Konzertkritik | Konstantin Wecker im Wintergarten - Anrührend trotz knallharter politischer Botschaft

ARCHIV, 18.9.2020: Konstantin Wecker live auf der Freilichtbühne Junge Garde. Dresden (Bild: imago images/Future Image)
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Audio: rbbKultur | 24.08.2021 | Ute Büsing | Bild: imago images/Future Image

Konstantin Wecker ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Liedermacher. Am Montagabend gab er im Berliner Wintergarten ein Solo-Konzert - mit einem Rückblick auf 50 Bühnenjahre. Von Ute Büsing

Konstantin Wecker freut sich sichtlich nach langer Corona-Pause wieder live zu singen und das Lebensmittel Kunst mit vollen Händen auszuteilen: gleich ein ganzes Künstlerleben im gut zweistündigen Schnelldurchgang. Der Liedermacher beginnt seine Rückschau mit "sado-poetischen" Gesängen, die er in einer Münchner Schwulenbar erprobte. Da lief der damals 19-Jährige im Pelzmantel rum und fuhr ein Protzauto namens "Firebird". Heute geißelt der weißhaarige weißbärtige Liedermacher in grau-schwarzem Schlabberlook sein damaliges "Möchtegern-Ober-Macho"-Gehabe.

Archivbild: Konstantin Wecker zu Gast bei Ina Müller in der TV Sendung Inas Nacht in der Kneipe Zum Schellfischposten. (Quelle: imago images/C. Dobs)
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Rebell und Warheitssucher

Andererseits ist sich der inzwischen 74-Jährige im poetischen Kern und im politischen Anspruch treu geblieben. Einmal Rebell, immer Rebell. Wecker ist ein Wahrheitssucher, der seine Lieder nahe an gesellschaftlichen Wunden anlegt. Sein treibendes, perlendes Piano-Spiel ist immer noch sofort wiederkennbar, wie die kraftvolle Stimme, die seine meist melancholischen Hymnen prägt. Er mischt in seiner Rückschau die ausufernden, lustvollen Lieder wie "Genug ist nie genug", für die ihn sein Publikum - überwiegend wie er aufrecht Ergraute - liebt und schätzt, mit dezidiert politischen Stellungnahmen zu Neofaschismus, Fremdenfeindlichkeit, Europa und Geflüchteten.

Liebevoll kehrt er zurück in seine Kindheit, zur gedichtelesenden Mutter, zum erfolglos Opern singenden Vater und ihrer zutiefst antifaschistischen Prägung, die sich auf ihn übertrug - wie die Neigung zu Gedichten und Liedern. Er schildert frühe Ausbruchversuche "vor autoritären Nazi-Lehrern", die im Knast endeten, seinem Münchner "Stammknast" Stadelheim. Seine Kokain-Abhängigkeit, die ihn auch dahin brachte, spart er diesmal aus. Ständig wechselt Wecker zwischen Piano und Lesetisch, auf dem all die Werke gestapelt sind, die er veröffentlicht hat - zuletzt im Kösel-Verlag Gedichte unter dem Titel "Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten".

Bekenntnis zu einem antifaschistischen Utopia

Immer noch ist Konstantin Wecker ein Künstler, der zutiefst Anrührendes mit knallharter politischer Botschaft zu verbinden vermag: ob er vom "Vaterland" singt, seinen 1977 entstandenen "Willy" mit den Opfern des rechten Amokläufers in Hanau verbindet, oder den Geschwistern Scholl und ihrer Widerstandsgruppe ein Denkmal setzt. Für seine in der Corona-Pause entstandenen neuen Bekenntnisse zu einem antifaschistischen Utopia bekommt er Extra-Applaus.

Dieser Revoluzzer wird nie aus Bequemlichkeit Lampen putzen, wie er in einem Song in Anspielung auf die berühmten Zeilen des Anarchisten Erich Mühsam reimt. Da darf man sich sicher sein und auf opulente Konzerte hoffen, wenn er im Herbst mit seiner "Utopia"-Tour nach Berlin kommt. Kostproben wie den von Goethe inspirierten Sprechgesang "Faust" trägt er schon mal solo vor. Sein "Utopia"-Album mit Band liegt bereits bei Sturm und Klang vor.

Beitrag von Ute Büsing

5 Kommentare

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  1. 5.

    Eine Korrektur:
    Natürlich meinte ich nicht "an dem", sondern "für den".
    Über 50 schlaflose Stunden haben da wohl ihren Tribut gefordert.
    Vielleicht sollte ich doch anfagen, KW-Songs zu hören, um durch diese Berieselung mit Nichtigkeiten besser schlummern zu können.

  2. 4.

    Ja, da ist sich einer selbst treu geblieben, ohne in halsstarrigem Dogmatismus zu enden. Wirklich selten in der heutigen Zeit a) des überbordenden Pragmatismus und b) der zunehmend PR-beeinflussten, faktisch zulegten Meinung.

  3. 3.

    Meine absolute Zustimmung. Lieber höre ich mir dümmliche Blödelsongs und liebesverseuchte Schnulzen an als dem Opportunismus dieses Nichts Lebenszeit zu opfern.
    Dieser Wecker will, dass seine Zuhörer weiterschlafen.

  4. 2.

    Die Wahrheit ist glitschig wie ein Fisch. Kaum glaubt man, ihn oder sie zu haben, sind sie wieder weg. Das weiß auch Wecker.

  5. 1.

    Ja, so lange Wecker immer schön das linksgrüne, politisch korrekte Juste Milieu bedient, wird er nie Lampen putzen müssen. Denn dann droht ihm keine Cancel Culture, wie die gefühlsduselige Lobhudelei dieses Artikels zeigt.

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