Ausstellung "Zwei deutsche Architekturen 1949-1989" - Mal imposant, mal einfach und immer ging's ums Prestige

Ausstellungsansicht: Zwei deutsche Architekturen, Gallery of Australian Design GAD, University of Canberra; © Michael Lapuks/ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)
Michael Lapuks/ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)
Audio: Inforadio | 15.07.2021 | Barbara Wiegand | Bild: Michael Lapuks/ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

40 Jahre wurde in beiden deutschen Staaten zumindest räumlich getrennt gebaut. Inhaltlich aber waren die Architekturen in Ost und West teilweise sehr ähnlich. Dies zeigt nun eine Ausstellung im Berliner Haus der Statistik. Von Barbara Wiegand

"Und wir haben hier in der Ausstellung nicht Ost und West gegenübergestellt, nicht links DDR, rechts Bundesrepublik oder umgedreht", erklärt Ausstellungskurator Hartmut Frank. Er spricht über die 2004 konzipierte und nun in dieser Vollständigkeit erstmals in Berlin gezeigte Ausstellung "Zwei Deutsche Architekturen 1949-1989", zu sehen im Berliner Haus der Statistik.

"Wir haben gesagt: Wir machen eine Architekturausstellung und sagen: 'Wir gucken jetzt, was wurde da tatsächlich gebaut? Was wurde gemacht? Was haben die Architekten sich dabei gedacht? Und was sind die Themen, die die Architekten berührt haben?' - Und da stellt sich fest: Das mit der Grenze war da gar nicht mehr so klar."

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Keine Ordnung nach Ost und West

Die Fotos und Modelle, die hier zu sehen sind, sind also nicht nach Ost oder West, sondern thematisch geordnet: vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Wiedervereinigung 1989. Leicht zu erkennen ist dabei, dass in beiden Teilen Deutschlands mal imposant, mal einfach mal quadratisch, mal geschwungen und auch mal hoch hinaus gebaut wurde.

Von Staats wegen ging es dabei hüben wie drüben ums Prestige, mittels repräsentabler Regierungsbauten: etwa mit dem Fernsehturm und dem Palast der Republik dahinter in Berlin, Hauptstadt der DDR und mit dem Bonner Bundestag mit verglastem Plenarbereich unter vorgezogenem Flachdach in der BRD.

Sünden und Prachtstücke in zwei deutschen Architekturen

Fürs gemeine Volk aber ging es auch einfacher auf beiden Seiten. "Wenn wir zur Vorfertigung gehen, zum Plattenbau, da sind die Anfänge gemeinsam", sagt Frank. Und erst später spalte es sich auf. "Als dann in der DDR wirklich der Plattenbau in großer Serie anfängt, sind die Firmen im Westen schon pleite: Da war die Baukrise von den 70er-Jahren dazwischen."

Große Parallelen bei den Bauten im Kulturbereich

Etwas aufregenderer sind dann die Parallelen im Kulturbereich - etwa zwischen kühl geometrischen Theaterbauten, oder modern gestalteten neuen Lichtspielhäusern aus den Sechzigern wie dem Zoo-Palast in Berlin West und dem Kino Kosmos in Berlin Ost.

Dazwischen stehen Architektur-Ikonen wie die Philharmonie und die Neue Nationalgalerie für sich und machen klar: Es gibt Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zwischen den deutschen Architekturen. Anhand von Modellen, Bildern, Texten, an Stellwänden und noch mehr Material in diversen Schubladen kann man sich darin vertiefen und feststellen, dass viele Debatten über Städtebau zeitgleich geführt wurden, dass manche Architekten hier wie da gearbeitet haben und dass das, was sie entwarfen, heute manchmal bewundertes Baudenkmal, bisweilen aber auch Bausünde ist - in Ost oder in West, in zwei deutschen Architekturen.

Sendung: Inforadio, 15.07.2021, 16 Uhr

Beitrag von Barbara Wiegand

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich wohne seit vielen Jahren im Plattenbau - bei der Besichtigung war ich ganz überrascht, wie schön und hell sich die Wohnung „anfühlte“, denn (auch) ich hatte Vorurteile. Nicht mehr! Die durchdachte Zimmeraufteilung, der große Balkon, der ruhige Innenhof, Abstellkammer anstatt Keller, und eben die Lüftung - alles passt, ist wirklich praktisch und auch kinderfreundlich. Von Außen allerdings… naja, schön ist dann doch etwas Anderes.

  2. 1.

    Ich bin gespannt, ob in der Ausstellung etwas zu den gravierenden Unterschieden im Bauen für die Massen Ost vs. West erzählt wird. So war für den DDR-Wohnungsbau - wo für alle in Platte gebaut wurde, nicht nur fürs Proletariat, auch die Durchmischung der Wohngebiete war wichtig - z. B. ein zentrales Qualitätsmerkmal für Mehrraumwohnungen, daß man die Wohnungen querlüften kann. Daher waren Ein-, Zwei- und Dreispänner die erste Wahl, während im Westen der "soziale Wohnungsbau" vor allem das abgehängte Proletariat im wahrsten Sinne des Wortes be-traf und zumeist als Vier- und Fünfspänner sowie Mittel- und Laubenganghäuser mit Fenstern zu nur einer Seite ausgeführt wurde. "Verspielte" Grundrisse im Westen, in denen man kein normales Möbelstück aufstellen kann (bspw. Gasteiner Straße), kontrastieren mit vielleicht als langweiliger empfundenen, aber praktischeren Grundrissen im Osten.

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