Industriemuseum Brandenburg - "Im wahrsten Sinne atemberaubend"

Besuchergruppe im Industriemuseum Brandenburg, Bild: Antenne Brandenburg/Stefanie Brockhausen
Antenne Brandenburg/Stefanie Brockhausen
Audio: Antenne Brandenburg | 07.07.2021 | Stefanie Brockhausen | Bild: Antenne Brandenburg/Stefanie Brockhausen

Keine Kunst und keine Tiere - im Industriemuseum Brandenburg an der Havel kann man lediglich nachvollziehen, wie bis vor 30 Jahren gearbeitet wurde. Ein Besuch in der harten Arbeitsvergangenheit. Von Stefanie Brockhausen

Jahrzehntelang prägte das Stahl- und Walzwerk die Silhouette von Brandenburg an der Havel. Die 70 Meter hohen Schornsteine auf dem Stahlwerk waren nicht zu übersehen. Inzwischen sind das Stahlwerk und auch die Schornsteine lange Geschichte, 1993 war Schluss mit der Stahlproduktion. Heute befindet sich in der Halle das Industriemuseum Brandenburg an der Havel. Es ist voll mit den alten Anlagen und Maschinen und lässt die Stahlwerks-Vergangenheit wieder aufleben.

"Es ist eine Kulturleistung"

Als erstes fallen die Dimensionen auf. Denn egal ob man vor dem Museum steht oder mittendrin in der Gießhalle: Man muss den Kopf weit in den Nacken legen, um ganz nach oben zu blicken, auf 36 Meter Höhe. Und wenn man außen um die Halle herum laufen würde, hätte man mehr als einen Kilometer auf dem Schrittzähler.

Kurzum: Die Halle ist beeindruckend. "Die große Frage ist ja immer, warum man sowas erhält", sagt Museumsleiter Marius Krohn und blickt in die Gießhalle. "Aber es ist eine Kulturleistung, sowas zu bauen. Wie eine Kirche eine Kulturleistung ist. Und keiner würde auf die Idee kommen, unsere Gotthardtkirche abzureißen, nur weil sie in der Größe nicht mehr gebraucht wird."

"Dauernd gingen Sirenen"

Genau solch eine einzigartige Größenordnung hatte auch das Stahl- und Walzwerk Brandenburg. Die nüchternen Zahlen belegen das: Bis zu 2,3 Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr wurden zu DDR-Zeiten erzeugt, das Stahl- und Walzwerk war damit der größte Rohstahlproduzent. In Spitzenzeiten arbeiteten 10.000 Menschen an den Maschinen und Kesseln – unter harten Arbeitsbedingungen.

Allein die Lautstärke in der Halle sei irrsinnig gewesen, berichtet Krohn. "Die Krananlagen, das Brausen und Rauschen der Öfen, dauernd gingen Sirenen. Und dann kommt zu dem Staub und Qualm, der aus den Öfen rauskam durch den Schmelzprozess, noch dazu, dass die Dieselloks hier drin herumgefahren sind. Die Luft muss im wahrsten Sinne atemberaubend gewesen sein."

Heute ist die Luft rein und vor allem die Anlagen sind für den Betrachter atemberaubend: Einer der ehemals zwölf Schmelzöfen ist bis heute eralten. Es ist ein Siemens-Martin-Ofen, fast 100 Jahre lang die bedeutendste Technologie zur Stahlherstellung. Das Besondere war die hohe Temperatur, die damit erzeugt werden konnte. Dadurch gelang es, besonders hochwertigen Stahl herzustellen. Allein im Stahl- und Walzwerk Brandenburg konnten so 300 Stahlmarken produziert werden.

Ein Werk als kleiner Staat im Staate

Der Ofen ist nun ein technisches Denkmal und das Herzstück des Museums. Es gibt nur noch einen einzigen seiner Art in Westeuropa. "Wir haben allerdings von einem Ofen in der Ukraine gehört", sagt Marius Krohn und fügt fast ein bisschen fassungslos hinzu: "Der soll 650 Tonnen fassen, also dreimal so viel wie unserer. Da ist uns erstmal die Kinnlade runtergeklappt."

Viele der Museumsbesucher kommen wegen des gewaltigen Ofens ins Industriemuseum - aber auch, um einen Einblick in den damaligen Alltag zu bekommen. Das Museum zeigt exemplarisch, wie zu DDR-Zeiten ein Großbetrieb funktionierte. "Es war wie ein Staat im Staat, mindestens eine Stadt in der Stadt", sagt Marius Krohn. "Mit eigener Feuerwehr, mit eigenem Betriebsschutz, mit eigenen Läden und Kantinen und mit allem, was darüber hinaus ging: Ferienplatzvergabe, Autos, Wohnungen, was man eben über das Werk organisieren konnte."

Seit einigen Wochen sind die Türen des Industriemuseums wieder offen für Besucher. Nun will das Museum wieder anknüpfen an das bislang erfolgreichste Jahr in seiner Geschichte: 2019 kamen 22.000 Besucher.

Sendung: Antenne Brandenburg, 07.07.2021, 16 Uhr

Beitrag von Stefanie Brockhausen

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich war schon oft im Industriemuseum in Brandenburg und habe versucht mir die damaligen Arbeitsbedingungen am Ofen vorzustellen, was mir wahrscheinlich nicht ansatzweise gelungen ist. Gut, dass die Geschichte der Stahlstadt Brandenburg auch hier bewahrt wird.

  2. 2.

    Hier gibt es immer noch ein Stahlwerk. Also nicht Schluss mit der Stahlproduktion in Brandenburg an der Havel, wie der Artikel suggeriert.

  3. 1.

    Sehr, sehr interessant. Ich habe als 16 jähriger eine zeitlang im Stahlwerk von Hagen gearbeitet. Wir mußten dünne lange Stahlstangen auf Risse kontrollieren. Waren die Risse nur oberflächlich, wurden sie weggeschliffen. Wenn sie tiefer waren, wurden sie mit Kreide gekennzeichnet und gingen zurück in den Ofen. Jeden Tag sahen wir aus, als wären wir Bergleute die gerade aus der Grube kommen. Selbst die Zähne waren verdreckt. Aber die Kollegialität war einmalig gut. Man teilte sich sogar die Brotstullen.

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