"Die Liste der Gottbegnadeten" - Ausstellung über Hitlers liebste Künstler im Deutschen Historischen Museum

Archivbild: Das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt. Berlin, 1953. (Quelle: DHM/Fotografin: Liselotte Orgel-Köhne
Audio: Inforadio | 25.08.2021 | M. Ossowski | Bild: DHM/Fotografin: Liselotte Orgel-Köhne

Im September 1944 entschieden Hitler und Goebbels, welche 114 Maler und Bildhauer nicht in den Krieg ziehen mussten. "Gottbegnadet" seien sie. Das Deutsche Historische Museum hat dem Thema erstmals eine Ausstellung gewidmet. Von Maria Ossowski

Es war eine Auszeichnung, auf dieser Liste zu stehen. Im September 1944 entschieden Hitler und Goebbels, welche 114 Maler und Bildhauer nicht zum Militär eingezogen werden, wer nicht an die Front muss in den "Totalen Krieg".

"Gottbegnadet" seien sie, Hitler hat diesen Ausdruck oft benutzt, auch um diese Künstler von jenen der verachteten Moderne zu unterscheiden. Das Deutsche Historische Museum hat als erstes überhaupt diesem Thema eine Ausstellung gewidmet.

Die "Gottbegnadeten" galten als die Vertreter der "artreinen" Kunst, sie orientierten sich am Klassizismus des 19. Jahrhunderts. Ihre Namen sind uns heute kaum noch geläufig. Arno Breker kennen wir. Aber Hermann Kaspar? Willy Meller? Werner Peine? Richard Scheibe? In den 1950er und 60er Jahren waren diese Künstler trotz ihrer Vergangenheit geachtet, und vor allem bekamen sie viele Aufträge. Auch in der Kunst war die berühmte Stunde Null ein Mythos. Wolfgang Brauneis ist der Kurator und hat viele Jahre über die "Gottbegnadeten" recherchiert.

Deutsches Historisches Museum in Berlin © imago images/Winfried Rothermel
Deutsches Historisches Museum in Berlin | Bild: imago images/Winfried Rothermel

Chefausstatter des Reichsparteitagsgeländes

"Fast alle der Künstler, die wir hier sehen und die Professuren im Nationalsozialismus hatten, waren auch nach 1945 Professoren. Meistens in der Akademie in Düsseldorf und in München", sagt Brauneis, "an der Akademie in Dresden war dies beispielsweise überhaupt nicht der Fall. Überhaupt kommt die DDR kaum vor in dieser Ausstellung, deshalb wird die Bundesrepublik im Untertitel auch genannt, weil es ein spezifisches und primär bundesrepublikanisches Thema ist."

Hermann Kaspar hat zum Beispiel für die Meistersingerhalle in Nürnberg 1970 einen riesigen Gobelin geschaffen, Titel: "Die Frau Musica". Kaspar stand auf der Liste, er hatte die Räume der Reichskanzlei gestaltet, er war Chefausstatter des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, noch heute sieht man im Haus der Kunst in München seine Hakenkreuze an der Kassettendecke hinter dem Café. Er hat die Museen mit "gesäubert" von "entarteter Kunst". Und dennoch: Dieser Großauftrag später mit dem Gobelin schien kein Problem. Eine blonde Frau mit langem Haar, alte Instrumente, Blumen. Kaspar orientierte sich thematisch nicht besonders neu. Wie viele auf der Liste.

Einige "Gottbegnadete" durften später Mahnmale gestalten

"Bestimmte ikonographische Themen wie der Rossebändiger, die trauernde Mutter, antike Themen oder auch Symbole für das Abendland wurden verwendet. So auch in der klassischen Musik beispielsweise – man stellt da nicht anno 1970 Beat- oder Krautrock als Thema dar, sondern die Dame mit blonder Mähne und Violoncello", berichtet Kurator Brauneis.

Besonders erstaunlich: Einige sogenannte "Gottbegnadete" durften nach dem Krieg Mahnmale gestalten. Meist für die Opfer des Krieges, allerdings nicht für Juden. Niemand interessierte sich für den Holocaust. Nein, die trauernde Mutter eines gefallenen Soldaten, der verhungerte Flüchtling, an sie wollte man mit Denkmälern erinnern.

Richard Scheibe, ebenfalls auf Hitlers Liste, durfte 1953 sogar für jenen Hof, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg und andere Widerstandskämpfer nach dem 20. Juli 1944 erschossen wurden, das Denkmal schaffen. Einen nackten, gefesselten Jüngling. Er steht heute noch da – im Bendlerblock in Berlin. Die Kontinuität in Scheibes' Schaffen erschüttert. Wolfgang Brauneis sagt: "Die Arbeit, die Scheibe für einen Innenhof der Luftwaffe, noch im Nationalsozialismus natürlich, und die wir hier neben der Reproduktion des Ehrenmals im Bendlerblock sehen, zeigt eigentlich eine mehr oder weniger identische Figur, mit einem Bogen versehen. Es ist eine Art Figurentypus, der universell funktioniert sowohl für die Luftwaffe als auch für den Widerstand."

Ausstellung gehört in kein Kunstmuseum

Am Schluss der Ausstellung, die sich über zwei Stockwerke im Deutschen Historischen Museum zieht, sind Fotografien von 300 Kunstwerken im öffentlichen Raum zu sehen, die "Gottbegnadete" in Deutschland und Österreich schufen, davon 200 sogar nach dem Krieg.

Es gibt viele, die aus der Nazizeit stammen, auch in Berlin: Arno Brekers "Siegerin" oder Adolf Wampers Reliefskulpturen vor der Waldbühne. Die Namen der "Gottbegnadeten" allerdings sind meist vergessen. Als "Nichtkunst", "Unkunst" wurde sie ab den 1980er Jahren wahrgenommen. Die Künstler selbst mussten jedoch keine Not leiden. Die meisten hatten nicht nur dank privater Auftraggeber ein gutes Auskommen, sondern eben auch als Lehrende in den Akademien.

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist keine Kunstausstellung, sie gehört auch in kein Kunstmuseum. Sie schließt eine historisch bislang nicht beachtete Lücke, sie klärt auf, welche Kontinuitäten es gab in der Kunst - von der Nazizeit bis weit in die 1970er Jahre. Damit ist sie eine der wichtigsten Ausstellungen, die weit über Berlin hinaus wirken sollte.

5 Kommentare

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  1. 5.

    @Dagmar: Ganz sicher hat auch die DDR einige Augen zugedrückt aber die ehemalige (BRD mit der Adenauer-Regierung) hat den Persilschein schon weitaus großzügiger verteilt. Also bitte nicht vom Gegenteil sprechen.

  2. 3.

    Schade, dass wieder einmal nähere Infos zur Ausstellung fehlen. Wäre schön, wenn man wenigstens Anfang und Ende erfahren würde.

  3. 2.

    Die Adenauersche Republik war im Grunde eine des "Persilscheins": Eine der Demokratie verbal zugewandte Erklärung unterschrieben und dann Schwamm drüber über das Ganze. Motto: Andere Akteure haben wir nicht.

  4. 1.

    Es gab auch "Ggottbegebadete" Schauspieler die vom Krieg freigestellt wurden . U.a. Heinz Rühmann

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