Bayreuther Festspiele - "Diese Musik vermittelt eine Erlösungsideologie"

Eine Porträtbüste von Richard Wagner des Künstlers Arno Breker aus dem Jahr 1986 steht in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth (Quelle: dpa/Nicolas Armer)
Audio: Inforadio | 23.07.2021 | Interview mit Jascha Nemtsov | Bild: dpa/Nicolas Armer

Die Bayreuther Festspiele sind für Wagnerianer das Ereignis des Jahres. Auch Maria Ossowski begibt sich glückselig in den Wagnerrausch. Den Kult um den Komponisten findet der Berliner Musiker und Hochschullehrer Jascha Nemtsov gefährlich.

Jascha Nemtsov lebt in Berlin-Charlottenburg, ist ein erfolgreicher Pianist, unterrichtet in Weimar und Potsdam jüdische Musik und stammt aus einer russisch-jüdischen Familie. Er ist ein neugieriger Mensch, der die Werke Richard Wagners genau studiert hat, und der dennoch nie nach Bayreuth reisen würde.

Ihn stößt der pseudoreligiöse Kult um den Komponisten und sein Werk ab. Zudem sei der Ort historisch kontaminiert, sagt er: Hitler stand oft winkend auf dem Balkon des Festspielhauses und war mehrere Sommer ein gern gesehener Gast der Wagner-Familie.

Jascha Nemtsov; © Rut Sigurdardóttir
Jascha Nemtsov | Bild: Rut Sigurdardóttir

"Auch für die heutige Zeit eine gewisse Gefahr"

"Hitler hat ja gewissermaßen sein Leben inszeniert, auch nach den Erlebnissen der Wagnerschen Oper. Alleine wenn man an die Oper 'Rienzi' denkt, die mit einer totalen Vernichtung, mit einem Zusammenbruch, einem Brand endet – diese Oper war für Hitler eine Art Erweckungserlebnis. Das hat er ja mehrfach bezeugt, mit den Worten: 'Damit hat alles angefangen.'" Der römische Staatsmann Rienzi hatte sich mit 34 Jahren an die Macht geputscht, Hitler war bei seinem Putsch im Jahr 1923 ebenfalls 34 Jahre alt.

Das ist lange her. Mittlerweile haben viele Menschen jüdischen Glaubens in Bayreuth inszeniert und dirigiert: Barrie Kosky, Yuval Sharon, Daniel Barenboim, Kirill Petrenko und andere. Das reiche ihm nicht, sagt Jascha Nemtsov: "Es ist ja natürlich ein Aspekt. Man tut so, als ob der Antisemitismus von Wagner, dieses 'jüdische Problem', das einzige ist, das an Wagner und seinem Weltbild problematisch ist. Selbst wenn man das jetzt ausschalten würde, bleibt trotzdem eine Ideologie, die auch für die heutige Zeit eine gewisse Gefahr ausstrahlt."

Ästhetik baut auf Ideologie auf

Nemtsov meint damit nicht allein den Nationalismus oder die Messias-Imaginationen. Ihm geht es um die Erlösungsfantasien. "Das ist eine Vorstellung, dass die ganze Welt ein Problem hat, dass die Welt, die Gesellschaft krank ist, dass eine Not herrscht und dass eine Erlösung gebraucht wird. Der Hang zu solchen Erlösungsideologien, der ist ja auch für unsere Zeit sehr charakteristisch."

Von Daniel Barenboim stammt der Satz: "Wenn auch nur ein Ton in Wagners Werk antisemitisch wäre, würde ich es nie dirigieren." Klar, C-Dur, eine Terz oder eine Quinte können nicht antisemitisch sein. Nur sei Wagners Werk, so Nemtsov, nie zu trennen von den ideologischen Schriften. Die Ästhetik baue darauf.

"Das wichtigste Prinzip dieser Ästhetik ist, dass die Musik nicht einfach nur als Musik existiert, sondern die außermusikalischen Impulse, die außermusikalischen Inhalte prägt. Diese Musik besteht nicht aus Terzen oder C-Dur-Tonart, sondern diese Musik vermittelt eine bestimmte Botschaft und diese Botschaft ist ideologischer Art. Heute wollen ja alle nur die Musik von Wagner haben, keiner will mehr die Ideologie haben."

Rauschhafte Wirkung der Musik

Ich selbst gehöre zu den Bayreuth-Besuchern, die glauben, den scheußlichen Menschen Wagner von seiner zauberhaften Musik trennen zu können. Jedes Jahr begebe ich mich glückselig in den totalen Wagnerrausch. Und frage mich immer wieder: Warum?

"Unzählige Menschen – sowohl intellektuelle Künstler, Musiker als auch unmusikalische Menschen – berichten von diesen Rauschzuständen, schon durch die Klangmassen. Man weiß ja, dass Wagners Orchester alles übertraf, was vorher in der Musik verwendet wurde - alleine der starke Anteil an Blechbläsern", sagt Jascha Nemtsov.

"Ich kann das auch sehr gut verstehen, dass die Musik auf viele Menschen, die dementsprechend disponiert sind, eine rauschhafte Wirkung ausübt. Und dazu gehören auch ganz unterschiedliche bekannte Persönlichkeiten wie Adolf Hitler oder Theodor Herzl [ein jüdischer Publizist, der als Begründer des politischen Zionismus gilt; Anm. d. Red.], mit dem ganzen Unterschied der Wirkung. Aber ganz offensichtlich brauchten beide das, um sich in einen besonderen psychischen Zustand zu versetzen."

Sendung: Inforadio, 23.07.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

17 Kommentare

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  1. 17.

    Ihnen ist wahrscheinlich nicht mehr zu helfen. Wer nicht ihrer eingetunnelten Meinung ist wird zum Antisemit.
    Gott sei Dank haben die meisten Menschen jüdischen Glaubens nicht so abstruse Vorstellungen. Nur zur Klarstellung: Ich bin kein Wagnerianer. Nicht weil Wagner zugegebenermaßen Antisemit war sondern weil ich dieser Musik einfach nichts abgewinnen kann.

  2. 16.

    Die Kunst ist frei. Die Diktatugen missbrauchen die Kunst.

    Für diese Aussagen wird mir Antisemitismus unterstellt, nicht zu glauben!!!

  3. 15.

    Achso, als Jude kann er keine legitime Meinung haben. Antisemitismus in seiner reinsten Form - blanke Delegitimation.

    Ganz abgesehen davon ist Ihre verkärende Auslegung der Geschichte von bewusster Manipulation geprägt: Die Wagners empfingen Hitler. Und Wagner war immer antidemokratisch, immer antipluralistisch, immer nationalistisch, immer antisemitisch. Dass seine Musik geschätzt wird, ist eben nicht grds. von seiner Ideologie zu trennen. Es ist beschämend, wie "Wagnerianer*innen" auch heute noch die Entnazifizierung an ihren exkludierenden Idolen versuchen. Aber kritischer Umgang mit Musik ist nicht existent in breiter Mehrheit, sondern die Ausnahme. Mit Carl Orff wird ebenso unkritisch und distanzlos umgegangen, nur der evangelikal-faschistische Rahmen der Bewunderung fällt milder aus.

  4. 14.

    Ganz genau auf den Punkt beschrieben! Danke. Die Kunst ist frei. Ich selber habe eine zeitgenössische Galerie und verstehe es vollendswas sie schreiben.

  5. 13.

    "Ihn stößt der pseudoreligiöse Kult um den Komponisten und sein Werk ab." Ist das nun Neid wegen eigener Bedeutungslosigkeit, oder drängt man so mal in die Medien?
    Heute Wagner, morgen vielleicht die Beatles?
    Das erinnert mich an die Bücherverbrennung, oder an die von den Kommunisten inszenierte "Kulturrevolution".

  6. 12.

    Die Frage ist doch, was jeder Einzelne aus dieser, in einigen Werken Wagners verbreiteten, Ideologie macht. Man kann es auch als Lehrstück dafür sehen, wie es nicht sein sollte. Für mich persönlich sind ALLE alten Meister, ob Maler, Komponisten o. Bildhauer in erster Linie Personen, die in ihren Werken ihre Zeit widerspiegeln. Geschichtsdokumente, die man erhalten sollte, um sie zu verstehen und entweder Lehren daraus zu ziehen oder das Gute darin Anwendung auch in heutiger Zeit finden zu lassen. Man kann nicht alles verbieten, was in Zeiten von Sklaverei, Kolonialismus und Kriegen entstanden ist. Wie soll man die Zukunft besser gestalten, wenn man die Vergangenheit/Geschichte nicht versteht oder sogar "ausradieren" will? In unserem Bildungssystem besteht dazu übrigens auch erheblicher Nachholebedarf. Fragen Sie mal einen 15jährigen, wer Wagner war o. lassen mal ein langes Gedicht von Goethe o. aufsagen...Erschreckend! Anmerkung: Ich bin kein Fan von Wagners Musik, tendiere zu Mozart.

  7. 11.

    Wagner?
    Verbieten!
    Wagner-Platz umbenennen!
    Nicht nur, weil es Hitlers Lieblingskomponist war.
    Das wäre konsequente Auslegung der Politischen Korrektheit.
    Wir Deutschen werden immer Gesichtsloser.
    Selbst die Fußballolympiamannschaft firmiert unter "Team D" ohne Nationalfarben oder dem Bundesadler.

  8. 10.

    Die Kunst ist frei, und sie ist an den Missbrauch der nachhinein mit ihr betrieben wird unschuldig.

    Alle Diktaturen missbrauchen die Kunst für ihre Zwecke, oder sie verbieten sie als entartet etc..

    Herr Nemtsov hat es, durch seine Familiengeschichte begründet, noch nicht erkannt, es ist voll nachvollziehbar.
    Vieleicht kann manch ein Kommentar weiterhelfen.



  9. 9.

    Möge ein Herr Nemtsov seine Meinung haben. Ich halte es dann eher mit Barenboim, Petrenko und auch Herzl und schwelge weiterhin z.B. im Ring und auch bei Tristan und Isolde. Es gibt nicht viel Schöneres, ehrlich. Und das macht mich nicht zu einem Antisemiten oder einem Irren, der den einen Weg zur Erlösung sucht. Der Herr Nemtsov verrennt sich da etwas, glaube ich.

  10. 8.

    Es gibt einen interessanten Artikel in der Süddeutschen Zeitung.
    https://www.sueddeutsche.de/politik/judenhasser-und-komponist-der-paranoia-fall-richard-wagner-1.1678112

  11. 7.

    Also, nur weil ein offensichtlich psychisch gestörter Adolf H. sich von Wagner berauschen hat lassen, normalen Mensvhen quasi ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie sich auch an der Musik berauschen können, ist schon schräg. Und Wagner indirekt anzulasten, er hätte bei bestimmten Leuten etwas negatives ausgelöst mit seiner Musik, ist ebenfalls schräg. Lasst Musik bitte Musik sein. genießt den Wagner.

  12. 5.

    Die Musik ist klasse, DA kann ich Anton Bruckner verstehen. Aber "Der Ring des Nibelungen "ist Schöner.

  13. 4.

    Nicht nur die Techno-Musik könnte das, sondern auch die gesamte Musik der Rapper müsste so eingestuft werden.
    Das könnte dann auch als gefährlich angesehen werden für manche Menschen.

  14. 3.

    Die Diskrepanz zwischen dem Mensch und seinem Werk ist besonders im Bereich der Musik ein schwieriges Feld. Das betrifft alle Stilrichtungen. Mir gefällt Barenboims Haltung dazu. Ich bemühe mich immer darum, den Künstler von dessen Charakter unabhängig an den Werken zu messen. Andernfalls würde ich den Lebenswandel und die Gesinnung gewichten, was ich nicht will. Wenn andere diese Werke missbrauchen, dann laste ich es nicht dem Künstler an. Ursache und Wirkung sind in Relation zu setzen. Und dazu kommt noch die leider in der Geschichte immer vorhandene Neigung zum Antisemitismus. Diese war leider bis in die jüngere Vergangenheit gesellschaftlich mindestens toleriert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sind zum Glück die meisten Menschen dazu übergegangen, aktiv antisemitischen Handlungen gegenüber zu treten. Ob Wagner heute noch diese Tendenzen hätte wäre eine interessante Frage.

  15. 2.

    Tristan und Isolde, was gibt es schöneres! Ein „Rausch“ der mich positiv stimmt.

  16. 1.

    Auch Techno-Musik kann Menschen "in Trance versetzen", sie quasi einen Rauschzustand erleben lassen. Sollten auch diese Menschen eine Gefahr darin sehen, weil möglicherweise ein Schwerstverbrecher das auch gut findet?
    Der Begriff "Erlösungsideologie" hat etwas stark trivialintellektuelles und versucht, Dinge miteinander zu kombinieren, die gar nicht zusammenpassen.
    Letztlich impliziert Nemtsovs Aussage, dass Geistesgestörte durch die Wirkung, die Wagners Musik auslösen kann, erneut zu schrecklichen Greueltaten anmiert werden könnten und - nur so kann ich die Sinnhaftigkeit seiner Aussage interpretieren - man idealerweise Wagner nicht mehr spielen und das Festspielhaus doch bitte für immer schliessen sollte.
    Das mag vielleicht Herrn Nemtsovs Erlösungsgedanke sein, bei mir stellt sich nur die Frage, ob bei ihm eher eine große Abneigung gegen die Musik und/oder das Werk Wagners zu solch abstrusen Schlussfolgerungen führt. Und das ist dann wirklich gefährlich.

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