Kommentar | Bilanz nach 16 Jahren - Warum sich die Kanzlerin in Sachen Kultur zu lange zurückhielt

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, geht nach dem Erhalt der Ehrendoktorwürde der Leipziger Handelshochschule (HHL) von der Bühne (Bild: dpa/Jan Woitas)
Bild: dpa/Jan Woitas

In Ihrer Zeit als Bundeskanzlerin hat sich Angela Merkel immer offen für Kultur gezeigt - kulturpolitische Richtlinien allerdings gab sie nicht vor. Das überließ sie anderen. In der Corona-Krise jedoch ist diese Strategie nicht aufgegangen. Von Maria Ossowski

Es waren viele Debatten in der Kulturpolitik, die das Feuilleton in den vergangenen 16 Jahren beschäftigt haben: Fragen rund um die von Nazis geraubte Kunst und die vertriebenen Künstler, das Humboldt-Forum, das "Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung" mit den Dauerstreitpunkten um Erika Steinbach, die Streitereien um eine Leitkultur, Filmförderung, die Buchpreisbindung, das Einheitsdenkmal, die Kolonialismus-Debatte und und und.

Wie hat sich die Kanzlerin sich da positioniert?

Keine kulturpolitische Grundsatzrede

Positiv formuliert übte sich die Kanzlerin mit all diesen Themen in vornehmer Zurückhaltung. Denn es ist keine einzige kulturpolitische Grundsatzrede von Angela Merkel überliefert. Ja, sie besucht regelmäßig Konzerte, Filmpremieren, Opern, sie weiht Museen ein. Die Eröffnung des Barberini-Museums in Potsdam zum Beispiel hat ihr sicher mehr Freude bereitet als die zufällig gleichzeitige Amtseinführung von Donald Trump in Washington, des kulturfernsten aller US-Präsidenten.

Keine Richtlinien

Angela Merkel ist durch und durch kulturinteressiert. Als Kanzlerin jedoch sah und sieht sie sich nicht als Richtliniengeberin in kulturellen Fragen, sondern höchstens als Ermöglicherin der besten Bedingungen für das in ihrem Hause angesiedelte Staatsministerium für Kultur und Medien.

Das tut sie strategisch außerordentlich geschickt. Als sie den engen Helmut-Kohl-Freund Bernd Neumann in dieses Amt berief, tat sie dies sicher einerseits, um die rumorenden Kohl-Anhänger in der Partei zu beruhigen und einen Kohl-Intimus an sich zu binden und zur Loyalität zu verpflichten.

An Monika Grütters verwiesen - und geschwiegen

Andererseits aber war der Schachzug für die Kulturpolitik ein Segen. Denn ein bestens vernetzter Politprofi konnte die Rahmenbedingungen schaffen für eine fundierte Kulturförderung in allen Bereichen. Die Debatten überließ Neumann den Intellektuellen, den Feuilletons. Er machte Kulturpolitik. Die Kanzlerin ließ ihn gewähren und hielt sich zurück.

Desgleichen bei Monika Grütters. Die konnte ihren Etat enorm steigern, ihr kontrovers diskutiertes Kulturgutschutzgesetz durchfechten, ihre Museumsprojekte auf den Weg bringen. Angela Merkel ließ sie gewähren und blieb im Hintergrund.

16 Jahre hat der Kulturrat als spartenübergreifender Spitzenverband sämtlicher Bundeskulturverbände die Kanzlerin um einen kulturpolitischen Leitartikel gebeten. Sie hat immer an Monika Grütters verwiesen - und geschwiegen. Sicher auch, weil Kultur Ländersache ist und sie die Ministerpräsidenten nicht verärgern wollte.

Corona-Krise: Merkel schwieg und schwieg

Sie blieb die Ermöglicherin, sehr engagiert und gleichzeitig bescheiden im privaten Kulturgenuss. Merkel zahlt für ihre Tickets, wenn sie nach der Eröffnung noch in Bayreuth verweilt und ganz ohne Brimborium oder Ehrenloge in Reihe 13 oder 16 Platz nimmt. Für Repertoire-Aufführungen in Opernhäusern huscht sie kurz vor Beginn hinein und verschwindet mit dem Applaus. All das ist sympathisch, es zeigt ihr Interesse.

Die Kulturstaatsminister gewähren zu lassen, beweist Souveränität. Dann aber brach die größtmögliche Katastrophe, der Supergau über das Kulturvolk herein: Corona und die geschlossenen Institutionen. 90 Prozent aller Künstler waren und sind betroffen, alle Kulturliebenden ebenso. Die Kulturnation Deutschland stand vor der größten Bewährungsprobe der Nachkriegszeit. Und Angela Merkel? Schwieg. Schwieg. Schwieg viel zu lange.

Ein unverzeihbarer Fehler

Als Museen und Bordelle in einem Topf der zu schließenden Vergnügungsorte landeten, da hätte die erste Frau im Staate eingreifen müssen - die Kultur schützen müssen. Warum hat die Kanzlerin keine grundsätzliche, wegweisende Rede zur Bedeutung der Kultur gehaltenen?

Monika Grütters in allen Ehren - hier hätte das Wort der Kanzlerin ein größeres Gewicht gehabt. Es hätte vielleicht getröstet, vor allem aber Orientierung geboten. Dies zu unterlassen, das ist ein großer Fehler gewesen, vielleicht ihr größter. Einer, der nicht hätte passieren dürfen. Einer, den viele Kulturmenschen hier lange nicht vergessen werden.

Sendung: Inforadio, 29.08.2021, 13:10 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

6 Kommentare

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  1. 6.

    Also wenn man den Artikel ließt muss man feststellen: die Kanzlerin hat zu 98.5% alles richtig gemacht - eine sehr gute Quote. Wer kann das von sich sagen?

  2. 5.

    Auch Frau Merkel hat es verpasst, den richtigen Zeitpunkt zu wählen und aus der Politik rechtzeitig auszusteigen! Jetzt ist die Bilanz nach 16-jährigen Kanzlerschaft nicht so berauschend!

  3. 4.

    Die Kanzlernde hat zu allem geschwiegen. Wenn sie doch einmal etwas gesagt hat, haben deren Folgen die Gesellschaft, Deutschland und Europa gespalten.
    Und Kultur ist nun wirklich unwichtig.
    Die Kanzlerin würde sagen: nicht systemrelevant.

  4. 3.

    Die Überschrift ist falsch gewählt, dort heißt es Kultur, aber gemeint ist eigentlich die politische Kultur, und das ist was ganz anderes.
    Beispielsweise, dass sich die Vertriebenen einen Herzenswunsch erfüllt haben, sei ihnen vergönnt, aber ich wüsste nicht, was das mit Kultur zu tun hat. Es ist ein politisches Denkmal, wo sie sich als Opfer darstellen konnten, und ein bischen Beiwerk sollte es vertuschen, ansonsten wäre es wohl nicht durchsetzbar gewesen. Ich kann mir vorstellen, dass Frau Merkel bei diesem Thema ein Unwohlsein verspürte, voll nachvollziehbar.

  5. 2.

    Die Strategie war, alles auszusitzen bis sich daraus eine Krise entwickelt hat..

  6. 1.

    Welche Strategie hat denn die Bundesregierung als alles zu verbieten?

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