Theaterkritik | "Yerma" an der Berliner Schaubühne - Wo sind die leisen Töne?

Caroline Peters als Yerma und Christoph Gawenda als John während der Fotoprobe für das Stück Yerma in der Berliner Schaubühne (Bild: IMAGO / Martin Müller)
Inforadio | 28.07.2021 | Anke Schäfer | Bild: IMAGO / Martin Müller

Regisseur Simon Stone hat "Yerma" schon in London gezeigt und das Stück nun an der Berliner Schaubühne neu inszeniert. Das Thema eines unerfüllten Kinderwunsches hat hohes Identifikationspotenzial, ist aber zu pathetisch erzählt, findet Anke Schaefer.

Das Thema betrifft viele. Es geht um den unerfüllten Kinderwunsch einer Frau, eines Paares. Yerma wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Partner John (Christoph Gawenda) haben sich in Berlin eine gläserne Edelstahlwohnung gekauft. Sie steht hell erleuchtet im schwarzen Zuschauerraum. Ein gläserner Kubus (Bühne: Lizzie Clachan).

Simon Stone hat das Stück nach einer Vorlage von Frederico Garcia Lorca geschrieben. Lorca erzählte aus dem ländlichen Spanien, Simon Stone verlegt das Stück in dieser Schaubühnen-Inszenierung nach Berlin. Der schicke Kubus wird zum tragischen Käfig. Yerma wird nicht schwanger, aber anstatt den Wunsch los zu lassen, steigert sich immer weiter hinein und gerät in eine zerstörerische Obsession

Furiose Wortgewitter

Caroline Peters spielt die Yerma - und sie tut es wirklich furios. Sie läßt ein Wortgewitter nach dem anderen über ihrem Partner, ihrer Schwester, Freundin, Mutter, und damit über uns, dem Publikum nieder gehen. Sie ist eine intellektuelle, kluge Journalistin und schreibt in ihrem Blog über ihre Geschichte. Auch dazu paßt der gläserne Kubus: Alles wird öffentlich. Das macht es nicht leichter. Und es kommt nicht, das Kind, es kommt einfach nicht.

Wir erfahren, dass ihre Mutter gefühlskalt ist, wir erfahren, dass Yerma schon mal abgetrieben hat, was sie nun bereut. Wir erfahren, dass ihre Schwester ganz leicht schwanger wurde, aber ihr – Yermas – Uterus bleibt leer. Ihr Mann weiß sich nicht zu helfen und nimmt reißaus. Am Ende irrt sie fast wahnsinnig über die Bühne, die gläserne Wohnung wird zum Ort des Schreckens.

Wer bin ich - ohne Kind?

Das ist spannend. Da stecken viele brisante Fragen drin. Wie kann sich eine Frau, die ein Kind will und keines bekommt, trösten? Wie kann sie sich definieren, in einer Gesellschaft, die immer noch stark davon ausgeht, dass Kinder das Lebensglück, der Lebenssinn sind? Was ist sie sich und anderen ohne Kind wert? Was braucht eine Frau, was brauchen Paare, die von ihrem existenziellen Kinderwunsch Abschied nehmen müssen?

Yerma gerät an den Rand des Wahnsinns und keiner kommt ihr nah genug, um ihr zu helfen. Alle bleiben auf Abstand. Die Umarmungen im Glaskasten kann man an einer Hand abzählen. Das Szenario ist gut beobachtet, in einer Zeit, in der Paare den Weg der künstlichen Befruchtung gehen, um sich den Kinderwunsch um jeden Preis zu erfüllen.

Wo sind die leisen Töne?

Aber: Wäre da nur nicht diese Dauer-Erregung. Dieser Abend leidet am Ende an seiner Überspanntheit. Die Szenen sind in schneller Folge durch Musik voneinander getrennt. Diese Musik ist laut und pathetisch, und so wirken nach einer Weile auch die Dialoge: laut und pathetisch. Wo sind die leisen Töne?

Simon Stone sieht uns offenbar in einer Dauer-Lüge des "Hey-Ist-doch-alles-Gut!" verfangen, während wir innerlich durch die Hölle gehen. Aber so sind wir nicht. Das Leben hat Tiefe, und es hat stille Momente, und es bringt Momente der Einsicht. Das fehlt hier. Leider wird das dann irgendwann so anstrengend und unglaubwürdig, dass man sich, wenn die Musik wieder losdröhnt, die Ohren zuhält und das Theater fast gern schon vor dem Ende verlassen würde. Was man aber nie täte. Weil Caroline Peters so toll spielt.

Sendung: Inforadio, 28.07.2021, 08:55 Uhr

Beitrag von Anke Schäfer

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