Kommentar | Eröffnung Humboldt-Forum - Erfrischend unmuseal, aber manchmal pädagogisch verkrampft

Symbolbild: Ein 28 Meter langes Videopanorama "Geschichte des Ortes" zeigt die historische Entwicklung des Ortes, an dem jetzt das Humboldt Forum steht, beim Präsentationstag vor der Öffnung des Humboldt Forums. Im Vordergrund ein Modell der HMS Victory aus dem Berliner Schloss. (Quelle: dpa/J. Kalaene)
dpa/J. Kalaene
Video: Abendschau | 20.07.2021 | Petra Gute | Bild: dpa/J. Kalaene

Äußerst modern, sehr partizipativ und kritisch: Bildungsbürger-Attitüde hat im neu eröffneten Humboldt-Forum kaum eine Chance, sagt Maria Ossowski. Sie wünscht sich aber einen weniger angstgetriebenen Umgang mit problematischen Kolonialthemen.

Außen erscheint es wie ein Schloss – es ist keins. Innen erwarten wir Museen, und es sind keine. Was also ist das Humboldtforum? "Ein Experimentierfeld für interkulturelle Zugänge", so formuliert es der Intendant Hartmut Dorgerloh etwas steil. Aber es trifft.

Über jeder Ausstellung, momentan sind es sechs, schwebt die Idee einer Vielstimmigkeit der Kulturen und einer kritischen Auseinandersetzung mit den Untaten deutscher Kolonialherren in der Vergangenheit. Das geschieht äußerst modern, sehr interaktiv, sehr partizipativ und erfrischend unmuseal. Die intellektuellen Schwellen sind niedrig. Die Bildungsbürgerattitüde hat im Humboldtforum selten eine Chance. Chronologien, Daten als Eckpunkte? Vergesst es. Stattdessen: Schlaglichter, die Assoziationen wecken, Action, Unterhaltung und immer wieder Verweise auf koloniale Kontexte.

Schützen mich Grenzen oder sperren sie mich aus?

Die Humboldtuniversität präsentiert ihre Ausstellung zur Umweltzerstörung mit dem Titel "Nach der Natur". Am Eingang erwartet uns ein riesiger virtueller Fischschwarm auf Leinwänden. Bewege ich mich hektisch, schwärmt er zur Seite. Bleibe ich ruhig, umschwirrt er mich.

In der Ausstellung "Berlin Global" muß ich mich mit einem Tracking-Armband immer zwischen zwei Durchgängen entscheiden. Will ich eine soziale Stadt oder eine offene? Schützen mich Grenzen oder sperren sie mich aus? Zum Schluss kommt ein kleines Psychogrammticket aus dem Automaten, ich soll mit anderen Besuchern drüber reden. Das hat Charme, das wird jüngere Gäste besonders anziehen.

Aufregend und lehrreich ist die Schau "Nach der Natur" über Wissenschaft und Umweltbedrohungen. Hinreißend und für Familien dringend empfohlen ist die Kinderausstellung "Nimm Platz!", voller Phantasie und Witz.

Der Schlüterhof mit seinen drei barocken Fassadenseiten und dem Bistro lädt ein und wird garantiert ein Hotspot. Das sind die positiven Aspekte.

Übergroße Vorsichtsmaßnahmen

Irritierend und leider doch zeigefingerhaft sind die pädagogischen Hinweise auf rassistische Inhalte. Ein Schild warnt vor dem Film "Entertain Berlin", er enthalte rassistisches Material. Es seien "Bilder aus der Sicht von weißen Personen, sie könnten verletzend oder retraumatiserend sein". Die Warnung "soll dazu dienen, dass niemand ihnen unvorbereitet ausgesetzt wird".

Diese Vorsichtsmaßnahme zeigt: Die Angst der Verantwortlichen, in der dringend notwendigen Kolonialismusdebatte irgendeinen Aspekt zu vergessen, irgendjemanden zu beleidigen, ist überdeutlich und hin und wieder irritierend.

Über den Texttafeln zu den Brüdern Humboldt sind auf den Fenstern unter anderem die Schlagworte "Patriarchat", "Hierarchie" und "queer" zu lesen. Der Kurator nennt die Namensgeber im Imagefilm "alte weiße Helden".

Fazit: Die heftige Kritik am Humboldt-Forum im Vorfeld hat einen Schleier von Furcht über das Unternehmen gelegt, der spürbar ist. Es wäre schön, er könnte einem intensiven und kritischen, gleichermaßen aber etwas weniger verkrampften Umgang mit den problematischen Kolonialthemen weichen.

Sendung: Inforadio, 20.07.2021, 15:00 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

5 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 5.

    Glaubwürdiger Kommentar.
    Wie so oft von Frau Ossowsi.
    Im Übrigen finde ich es ganz wichtig, dass man die Menschen zu Kolonialgeschichte ohne Anklage einlädt.
    Nur so kann man aus der Vergangenheit lernen und Unrecht selbständig erkennen.

  2. 4.

    Lieber Sian,
    das ist keine richtige Richtung sich mit "Kolonialismus und Rassismus auseinanderzusetzen" und einfach von den "Weißen" zu reden. Das ist rassistisch und 1:1 das Weltbild der Sklavenhändler selbst und wird via US "racial identies" ins 21. Jahrhundert transportiert. Unhinterfragt. Was haben die "Weißen" Finnen oder Isländer mit dem deutschen Völkermord in Namibia zu tun? Und als Deutscher wiederum kann es keine Sippenhaft, auf Grundlage einer gemeinsamen Hautfarbe, für belgische oder französische Kolonial-Verbrechen geben. Wo kommen wir denn da hin? Das sind kulturelle Heuristiken aus ganz düsterer deutscher Vergangenheit und wenn sie in politische Heuristiken übergehen gegen unsere Verfassung Art.3 (3). Nicht "die Weißen" haben z.Bsp. gegenüber Namibia Satisfaktion zu leisten sondern "Wir" Deutschen - egal welche Hautfarbe. Willkommen im 21. Jahrhundert.

  3. 3.

    Ein unverkrampfter Umgang mit Kolonialismus sei gewünscht? Schön wäre es zu erfahren an welcher Stelle gleich die deutschen / preußischen Völkermorde erwähnt werden.

  4. 2.

    Es ist keine übergroße Vorsicht darauf hinzuweisen, das Inhalte verletztend oder retraumatisierend sein können. Arte macht dies oft am Anfang von Dokumentarfilmen/ Filmen, in den Gewalt drin vorkommt. So kann ich mich entscheiden, ob ich das anschauen möchte oder nicht. Das tut gut, nicht von gewaltvollen Bildern überrascht zu werden. Auch muss man nicht jede gewaltvolle Handlungen/ Aussagen anschauen, um sich ein Bild von etwas zu machen.

    Auch ist es wichtig zu benennen, welche Perspektive hier spricht und das tut man, indem sagt wer spricht. Die Norm ist es nämlich nicht zu tun, wenn es sich um eine weiße Person handelt. Die Namensgeber im Imagefilm "alte weiße Helden" zu nennen ist im diesen Sinne konsequent. Das hat nichts mit der Angst zu tun jemanden zu verletzten - wie die Autorin schreibt - sondern ist der erste Schritt in eine Richtung sich mit dem Thema Kolonialismus und Rassismus auseinanderzusetzen.

  5. 1.

    Welche Ironie, da will man Kolonialismus aufzeigen und biedert sich gleichzeitig aber US Kulturimperialismus an. Trigger-Warnung wie in den USA. Das ist das kulturelle "Bitte keinen Klebstoff essen" . Und dann noch dieser Import einer rassistischen Sprache "die Weißen" wie in den US, Wer von "alten weißen Helden" spricht, obwohl in Europa jede Kultur seine eigenen Helden und Geschichte hat, der hat die Sippenhaft im Kopf. Und als Deutscher hier quasi den Rest Europas für seine Verbrechen mit ins Boot zu nehmen ist gerade zu intellektuell ignorant und verachtend. Nicht "die Weißen" sondern die Deutschen haben deutsche Kolonialverbrechen begangen. Nicht die Polen oder Slowenen. Oder sind "die Schwarzen" für Ruanda verantwortlich und nicht Ruanda selbst? Werde es mir dennoch anschauen.

Nächster Artikel