Ausstellung zum 100. Geburtstag - Beuys und seine Suche nach dem Ursprung der Laute

Joseph Beuys (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona)
Audio: Kulturradio | 07.07.2021 | Silke Henning | Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona

Joseph Beuys war Bildhauer, Zeichner, Performer. Ein Jahr vor seinem Tod äußerte er, dass er seine Werke von der Sprache aus entwickelt habe. Berlins Hamburger Bahnhof verfolgt nun diese Spur mit der Ausstellung "Von der Sprache aus" . Von Silke Hennig

Joseph Beuys' Stimme weht durch die Hallen des Hamburger Bahnhofs. Sein "Ja, ja, ja, ne, ne, ne", 1968 auf Schallplatte gepresst, führt auf minimalistische - auch witzige - Weise die unzähligen Bedeutungsverschiebungen vor, die Worte durch Betonung erfahren, selbst wenn sie so einfach sind wie "Ja" und "Nein".

Aber Beuys konnte auch anders, direkter:

"Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern, ich will es vor allen Dingen ausweiten auf die reale politische Situation und darauf können wir ja auch gleich zu sprechen bringen. Ich bin nicht der Ansicht, daß wir z.B. in einer Demokratie leben. ... Ich bin nicht der Ansicht, nicht wahr, daß wir zu freien Menschen erzogen werden, durch unsere parteipolitische Bürokratie usw. und so fort. Ich bin also bereit, sofort hier zu provozieren."

In Dokumenten wie dieser Aufzeichnung eines Disputs bei einer Podiumsdiskussion von 1970, zeigt die Ausstellung den Künstler auch in einer weiteren Rolle, nämlich als nimmermüden, streitbaren Redner.

Museum für Gegenwart, Hamburger Bahnhof, Invalidenstrasse, Mitte, Berlin, Deutschland (Quelle: dpa/Joko)
Bild: dpa/Joko

Zeichnungen über die Sprachbildung im Kehlkopf

"Sprache - und für ihn besonders die gesprochene Sprache - ist für Beuys wie ein bildhauerisches Mittel", sagt die Kuratorin der Ausstellung, Nina Schallenberg. Sprache sei für ihn "wie eine Plastik, die sich aus seinem Mund heraus in den Raum formt, und dann dadurch auch die Gesellschaft verändern kann."

Dies fange ganz klein an bei der Lautbildung im Kehlkopfbereich. Und Nina Schalenberg ergänzt: "Es gibt ganz, ganz viele Zeichnungen von ihm - wir zeigen auch viele davon in der Ausstellung -, wo er sich mit der Sprachbildung im Kehlkopf auseinandersetzt. Und dann reicht es von diesem Ort hinein in die ganze Gesellschaft."

Denn Sprache ist Kommunikation, sie ist ein soziales Werkzeug. Noch vor dem Sprechen, setzte Beuys' Begriff vom "Plastischen", von der Neu-Formung, im Denken an. Entsprechend steht am Anfang der Ausstellung "Schweigen": Fünf galvanisierte Filmrollen von Ingmar Bergmans gleichnamigem Film z.B., ein Multiple, das 1973 entstand, wenige Jahre nachdem die Studentenbewegung auch gegen "das Schweigen der Väter" rebelliert hatte.

Oder Beuys' stumme Aktion "wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", bei der er in stiller Zwiesprache sich zur Ausstellungseröffnung allein der toten Kreatur widmete, und die Besucher nur von draußen zusehen ließ.

Von den "Lauten" über die "Begriffe" zur "Schrift"

Über Kapitel wie "Laute", "Begriffe" und "Schrift" führt die Ausstellung durch eine Vielzahl von Räumen und durch das Beuys'sche Schaffen. Vorbei an Hauptwerken wie den raumfüllenden Talg-Blöcken, die Beuys in Münster schuf: Abformungen von Hohlräumen, denen er einen seiner rätselhaft raunenden Titel gab "Unschlitt/Tallow".

Nina Schallenberg sagt: "Also 'Unschlitt' ist ja ein altes Wort für Talg. Und dann kam später noch dieser Schrägstrich und 'tallow', also die englische Übersetzung, dazu." Nach Schallenbergs Interpretation öffnete Beuys damit für sich das Feld in Richtung Großbritannien und auch die keltische Welt. "Und dann gibt's beispielsweise eine andere Arbeit, die 'Richtkräfte' - also 'Richtkräfte für eine neue Gesellschaft'."

Genau das Werk sei es, das vielen Beuys-Kennern einfalle, wenn man über das Thema 'Beuys/Sprache' nachdenke. Hier sei man dann auch sehr schnell bei diesen Kreidetafeln und der Schrift, die wiederum die Basis bilden für diese Installation.

Joseph Beuys, DAS ENDE DES 20. JAHRHUNDERTS, 1982–1983, 21 Basaltstelen auf Kantholzern, Filz, Tonerde, Brechstange, Hubwagen, 23-teilig, variabel (Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / 1995 erworben durch das Land Berlin / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns)
Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / 1995 erworben durch das Land Berlin / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns

Anregen bereits mit Einladungen zu seinen Veranstaltungen

Während Vorträgen und Diskussionen hatte Beuys Stichworte, Sätze, Pfeile auf Tafeln notiert - ähnlich seinem großen Inspirator Rudolf Steiner -, die er schließlich, wie die Installation "Richtkräfte", kaum mehr lesbar, aber in einer endgültigen Form anordnete.

"Tatsächlich ist Beuys ein Künstler, der Themen immer wieder aufgreift", so Kuratorin Schallenberg. So habe er sich immer wieder mit der Lautbildung auseinandergesetzt: "Die gibt es bei ihm eben schon in ganz frühen Zeichnungen aus den 50er-Jahren. Dann kommt das wieder in Aktionen von ihm - also beispielsweise bei dem 'Ö Ö Programm', also dieser Ö-Laut, der steht auch für diese Auseinandersetzung mit der Lautbildung und mit diesem Keim, aus dem heraus dann alles entstehen kann."

Kommunikation als Keim für Veränderung: Ob mittels Geräuschen, Sprache oder Schrift - sie erfordert Aufmerksamkeit, die Beuys durch den Fokus auf seine Person erzeugte - wie zahlreiche Plakate und Einladungskarten belegen, die keine Werke, sondern ihn zeigen - und indem er irritierte, provozierte: Anregung zum Selber-, Weiter-, Andersdenken.

Sendung: rbbKultur, 07.07.2021, 17.40 Uhr

Beitrag von Silke Henning

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