chefarzt in Bremen, Daniels Vater spielte im NDR-Sinfonieorchester. Großvater Paul unterstützte Daniel beim Kauf der Geige. Er erzählte den Enkeln aber auch vom Grauen der Vernichtungslager. Er nahm Daniel mit in Joshua Sobols Theaterstück "Ghetto" und in den Film "Schindlers Liste". Im Kino hatten zum Schluss alle Tränen in den Augen außer Daniels Großeltern. Sie hatten Schlimmeres erlebt. Dennoch: Großvater Paul behandelte auch Patienten mit SS Runen. Er sei Arzt und dem Heilen verpflichtet, bei jedem Menschen. Er starb 2005. 2006 kam sein Urenkel zu Welt. Paul. Vater Daniel, hauptamtlich spielt er im Orchester der Deutschen Oper Berlin, fühlt sich der Versöhnung so verpflichtet wie sein Großvater.

Er spielt die Musik von Richard Wagner

Und die Musik des Antisemiten Richard Wagner? Daniel Draganov spielt all seine Werke mit Leidenschaft. Diesmal u.a. die Eröffnung mit dem "Fliegenden Holländer" ebenso wie die "Walküre". Aber was fühlt er an diesem Ort, auf diesem Grünen Hügel, der so sehr durch Hitler kontaminiert ist? Ist dies nicht in Erinnerung an die ausgelöschten Familien seiner Großeltern eine Bürde?

"Das Bayreuth heute ist doch etwas ganz anderes. Ich spiele mit so fantastischen Kolleg:innen zusammen und da ist es völlig egal, welche Hautfarbe man hat, welches Geschlecht man hat, welche Sexualität man lebt, welchen Glauben man hat. Wir machen Musik miteinander."

Sendung: Inforadio, 30.07.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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