Neue Räume gefunden - Kreuzberger Buchhandlung "Kisch & Co" vor dem Aus gerettet

Die Buchhandlung Kisch & Co. an ihrem jetzigen Standort (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Audio: Inforadio | 21.08.2021 | Buchhändler Thorsten Willenbrock | Bild: rbb/Wolf Siebert

Die Buchhandlung "Kisch & Co." in Berlin-Kreuzberg sollte eigentlich zwangsgeräumt werden. Doch nun konnten kurzfristig neue Räume gefunden werden. Der Fall verdeutlicht ein Problem vor dem viele inhabergeführte Läden stehen. Von Wolf Siebert

Die Kreuzberger Traditionsbuchhandlung "Kisch & Co." hat nach Informationen des rbb mit dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen einen Mietvertrag geschlossen. Die neuen Räume liegen in der Oranienstraße 32, nur wenige Meter vom alten Standort der Buchhandlung entfernt. Damit konnte die für kommenden Dienstag angesetzte Zwangsräumung abgewendet werden. Stattdessen wird es lediglich eine Übergaberäumung geben.

Buchhändler Thorsten Willenbrock sagte, er sei unglaublich "erleichtert". Der neue Vertrag laufe zunächst über zwei Jahre, Willenbrock habe aber mehrmals die Option den Vertrag zu verlängern. Da die neuen Verkaufsräume renoviert und sofort beziehbar sind, müsse der Betrieb für den Umzug nicht unterbrochen werden. Nach dem Umzug hat "Kisch & Co." aber eine deutlich geringere Verkaufsfläche als bisher und wird sein Sortiment deshalb verkleinern müssen. Willenbrock rechnet außerdem mit 20 bis 25 Prozent weniger Umsatz.

Nicht dieselben Schutzrechte wie Wohnungsmieter

Der Buchhändler fordert von der neuen Bundesregierung, Schutzgesetze für Gewerbemieter zu schaffen. Entsprechende Vorschläge waren im vergangenen Jahr von den Grünen und der Partei Die Linke in den Bundestag eingebracht worden, dort wurde aber keine Mehrheit gefunden. Willenbrock sagte: "Gerade die kleinen Buchhandlungen stehen finanziell extrem unter Druck. Ohne bezahlbare Mieten und ohne entsprechende Schutzgesetze kann bei vielen inhabergeführten Buchläden das Aus nicht verhindert werden."

Nach rund 23 Jahren am alten Standort, der Oranienstraße 25, war der alte Mietvertrag von "Kisch & Co." ausgelaufen. Der Buchhändler und der Vermieter, ein luxemburgischer Immobilienfonds, hatten sich nicht auf eine Verlängerung des Vertrags zu bezahlbarem Mietzins einigen können. Der Vertrag wurde gekündigt.

Die neuen Räume für die Buchhandlung "Kisch & Co." (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Die künftigen Räume der Buchhandlung "Kisch & Co." in der Oranienstraße 32 | Bild: rbb/Wolf Siebert

Ein breites Bündnis von Initiativen hatte sich in der Öffentlichkeit gegen die Verdrängung der Buchhandlung eingesetzt, auch Vertreter des Senats hatten sich für einen neuen Mietvertrag stark gemacht. Die Eigentümer von "Kisch & Co." gingen gegen die Zwangsräumung juristisch vor, verloren aber vor Gericht. Denn zurzeit gibt es in Deutschland kein Gewerbemietrecht mit ähnlichen Schutzvorschriften wie für Wohnungsmieter.

Sendung: Inforadio, 19.08.2021, 15.55 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert

18 Kommentare

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  1. 18.

    Es geht nicht um ausgerufene Kampagnen, es geht um die eigene Empfindung und dass jeweils darüber gesprochen wird. Genau deshalb habe ich auch die unterschiedlichsten Beispiele genannt, die bei weitem nicht bei Kisch & Co. stehenblieben, sondern weit darüberhinausgingen.

    Selbstverständlich lohnt es zuweilen, Umstände zu fokussieren, um sie anschaulich werden zu lassen. Ansonsten verlieren sie sich in der Abstraktion.

  2. 17.

    Was ist denn bei Gewerbe eine „bezahlbare Miete“? Hallo RBB, Ihr schreibt das als Fakt. Könnt Ihr dann auch bitte erklären, was das sein soll? Wie hoch darf denn die Miete für einen Buchladen sein? Ohne Zahlen ist das alles völlig nebulös.

  3. 16.

    Och naja, anders als die Kapitalismuskritiker sich das zusammenphantasieren geht es ja nicht darum, "Deutsche Wohnen & Co" in Kürze entschädigungslos zu enteignen und dann alles zu "Volkseigentum" zu (v)erklären, damit das Motto wieder lauten kann: "KWV" (vom sozialismusgeplagten Volksmund treffend übersetzt mit "Kann weiter verfallen").

    Es geht allenfalls um einen Zwangsverkauf zu sehr ordentlichen Preisen. Für den das völlig überschuldete Land Berlin erstmal das Geld aufbringen muss - wenn es die längeren Gerichtsverfahren, die "Deutsche Wohnen & Co" anstrengen dürften, denn gewonnen haben sollte.

  4. 15.

    Die einen sagen so, die anderen so. Das ist alles subjektiv und daher willkürlich. Wir sollten damit lieber nicht weitermachen. Sonst geht es nach Ideologen…. Ein „kauft nicht beim ….“ will ich nie wieder

  5. 14.

    Investoren und Restauration sind willkommen und wichtig.
    Damit nicht alles so räudig aussieht wie auf dem Foto muss eine NEUE Klientel her, die nicht alles vollschmiert.
    Dann klappts auch mit einem Buchladen. Gerade die ökologisch radikalen Linken sollen haben doch so einen "Gemeinschaftssinn" und lassen alles verkommen, was andere aufgebaut haben. Ehemalige Kiez-Bewohner, wie ich, dieser Gegenden bekommen das Schaudern. Wer kennt wohl den waren Grund weshalb der Laden schließ muss, vielleicht war das Maß voll... Problemorte wie : Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg - hier wird man sicherlich in den nächsten 5 Jahren ordentlich investieren und die Armut verdrängen. Denn in einer Stadt ist die Mitte immer teuer.

  6. 13.

    Der Bezirk!! In Kreuzberg gibt es solche Aufläufe auch für Spätis oder Aufbackläden.

  7. 12.

    Ich glaube, diese Pauschalität ist vorbei. Dass zwischen Unternehmenden unterschieden wird, die aus purer Überzeugung für etwas einstehen und zu diesem Zweck auch noch Geld verdienen, andererseits es Unternehmende gibt, für die die Zwecke beliebig und wahllos sind, weil für sie nur die Rendite maximal zu sein hat, das dürfte im Prinzip jedem Menschen klargeworden sein.

    Auch an Sie deshalb diese "Einladung".
    Kisch § Co. gehört natürlich zur ersten Gruppe.

    Auch Hasso Plattner würde ich - im größeren Stile allerdings - dazuzählen, Bill Gates zu Anfang auch noch.

  8. 11.

    Ok, neue Räume sind da, also kein Problem. Dieser Aufschrei um ein Kleinunternehmen ist schon erstaunlich. Sonst sind Unternehmer ja immer verpönt

  9. 10.

    Was ist denn an dieser Buchhandlung so besonders? Dass da so ein Menschenauflauf war wegen der Räumung?

  10. 9.

    "Traditionsbuchhandlung", was für eine Überhöhung .... das war tatsächlich Kiepert in Charlottenburg seit 1897 ...also über 100 Jahre für mehrere Generationen. Mit wechselnden Standorten rund ums Knie / Ernst-Reuter-Platz. Dagegen ist so ein Kreuzberger Umzug nach 2 Jahrzehnten eigentlich gar nichts. Interessant ist nur die Situation auf dem Mietmarkt.

  11. 8.

    Es ist nur ein Bauchladen…..

  12. 7.

    Der Neid der Besitzlosen.

  13. 6.

    Ein Pyrrussieg.....
    Toll für Kisch&Co, für diese engagierten Leute mit ihrer großen Fan-Gemeinde in und außerhalb des Kiezes.

    Gleichzeitig aber wohl gleich zwei Kröten, die geschluckt werden müssen. Vor allem mal, das die Mistheuschrecken des bisherigen Gebäudes mit ihrem absolut asozialen Umgang mit den Bestandsmietern und ihrer verdammten Zockerei - die nun tatsächlich "vergoldet" wird.
    Und ein Gschmäckle hat auch der neue Vermieter. "Deutsche Wohnen enteignen" - dieser Slogan stand ja auch lange im Schaufenster von Kisch&Co. Das wird wohl in der Zukunft eng werden, mit derartigen Äußerungen.
    Aber: halten wir uns am Guten fest - schön, das der O-Straße ein prägendes Unternehmen erhalten bleibt!

  14. 5.

    Bekämpft die Heuschrecken - bevor diese auch Euch aussaugen !
    Um die Gefahr zu erkennen, muß man sich nur Zeit nehmen !

  15. 4.

    Wer hat Gesetzesänderung im Bundestag verhindert? sPD, cDU und afdp. Keine Überraschung!

  16. 3.

    23? Was ist denn vorher dann in den Räumen gewesen? Erfreulich jedenfalls. Dann „viel Vergnügen“ den neuen Mietern oder Eigentümern des alten Ladens… bzw. steht Der wahrscheinlich eh erst mal jahrelang leer.

  17. 2.

    Geschicktes PR Manöver der Deutsche Wohnen. Teile und Herrsche 2021...

    Wenn die Entwicklung in der Stadt (u.a. getrieben durch die Deutsche Wohnen ) nicht so dramatisch und existenziell wäre, müsste man beinahe lachen.

  18. 1.

    Vertrag ausgerechnet mit "Deutsche Wohnen"?
    Hoffentlich wertet die Kundschaft von "Kisch & Co" das nicht Verbrüderung mit "dem Feind" und bleibt danach dem Laden fern!
    Oder ist das nur ein Schachzug des renditegeilen Großkonzerns, der damit die Solidarität unter den traditionell links denkenden in Kreuzberg aufbrechen will?

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