Konzertkritik | Georgette Dee im Berliner Tipi - Von der Liebe und von Mettbrötchen

Georgette Dee im Tipi am Kanzleramt
Barbara Braun / TIPI AM KANZLERAMT
Audio: Inforadio | 30.07.2021 | Hendrik Schröder | Bild: Barbara Braun / TIPI AM KANZLERAMT

Georgette Dee gilt als Deutschlands größte lebende Diseuse. Also eine Kabarett-Künstlerin, die Chansons und Texte vorträgt. Am Donnerstag stand sie nach langer Pause wieder in Berlin auf der Bühne. Von Hendrik Schröder

Im langen schwarzen Samtkleid kommt Georgette Dee gekonnt affektiert auf die Bühne gestöckelt: graublonde lange Haare, rote Lippen. Georgette Dee ist eine Kunstfigur, ein Mann in Frauenkleidern. Und die ganze lange Karriere von Georgette stellt sich dem Publikum und somit auch dem Reporter die Frage: Was sagt man nun, er oder sie? Es ist gerade das Spiel mit den Identitäten, das Georgettes Auftritt so spannend macht. Aber in Zeiten von Identitätsdebatten kann man da auch leicht etwas falsch machen. Deswegen nennt dieser Text Georgette im Folgenden "sie", denn die Künstlerin spielt, oder viel mehr verkörpert, ja sehr stark eben eine Frau.

Lebensklug und selbstironisch

Mit einer Art Kanzlerinnenraute vor der Brust steht sie also neben Flügel und einem kleinen Stehtischchen mit Wasserglas und erzählt zwischen den Songs mit ihrer abgebrühten Zigarettenstimme so wunderbar ungerührt, lebensklug und selbstironisch Geschichten. Zynisch, aber nicht zu sehr. Zum Beispiel, sagt Georgette, sei ihr neulich aufgefallen, dass sie immer alle schlechte Laune auf das Virus und die Einschränkungen schieben würde – und sich dann gesagt habe "Komm, ohne das Virus wärst Du genau so scheiße drauf!" - Herrlich.

Oder, dass es immer heißen würde, "wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Und dann stellt man fest, dass das Licht zu einem Doppeldeckerbus gehört, der einen frontal über den Haufen fährt."

Das Publikum sitzt an weiß gedeckten Tischen im gut gefüllten Tipi am Kanzleramt, bekommt Essen serviert und lacht sich kaputt. Dann stimmt Dees Pianist und alter Freund und Komplize Terry Truck, die beiden kennen sich seit 40 Jahren, den nächsten Chanson an und es wird wieder etwas ruhiger und nachdenklicher.

Zwischen Verletzlichkeit und ausgestrecktem Mittelfinger

Auch Terry erzählt mit seinem klassisch britischen Akzent eine Geschichte über seine gelben Gummistiefel mit Stahlkappen, die ihm bei den Starkregenfällen enorm geholfen hätten. Und so geht es weiter, Geschichte, Lied, Geschichte, Lied.

Lieder über Engel singt Georgette Dee, welche einem das Universum schickt, und die einen dann aber fünf Mal am Tag fragen, ob wirklich noch alles gut sei, bis man genervt "Jaaa" brüllen möchte. Über schwimmende Mettbrötchen, die in einem kleinen See von Tränen auf dem Teller liegen, über kleine Jungen am Fluß und darüber, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr alles verstehen muss.

Dann muss Georgette in die Garderobe eilen, hat einen Textzettel vergessen – Sportpause nennt sie das – und eiert mit wehendem Kleid völlig übertrieben und sehr lustig davon. Dieses tolle Changieren zwischen den Stimmungen, zwischen Melancholie, Verletzlichkeit und dann dem Leben und der Welt aber auch mal wieder die kalte Schulter, ja, den Mittelfinger zeigen, macht Auftritte von Georgette Dee so schön macht.

"Ich ruhe komplett in mir, es ist alles schön", ruft sie dann noch. Und meint das gleichzeitig ernst und ironisch.

Sendung: Inforadio, 30.07.2021, 8.55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich war immer der Meinung sie ist eine Transfrau. Ab einem gewissen Alter versteht man endlich. Auch so kann man es umschreiben;-)

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